Aachen: Kinderuni: Sport in der Antike? Ja, aber ohne Ball!

Aachen : Kinderuni: Sport in der Antike? Ja, aber ohne Ball!

Nach der Auftakt-Niederlage müssen sich die Fußball-Nationalspieler beim nächsten WM-Vorrundenspiel ordentlich anstrengen. So, wie Sportler das bereits vor 3000 Jahren tun mussten. Damals wie heute ging es vor allem um gesellschaftliche Anerkennung, weiß Klaus Freitag, Professor für Alte Geschichte an der RWTH Aachen.

Anderes hat sich grundlegend verändert: Waren die Sportler in der Antike noch nackt, laufen heute nur noch Flitzer unbekleidet durchs Stadion. Was dahinter steckt, erklärt Freitag im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld.

Befasst sich mit Sport in der Antike: Klaus Freitag, Professor für Alte Geschichte an der RWTH Aachen. Foto: Harald Krömer

Herr Freitag, welches Team gewinnt die Fußball-Weltmeisterschaft?

Klaus Freitag: Natürlich Deutschland. Die Mannschaft ist gut vorbereitet.

Gab es Fußball denn auch schon bei den Griechen und Römern?

Freitag: Nein, gab es nicht. Es gab auch keine anderen Mannschaftssportarten. Ein wichtiges Kennzeichen der Antike ist, dass nur Einzelpersonen Sport getrieben haben. Der antike Mensch stand im Vordergrund, der kollektive Aspekt spielte zumindest beim Sport keine große Rolle. Das hängt mit der gesellschaftlichen Einbindung des Sports zusammen: Sport wurde auch getrieben, um sich auf den Militärdienst vorzubereiten. Jeder freie Bürger musste bei den Griechen im Militär dienen.

Steckt es nicht im Wesen des Menschen, sich etwas Rollendes zu suchen und es schießend oder werfend mit und gegen andere fortzubewegen?

Freitag: In der Antike — also bei den Griechen und Römern — war das tatsächlich nicht so. Zumindest präsentieren uns die Quellen das so. Möglicherweise sind sie geschwommen und haben auch andere Sportarten betrieben, aber Wettkämpfe — zum Beispiel bei den antiken Wettbewerben in Olympia — gab es nur in Individualsportarten. Die olympischen Spiele und auch andere Spiele standen außerdem immer im Kontext von religiösen Feiern. Die Agone, also die olympischen Wettbewerbe, standen in enger Verbindung zu dem Heiligtum des Gottes Zeus.

Welche Quellen verwenden Sie?

Freitag: Das sind literarische Quellen, zum Beispiel Gedichte über die Sieger. Aber auch Vasenbilder oder archäologische Funde. In Olympia wurden zum Beispiel Reste einer Pferderennbahn und einer Laufbahn freigelegt. Es gibt auch Überreste von Gymnasien. Ein Gymnasium ist ein antiker Trainingsplatz, abgeleitet vom griechischen Wort „gymnos“ — übersetzt: nackt. Da kommen unsere heutige Gymnastik und die schulische Institution des Gymnasiums her. Nackt aber auch im wortwörtlichen Sinn: Von den Vasenbildern wissen wir, dass die Athleten nackt angetreten sind.

Warum?

Freitag: Da ist sich die Forschung nicht ganz einig. Es gibt Thesen, dass die Nacktheit die Ursprünglichkeit des Menschen symbolisieren könnte. Möglichweise sind aber auch eher praktische Aspekte entscheidend gewesen: Der freie Lauf sollte durch nichts behindert werden.

Warum durften Frauen nicht zuschauen?

Freitag: Das hängt womöglich mit der Nacktheit der Athleten zusammen. Scham oder moralische Aspekte könnten eine Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall waren die Agone eine rein männliche Angelegenheit. Wenn sich Frauen eingeschlichen haben, wird das in den Quellen als Verstoß gewertet.

1896 wurden die Olympischen Spiele wiederentdeckt. Warum nicht auch die anderen antiken Spiele?

Freitag: Auch bei den Griechen waren die Olympischen Spiele die bedeutendsten Wettbewerbe. Zeus war der Hauptgott und die Spiele der mächtigste Wettbewerb. Übrigens hat er auch damals alle vier Jahre stattgefunden, allerdings anders als heute immer am selben Ort, nämlich in Olympia auf der Peloponnes.

Gibt es noch Sportarten, die uns das antike Olympia hinterlassen hat?

Freitag: Na ja, das Ringen gab es auch schon bei den Griechen, eingebettet in einen Fünfkampf zusammen mit Laufen, Weitsprung, Diskus- und Speerwurf. Allerdings wurde das Ringen 2013 aus dem olympischen Programm gestrichen, kurze Zeit später wurde der Beschluss wieder zurückgenommen. Ich finde die Diskussion sehr schade. 708 vor Christus sollen die ersten Ringer bei den Agonen angetreten sein, und es waren auch bei den Olympischen Spielen der Neuzeit immer welche dabei. Jetzt wäre also fast eine 3000-jährige Geschichte zu Ende gegangen. Unsere Worte Athlet und Stadion sind aber tatsächlich überliefert. Stadion war eine Maßeinheit: Der Stadionlauf verlief über 192 Meter und bezeichnete zugleich den Ort des Wettkampfes. Diese Bedeutung ist bis heute geblieben.

Und das Wort Athlet?

Freitag: Das bezieht sich auf den Preis, den übrigens nur der Gewinner bekam. Bei manchen Wettkämpfen waren das auch mal Geldpreise, bei Olympia war es ein Siegerkranz aus Olivenzweigen, der Pflanze des Zeus. Also nur eine symbolische Heraushebung des Siegers. Athlon bedeutet Preis oder Lohn. Athleten sind also diejenigen, die um den Preis kämpfen.

Warum ist es wichtig zu wissen, was vor 3000 Jahren passiert ist?

Freitag: Die Antike ist heute immer noch ein Bezugspunkt für uns. Das liegt daran, dass uns noch Quellen zur Verfügung stehen, die gesellschaftliche Kontexte herstellen. Heute diskutieren wir wieder darüber, wenn sich der Nationalspieler Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten ablichten lässt. Angela Merkel überlegt, nicht zur Fußball-WM nach Russland zu fahren. Diese Probleme gab es in der Antike auch. Die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Einordnung des Sports war auch damals entscheidend.

Können wir daraus etwas lernen?

Freitag: Vor allem können wir verstehen, wie wir zur heutigen Tradition des Sports gekommen sind. Wir stehen in den Fußstapfen unserer Vorfahren. Die Griechen spielen für uns eine Rolle. Sonst hätte Coubertin die Olympischen Spiele nicht wieder entdeckt. Aber wir haben den Sport auch weiter entwickelt, wenn auch nicht gradlinig: Heute gibt es selbstverständlich Frauen im Stadion, sowohl als Sportlerinnen als auch als Zuschauerinnen. Und nackt tritt auch niemand mehr an.

Mehr von Aachener Nachrichten