Armin Laschet: Behutsam, vorsichtig, rheinisch und leidenschaftlicher Europäer

Armin Laschet : Behutsam, vorsichtig, rheinisch und leidenschaftlicher Europäer

Zu denen, die an Zäunen rütteln, um irgendwo reinzukommen, gehört Armin Laschet nicht. Er würde das nicht als besonders stilvoll empfinden, und Stilfragen sind ihm durchaus wichtig. Vor allem würde ihn Respekt vor einem hohen politischen Amt von solchen demonstrativen Gesten abhalten.

Und schließlich passt es gar nicht zu seinem Charakter, mit lauten Parolen vorzupreschen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident wird immer wieder mal als Zauderer beschrieben; ist er auch. Das entspricht seiner Art, Politik zu machen: erst noch einmal innehalten, nachdenken, behutsam sein. Das hat ihm letztlich nicht geschadet, wenn auch nicht immer genutzt. Manche regt das auf; mit ähnlichen Vorbehalten hat Angela Merkel seit jeher zu tun. Die Sympathien der CDU-Mitglieder sind Laschet nicht ständig zugeflogen. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie flüchtig politische Zuneigung ist.

Meistens bleibt ihm ein letztes Stück Misstrauen gegenüber dem ganzen politischen Betrieb, den ständigen Hypes und den unentwegten Aufgeregtheiten. Also gibt es den vorsichtigen Laschet – und auf der anderen Seite den gelassenen, den rheinischen Laschet, der komische Szenen zumal bei offiziellen Anlässen liebt, der geradezu kindliche Freude daran hat, wenn jemand oder er selbst – unfreiwillig oder freiwillig – für eine witzige Situation sorgt. Da ist er ganz bei sich, wenn er von solchen Vorkommnissen erzählt, sie gleich noch ein wenig ausschmückt oder szenisch darstellt.

Die größte Konstante in Laschets politischem Leben liegt in seinem unbedingten Willen zur Einigung Europas. Dass das Nationale noch einmal Priorität vor Europa hätte, würde er als verhängnisvoll empfinden. Diese Maßgabe machte er 2017 zu einem prägenden Element seines Landtagswahlkampfs; auf diese Idee käme wirklich nicht jeder deutsche Ministerpräsident. Er fühlt sich – auch aus der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands heraus – Israel eng verbunden. Für Europa, für Israel – nicht zuletzt in dieser Haltung bekämpft Laschet entschieden jede Form von Rechtsradikalismus.

Die Sorgen derer, die aus Gründen des Klimaschutzes gegen die Rodung des Hambacher Forstes demonstrieren, teilt er. Was Polizisten dort erdulden müssen, widerstrebt ihm. Der Regierungschef des größten Industrielandes nimmt ebenso die Perspektive der RWE-Beschäftigten ein und warnt zudem vor kurzsichtig gutem Gewissen mit dem Hinweis auf die Konsequenzen des Kohleausstiegs hierzulande: „Das ist kein positiver Beitrag zum Weltklima; das ist absurd.“ Laschet denkt dabei an den europäischen Emissionsrechtehandel, an die Bedingungen der Kohleförderung in Osteuropa und den Import von Kohle aus Südamerika oder Südafrika, deren Abbau und Transport deutlich belastender für Umwelt und Arbeiter sind als die hiesigen Umstände.

Der Streit um Hambach ist ein gutes Beispiel dafür, warum Laschets Bild in der Öffentlichkeit uneindeutig ist. Fällt es ihm schwer, Position zu beziehen, oder kommt es ihm darauf an, in einer Gesellschaft, die auf Konsens und Sicherheit bedacht ist, die Balance zu halten? So oder so – er ist jemand, den sich andere Parteien, seien es SPD, FDP oder Grüne, gerne als Koalitionspartner wünschen: verbindlich, verlässlich, großzügig, einer, der nicht polarisiert, weil er sich davon nichts verspricht. Auch darin zeigt sich eine auffällige Parallele zur Bundeskanzlerin.

Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Vorsitzenden ist durchaus in Laschets Sinne. Irgendwann in den kommenden zwei Jahren wird Merkel aus eigener Entscheidung als Regierungschefin zurücktreten. AKK hat dann als Parteichefin ein quasi natürliches Zugriffsrecht; das sieht Laschet nicht anders. Er selbst wird das Kanzleramt nicht aus dem Blick verlieren, aber er schielt nicht ständig dorthin. Er wartet ab und rüttelt schon gar nicht am Zaun.

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