Ein hartes Jahr für Claudia Neumann: Zielscheibe für Häme

Ein hartes Jahr für Claudia Neumann : Zielscheibe für Häme

Vermutlich kann man am Ende des Jahres festhalten, dass kaum eine andere TV-Journalistin im Jahr 2018 so viel Häme und Sexismus erleiden musste wie Claudia Neumann.

Die ZDF-Kommentatorin war zwar schon ein bisschen vorbereitet auf den nächsten Shitstorm, als sie zur Fußball-WM nach Russland reiste. Die gebürtige Dürenerin wurde vor zwei Jahren bei der Fußball-EM eingesetzt, und von Anpfiff weg hagelte es Proteste in den (un)sozialen Medien. Eine Frau bei der Männersportart Fußball war für manchen Zuhörer zu viel.

In diesem Jahr tauchte sie als erste Kommentatorin bei der weltgrößten Fußball-Messe in Russland auf, selbst das war noch Pionierarbeit.

Arbeitgeber und Arbeitnehmerin hatten sich darauf eingestellt, dass auch im Jahr 2018 eine Frau am Mikrofon viele Reaktionen hervorrufen würde. Aber sie waren dann doch überrascht, wie zügellos der Protest ausgefallen ist. „Der Shitstorm gegen sie sprengt alle Grenzen“, urteilte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. „Widerlich.“ Vermutlich gilt die digitale Erkenntnis: „Dumm klickt gut.“ In zwei besonders gravierenden Fällen stellte der Sender Strafantrag wegen Beleidigung.

Journalisten haben sich daran gewöhnt, kritisiert zu werden. Wer in der Küche steht, bekommt Dampf ab. Aber bei Claudia Neumann fand die Kritik nur selten auf einer fachlichen Ebene statt. Es ging nicht um Kompetenz, sondern ums Klischee. Häufig kritisiert wurde ihre Stimme. Meistens aber ging es um ihr Geschlecht, auf den digitalen Plattformen wurde gefordert, sie soll den Flur beim ZDF putzen gehen. Das war noch ein fast zurückhaltender Vorschlag, meistens waren die Einträge unterirdisch beleidigend und übergriffig. Hemmungslos.

Neumann hat bei dem Turnier die Häme zunächst nicht an sich herangelassen, sie hat sich abgeschottet. Die Hetze in Sozialen Netzwerken sei „kein Claudia-Neumann-Problem, sondern ein gesellschaftliches Phänomen“, sagt sie. Sie ist gegen ihren Willen der Blitzableiter geworden.

Komplett ausblenden lässt sich der Shitstorm nicht. Neumann hat nach ihren Einsätzen auch viel Zuspruch bekommen, sie ist in eine Rolle gedrängt worden, die sie nie angestrebt hat. Sie will nur ihre Arbeit machen, sagt sie. Aber spätestens seit dieser WM wird sie regelmäßig gefragt, wenn es um Gleichberechtigung geht, oder wenn es um Übergriffe in den Sozialen Medien geht. Ein Zitat von ihr gilt als zeitlos: „Man kann den Menschen nur immer wieder zurufen: Geht länger zur Schule. Bildet euch weiter, erweitert euren Bewusstseinshorizont, dann lernt man auch, andere Haltungen zu tolerieren.“

„Claudia und (Männer-)Fußball: Das ist tatsächlich Liebe, ein Bund fürs Leben mit ganz viel Herz und Hirn. Ihre Leidenschaft gepaart mit der Solidarität der ZDF-KollegInnen: Eine eingespielte Abwehrkette gegen Hass und Häme, wenn Neandertaler online gehen.
Aufgewachsen mit diesem viel zu ernst genommenen Lieblingssport des männlichen Teils der Menschheit. Claudia ist seit Jahren beruflich dort zu Hause, wo sie hingehört: mit ihrer Emotion für den rollenden Ball, ihrer journalistischen Neugier und Hartnäckigkeit sowie ihrem Fußball-Sachverstand. Eine starke Frau und hoch geschätzte Kollegin. Aber keine Lobhudelei ohne klitzekleine Einschränkung: Ihre Zuneigung zum 1. FC Köln, da hört bei mir als Sympathisant der Düsseldorfer Fortuna der Spaß (hin und wieder) auf.“

Oliver Schmidt stammt aus Hückelhoven-Brachelen. Der heute 46-Jährige hat seine ersten journalistischen Schritte bei den „Aachener Nachrichten“ gemacht. Seit über 20 Jahren arbeitet er beim ZDF. Jahrelang war er Redaktionsleiter des „Aktuellen Sportstudios“. Seit langer Zeit kommentiert er die DFB-Länderspiele.

(pa)
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