Aachen: Zweisprachig in ferne Lesewelten

Aachen : Zweisprachig in ferne Lesewelten

„Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt“ — ein griffiges Zitat des Philosophen steht für das mehrsprachige Vorleseprojekt im Familienzentrum Albert-Maas-Straße. Die Kindertagesstätte wird zum internationalen Vorlesesaal: Regelmäßig lesen Eltern den Kindern Geschichten vor — in deutscher, arabischer, russischer oder italienischer Sprache.

„Die Kinder lernen so unter anderem den Klang und den Rhythmus der unterschiedlichen Sprachen kennen und erfahren außerdem vieles über kulturelle Besonderheiten der einzelnen Länder“, sagt Claudia Kuckelkorn, Leiterin des Familienzentrums. Mit Spendenmitteln aus der Aktion „Menschen helfen Menschen“ werden Eltern als Vorleser geschult.

Am Anfang steht nicht selten die reine Selbstüberwindung. „Es hat schon etwas gedauert, bis ich mich getraut habe“, sagt Marina Meder und meint den Schritt vor die kleinen Zuhörer. „Dem eigenen Kind liest man wie selbstverständlich etwas vor, aber vor einer größeren Gruppe — das ist schon etwas anderes“, sagt Meder. Bei der Vorbereitung spielen Sprach- und Ausdrucksfähigkeiten, Kenntnisse in Entwicklungspsychologie und das Wissen um Qualitätskriterien für gute Bücher eine Rolle.

Das Projekt mit dem Namen „Bücher-Mehr“ ist auch eine Folgeerscheinung eines offensichtlichen Missstandes: „Während es für einige Kinder selbstverständlich ist, kennen viele das Vorlesen eben nicht von zu Hause“, sagt Kuckelkorn. „Da kommt eine Vorbildfunktion ins Spiel. Wenn die Erwachsenen zum Buch greifen, lassen Kinder sich in der Regel mitreißen.“

Zwei Vorleser, zwei Sprachen, gebannte Zuhörer: Dieses Szenario bietet sich regelmäßig, wenn es sich Kinder und Eltern in der Leseecke treffen. In einer Einrichtung mit kleinen Besuchern und Eltern, deren Wurzeln in 25 verschiedenen Nationen liegen, sind kulturelle Unterschiede unweigerlich ein Thema. „Kinder wie Eltern merken mit der Zeit, dass die Eigenheiten der anderen oft gar nicht so weit weg von den Eigenheiten der eigenen Kultur sind“, sagt die Leiterin. „Am Ende sind alle stolz: Die Eltern auf sich und ihren Mut, und die Kinder auf Mama oder Papa, die vor vielen Zuhörern die Vorlesebühne betreten haben.“

(alba)
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