„Pacific Garbage Screening“: Marcella und die Plastikflut

„Pacific Garbage Screening“ : Marcella und die Plastikflut

Der Moment, in dem Marcella Hansch beschloss, das Meer zu retten, liegt einige Jahre zurück. Damals, im Tauchurlaub auf den Kapverden, konnte sie vor lauter Plastik die Fische nicht mehr sehen. Heute kann sich die 32-Jährige kaum noch vor Vortrags- und Interviewanfragen retten.

Sie ist eine der Hauptakteurinnen einer Bewegung geworden, die dem Plastik im Meer den Kampf angesagt haben. Dabei hatte sie nie zu hoffen gewagt, dass die schwimmende, Plastik einsammelnde Plattform, die sie in ihrer Architektur-Masterarbeit an der RWTH Aachen entwickelt hat, jemals Realität wird.

Doch mittlerweile hat die gebürtige Arnsbergerin den Verein „Pacific Garbage Screening“ (PGS) gegründet und arbeitet mit einem aktiven, fast 50-köpfigen Team aus ehrenamtlichen Wissenschaftlern und mehr als 800 Fördermitgliedern daran, einen ersten Prototypen zu entwickeln.

„Unser Plan ist, zunächst eine Machbarkeitsstudie und verschiedene Modellversuche durchzuführen. Die sollen in den nächsten drei Jahren stehen. Als erstes wollen wir Flüsse in den Blick nehmen und das Plastik abfangen, bevor es überhaupt in die Meere gelangt“, sagt Marcella Hansch.

Die Maschine, mit der Marcella Hansch Plastikpartikel aus dem Meer aufsammeln möchte,erinnert an einen riesigen Kamm. Foto: ZVA/Grafik

Weil das Projekt sehr viel Zeit frisst und das öffentliche Interesse an ihrem Vorhaben die Architektin schier überwältigt, hat sie vor einigen Wochen sogar ihren Job in einem Aachener Architekturbüro an den Nagel gehängt, um sich hauptberuflich um die Rettung der Meere zu kümmern. „Wir verfolgen mittlerweile einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt sie. „Neben der Entwicklung der Plattform ist es uns vor allem wichtig, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen und dem ins Meer strömenden Plastik den Hahn zuzudrehen.“

Deshalb kümmert sich ein Teil ihres Teams um Umweltbildung und Nachhaltigkeitsstrategien. „Wir werben bei all unseren Veranstaltungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Plastik, gehen da natürlich auch selber im Alltag mit gutem Beispiel voran, und ich bin demnächst Patin für einen geplanten Unverpackt-Laden in Aachen“, sagt Hansch.

Ihre Begeisterung für das Projekt ist ansteckend. Wo auch immer sie auftaucht, die Menschen hängen förmlich an ihren Lippen. Und so erfahren die Meeresretter auch von außen viel Unterstützung. Über das sogenannte Crowdfunding haben sie im Sommer 200.000 Euro Startkapital eingesammelt, mit dem sie erste feste Stellen schaffen wollen. Im Rahmen des Projekts „Weltverbesserer“ spenden die Techniker Krankenkasse und der Hamburger Fußballverein St. Pauli für jeden in den Sozialen Netzwerken geposteten Hashtag „netzgegenplastik“ einen Euro an PGS – in kürzester Zeit war die Maximalsumme von 50.000 Euro erreicht. „Vor allem aber hat die Einladung in die Talkshow von Markus Lanz unsere Reichweite enorm gesteigert. Das war Wahnsinn. Außerdem saß ich kürzlich in der Jury für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und bin für Januar ins EU-Parlament eingeladen“, fasst Marcella Hansch ihre Aktivitäten zusammen.

Den Unterschied zu anderen Projekten, die das Plastik aus dem Meer fischen wollen, sieht sie vor allem darin, dass sie mit ihrer Konstruktion nicht nur Makro-, sondern auch Mikroplastik an die Oberfläche holen und einsammeln will. „Es ist uns darüber hinaus wichtig, Kunststoff nicht als Müll, sondern als wertvolle Ressource zu begreifen. Daher wollen wir es nicht verbrennen, was leider viel zu oft passiert, sondern es nachhaltig nutzen und in saubere Energie umwandeln.“

Noch könne jedoch niemand absehen, wann die Plattform Wirklichkeit wird. „Forschung braucht mehr Zeit, als man zu Beginn denkt, und man muss immer wieder Rückschläge einstecken“, sagt sie. „Aber mit einem so motivierten Team wie meinem muss es einfach klappen.“

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