Schreie aus dem Kreissaal: Keine stille Nacht

Schreie aus dem Kreissaal : Keine stille Nacht

Dieser 31. Juli war wieder einer der warmen Tage, die gar nicht mehr abkühlen wollen. Bei der Polizei gingen in der Hochsommernacht viele besorgte Anrufe ein, es ging dabei nicht um die hohen Temperaturen, aufgeregte Anwohner aus Aachen-Burtscheid berichteten vielmehr von schreienden Frauen in der Dunkelheit.

Der Polizist Udo Andres hatte Schicht in dieser Nacht. Dienstgruppenleiter verlassen die Zentrale nur bei größeren Lagen, so ein Fall zeichnete sich ab. Der Polizeihauptkommissar fuhr hinaus – und hörte die Schreie. Kamen sie aus dem Ferber-, oder doch aus dem Kurpark? Andres fuhr mit Blaulicht das Kurparkgebiet ab. Er hoffte, dass sich ein mögliches Opfer zu erkennen gebe oder ein möglicher Täter die Flucht ergreife. Vergeblich. Und die Schreie hörten nicht auf.

Irgendwann in dieser aufregenden Nacht erinnerte sich der Staatsdiener an einen ziemlichen bizarren Einsatz ein paar Monate vorher. Ein verwirrter Erwachsener blieb stecken, als er durch die Babyklappe in das Marienhospital hineinkrabbeln wollte. Auch damals mussten die Freunde und Helfer ausrücken, um ihn aus misslicher Lage zu befreien.

Das war vielleicht die Lösung: Kamen die Schreie vielleicht aus dem Krankenhaus? Andres schaute nach, als er sich bei einer Hebamme erkundigte, bekam er die schöne Auskunft: „Herr Wachtmeister, wir fahren hier unter Volllast.“ Vier Frauen lagen parallel in den Wehen. Und weil es so warm in dieser Nacht war, hatten die Hebammen die Fenster der Kreißsäle geöffnet.

Um 4.22 Uhr wurde der kleine Len Michalke gewissermaßen unter Polizeischutz geboren. Er wurde bundesweit mit dieser Geschichte schon in seinen ersten Erdenstunden berühmt. Seine Eltern Ramona und Kai erfuhren erst ein paar Stunden später von der Aufregung, die es in Burtscheid in dieser Geburtsnacht gegeben hatte.

Am Ende waren dort sechs Streifenwagen mit 15 Leuten unterwegs. Darunter auch ein paar bei der Polizei hospitierende Studenten. „Sie wissen jetzt, dass Schreie nicht immer Mord und Totschlag bedeuten“, grinst Andres.

Die Eltern indes haben vor ein paar Tagen geheiratet, der kleine Len war dabei. „Er hat immer gute Laune“, sagt der frischgebackene Ehemann. „Ein Wonnepropen.“

Familie Michalke war vor ein paar Wochen im Fernsehstudio, beim Jahresrückblick von RTL lernten sie auch den Polizisten Udo Andres kennen, der sich in der ersten Nacht von Len schon Sorgen gemacht hatte.

Die Wege haben sich schon häufiger ein bisschen gekreuzt. Kai Michalke war Fußball-Profi bei Alemannia. Andres war häufiger dabei, wenn der Balltechniker seine Kunst demonstrierte. Mal als Polizist, mal als Fan im Einsatz.

Die Männer haben sich zum Bier verabredet fürs nächste Jahr. Es gibt schließlich viel zu erzählen von der Nacht zum 31. Juli, als die Polizei diesen ziemlich ungewöhnlichen Einsatz hatte.

Am Ende seiner aufregenden Schicht hat Udo Andres übrigens ein mehrstrophiges Gedicht verfasst, darin heißt es unter anderem:

 Dunkle Nacht über
Burtscheids Dächern liegt,

ab und zu ein unheimlich Getier
um die Häuser fliegt.

Einsam gen Heim schleicht
der friedliche Mann,

als ihm das Blut in den Adern gerann!

Es fährt ihm durchs Mark,
bis tief ins Gebein,

hört er die Frau laut und
erbärmlich schrein!

Gar schrecklich schallt es über
Park, Kloster und Krankenhaus,

hier bläst ein Schurke ein
Lebenslicht aus …!

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