Editorial: Liebe Leserinnen und Leser...

Editorial : Liebe Leserinnen und Leser...

Worte sind schnell gesagt; wohl überlegt sind sie nicht immer. Gerade die sogenannten großen Worte gehen uns mitunter leicht über die Lippen. Manchmal werden Worte geradezu inflationär benutzt, auch Worte können in Mode sein. Respekt ist so ein Wort.

Man hört es oft: Respekt wird eingefordert, Respekt wird erwartet, Respekt wird erwiesen. Aber wird Respekt auch tatsächlich gelebt? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Das vergangene Jahr war bestimmt von zahlreichen politschen Diskussionen – auch vor unserer Haustüre. Das Thema Hambacher Forst hat wie kaum ein anderes die Gemüter erhitzt; am Ende standen sich Befürworter wie Gegner der Rodung ratlos gegenüber. Der Kampf mit Worten hatte alle erschöpft, alles war gesagt. Aber hat sich jemand durchgesetzt? Und war die Auseinandersetzung geprägt von dem nötigem Respekt vor der Meinung des anderen?

Der Hambacher Forst hat auch uns in der Redaktion sehr beschäftigt. Wir mussten uns die Frage gefallen lassen, ob wir möglicherweise einen Teil dazu beigetragen haben, die Stimmung zusätzlich anzuheizen. Respekt heißt auch, sich selbst zu hinterfragen. Das haben wir getan.

Bei unserer Gala „Menschen 2018“ am 15. Januar wollen wir uns dem Wort Respekt widmen. Natürlich in angemessener Form, Respekt hat auch mit Maß zu tun, mit Bescheidenheit. Die ZDF-Sportreporterin Claudia Neuman, die zu Gast sein wird, kann ein Lied davon singen, was es heißt, wenn man respektlos behandelt wird. Für ihre Live-Reportagen während der Fußball-WM wurde sie von vielen Männern in den Sozialen Netzwerken heftig attackiert und beschimpft. Respektloser geht es nicht! Claudia Neuman ist nur eine von zahlreichen Gästen, mit denen wir über das Thema Respekt reden werden.

Das weitaus schönere Lied zum Thema Respekt hat die im vergangenen Jahr verstorbene Souldiva Aretha Franklin ein Leben lang gesungen. „Respect“ wurde durch sie zur Hymne der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Dabei hatte der Schöpfer des Songs, Otis Reding, ursprünglich etwas ganz anderes im Sinn, als er die Textzeilen schrieb. „Respect“ war nichts weiter als der billige Protest eines Ehemannes, der von seiner Frau anständig behandelt werden möchte, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Der arme Kerl.

Wie sich die Zeiten doch wandeln. Und mit ihnen zum Glück auch die Bedeutung der Worte, die einem manchmal nur allzu leichtfertig über die Lippen gehen. Respekt! Jeden Tag aufs Neue! Ob am Abend die eigene Bilanz stimmt, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Ich danke Ihnen sehr, dass Sie uns durch dieses Jahr so aufmerksam begleitet haben, und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für 2019.

Ihr Thomas Thelen

C hefredakteur Thomas Thelen. Foto: grafik
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