Anja Dorn, Andreas Beitin und Christopher Ward: Was uns Kultur wert ist

Anja Dorn, Andreas Beitin und Christopher Ward : Was uns Kultur wert ist

Anja Dorn, Andreas Beitin und Christopher Ward haben dazu eine eindeutige Meinung

Das waren noch Zeiten, als man Sätze wie diesen unwidersprochen sagen konnte. Wer heute über Kunst und Kultur redet, der redet schnell über ganz andere, über profane Dinge. Über Geld vor allem. Das meint nicht nur die irrationalen Auswüchse auf dem Kunstmarkt, das meint auch Budgets, Zuschüsse, Sponsoren, Besucherzahlen.

Jeder, der vor Ort verantwortlich ist für Kultureinrichtungen, muss sich zwangsläufig intensiv damit auseinandersetzen. Letztlich steht man dann schnell vor der grundsätzlichen Frage: Wie viel ist der Gesellschaft, wie viel ist uns Kunst und Kultur wert?

Neue Leiterin des Leopold-Hoesch-Museums: Anja Dorn. Foto: grafik

Selbstverständlich wird das Thema sein, wenn Christopher Ward, seit August Generalmusikdirektor (GMD) am Theater Aachen, Anja Dorn, ebenfalls seit August Direktorin des Leopold-Hoesch-Museums und des Papiermuseums in Düren, und Andreas Beitin, noch Direktor des Aachener Ludwig Forums für Internationale Kunst, zu Gast bei unserer Gala sein werden. Aber nicht nur.

Der frische Blick, den die gebürtige Kölnerin Dorn und der Brite Ward auf die Region und auf die Bereitschaft der Menschen hier, sich auf Ausstellungen und Konzerte einzulassen, werfen können, wird mit Sicherheit erhellend sein. Bei Beitin, der das 1991 gegründete Ludwig Forum seit Februar 2016 leitet und zum 1. April als Direktor ans Kunstmuseum Wolfsburg wechselt, darf man wohl eher auf eine Bilanz seiner Arbeit hier gespannt sein.

Scheidender Leiter des Ludwig Forums: Andreas Beitin. Foto: grafik

Als Anja Dorn (47) in Düren antrat, sagte sie auf die Frage, wie sie ihre Aufgabe verstehe und welche Schwerpunkte sie setzen wolle, dass Kunst immer auch die Aufgabe habe, sich einzumischen, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, zur politischen Diskussion beizutragen. Das alt-ehrwürdige Hoesch-Museum, das 1905 eröffnet wurde und bis heute vom Mäzenatentum kunstsinniger Dürener Familien profitiert, will sie zu einer Kunsthalle machen, die auch dem Bürgerdialog ein Forum bieten soll. Ein Dialog, der idealerweise dazu führt, dass das Haus in der Region und in der Stadt selbst besser angenommen wird als bisher. Die Schwierigkeit ist es, dies mit dem Anspruch zu kombinieren, das traditionsreiche Haus auch über die Grenzen der Region hinaus zu positionieren.

Ähnlich umriss Andreas Beitin (50) seine Vision, als er Anfang 2016 in Aachen antrat. Der Forumsgedanke, sagte er damals, habe ihn schon immer fasziniert. Das Haus müsse Stellung beziehen, ein Ort sein, wo ein Diskurs stattfinden könne, wo gesellschaftlich relevante Themenstellungen verhandelt würden. Das hat Beitin vor allem mit der großen, maßgeblich von ihm konzipierten 68er-Schau „Flashes of the Future“ getan. Damit sorgte er auch überregional für Aufsehen.

Beweis und Lohn: Die deutsche Sektion des internationalen Kunstkritikerverbands AICA wählte das Ludwig Forum zum Museum des Jahres 2018 und „Flashes of the Future“ zur Ausstellung des Jahres. Dass diese hohe Reputation nicht den Besucherzahlen entspricht, dass das Ludwig Forum in der Region selbst wahrlich nicht als „deutschlandweit bestes Museum“ wahrgenommen wird, ist nur eines der Probleme, mit denen Beitin in Aachen konfrontiert war.

Besucherzahlen sind das Thema, für das sich Kommunalpolitiker besonders interessieren – zumal jene, die sich mit dem Haushalt beschäftigen. Öffentlich geförderte Kunst und Kultur sind Dinge, die man sich angesichts notorisch knapper Kassen leisten können muss. Beitin verweist zwar darauf, das 80 bis 90 Prozent der Mittel, die eine Ausstellung kostet, von außen eingeworben werden müssen; Sponsorensuche und -pflege gehört also zum Kerngeschäft jedes Museumsdirektors und jeder Museumsdirektorin. Trotzdem ist jede Eintrittskarte – ob ins Theater, ins Konzert oder ins Museum – hoch subventioniert. Und so stellt sich wieder die grundsätzliche Frage, was Kunst und Kultur der Gesellschaft wert sind.

Als Christopher Ward (38) zum neuen Generalmusikdirektor gewählt war und gefragt wurde, ob er bereit sei, sich in der Diskussion über städtische Zuschüsse eindeutig zu positioneren, sagte er: „Selbstverständlich. Man muss bereit sein zu kämpfen. Ich bin es.“ Es wird interessant sein zu erfahren, wie viel Energie und Nerven ihn das schon gekostet hat. Als GMD hat er sich in seinen ersten Monaten intensiv darum bemüht, Neues auszuprobieren, um ein junges Publikum zu interessieren und das alte zu überraschen: neue Formate, neue Spielorte, neue Themen.

Keine Angst vor Experimenten, ohne die Erwartungen des „etablierten“ Publikums zu enttäuschen: Ward steht dafür. Die große Sympathie, die ihm bei seinen Autritten im Theater oder im Konzert entgegengebracht wird, zeugt davon, dass er damit richtig liegt. Das ist doch schon mal was.

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