Aachen: Dafür hat Gregor Gysi sogar den Vorsitz abgegeben

Aachen : Dafür hat Gregor Gysi sogar den Vorsitz abgegeben

Hauptsache, er hat sich wohl gefühlt. Und so aufgeräumt, wie sich Gregor Gysi, der neue Ordensritter „wider den tierischen Ernst“, nach Ende der großen Show des Aachener Karnevalsvereins (AKV) zeigte, hat er offenbar nichts bereut.

Er freue sich sehr über „die wichtigste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland“, gab er am Samstag gleich mehrfach zu Protokoll und betonte auch in seiner Ritterrede, „so scharf auf den Orden gewesen zu sein“, dass er dafür sogar den Fraktionsvorsitz der Linken im Bundestag niedergelegt habe. Vorher — davon ist er überzeugt — hätte er ihn nie bekommen.

Nun also ist er der erste Linke in der langen Geschichte des AKV, der sich in die Riege der überwiegend konservativen Ordensritter einreihen darf. „Links zu sein und beliebt bei Konservativen, diese Quadratur des Kreises“ schaffe nur Gysi, erklärte AKV-Präsident Werner Pfeil. Wie kaum ein anderer Politiker glänze er mit Witz und Ironie und bringe Pep in ansonsten öde Bundestagsdebatten, heißt es in der Begründung.

Söder nur als Videobotschaft

Etwas von dieser rhetorischen Kunst musste der Berliner nun auch im Aachener Eurogress aufblitzen lassen. Denn bis er am späten Samstagabend endlich in den Ritterkäfig geholt wurde, mussten einige zähe Nummern überstanden werden, die unter einer erbärmlichen Akustik im Saal litten (siehe Text unten). So versandete denn auch beinahe ungehört die Laudatio von Literaturprofessorin Gertrud Höhler auf diesen „Schauspieler im Spezialressort Politik“, den die Aachener Jecken „in der Tabuzone der Politischickeria“ aufgetan haben.

Lichtjahre sei Gysi vom Vorjahresritter Markus Söder am anderen politischen Rand entfernt, befand Höhler. Weil Söder offenbar erst gar nicht mit Gysi zusammentreffen wollte, entsandte er lediglich eine Videobotschaft. Nicht besonders witzig, nicht besonders freundlich: „Was kann ich als CSU-ler aus Bayern Positives über Kommunisten aus Berlin sagen?“ Politisch seien sie durch „Galaxien“ getrennt. „Und auch die Höhe ist unterschiedlich, also er ist 30 Zentimeter kürzer als ich.“

Kürzer sei er in der Tat, konterte der 1,64-Meter-Mann in seiner Rede an die „lieben Öchnerinnen und Öchner“, Söder habe aber vergessen über wahre „Größe“ zu reden. Was folgte, war zunächst ein sehr staatsmännisch vorgetragenes Plädoyer für ein offenes und gemeinsames Europa und gegen den neuen Nationalismus. Auch beim Thema Donald Trump blieb Gysi eher ernst: Bloß kein Kriechertum, bloß kein Buckeln, rät er. „Seid rotzfrech gegenüber Trump.“

Er sei ja kein Satiriker, hatte der 69-Jährige bereits im Vorfeld erklärt, der noch dazu ein erklärter Feind von Verkleidungen ist. Der AKV muss ihm da gerade recht gekommen sein: Kostümzwang gibt es bekanntlich nicht, und das männliche Publikum bevorzugt ohnehin eine Anzugfarbskala von steingrau über aschgrau bis mausgrau.

Gysi, immerhin im blauen Zwirn, fand dann aber doch noch einen karnevalistischen Dreh. Er sei ja gelernter Rinderzüchter, klärte er auf. Er könne ausmisten, melken, künstlich besamen und mit Hornochsen umgehen. Letzteres sei „eine zwingende Voraussetzung für die Politik“.

Als Frechheit empfinde er es hingegen, dass es so viele Witze über ihn gibt. „Die treffen mich“, sagt er und liefert die Beispiele gleich mit. Etwa wie er mit Norbert Blüm zusammen in eine Kneipe geht. „Herr Ober, zwei Kurze“, sagen sie. Antwort: „Das sehe ich, aber was wollen Sie trinken.“ Derlei Kalauer kamen bestens an.

Der laut AKV „Lieblingslinke des Bürgertums“ wurde von der bourgeoisen Narrenschar ausgiebig bejubelt. Kritische Töne gab es nicht. Und so bewahrheitete sich, was Gysi zuvor eingefordert hat: Alle 100 Jahre müsse Aachen halt mal eine solche Ausnahme wie ihn im Narrenkäfig aushalten.

Für den Berliner ist die Aachener Auszeichnung zugleich so etwas wie das I-Tüpfelchen auf der deutschen Einheit: Man hätte ihn wohl für verrückt erklärt, wenn er 1990 jemandem gesagt hätte, dass er mal diesen Orden erhalte. Er sei stolz darauf, es jetzt geschafft zu haben. Das zeige eben auch: „Wir haben uns alle ein bisschen verändert und zueinander gefunden.“

Ausschnitte von der Ordensverleihung des AKV zeigt das Erste am Montagabend um 20.15 Uhr

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