Oxford/Aachen: Karlspreis für Timothy Garton Ash offiziell angetragen

Oxford/Aachen : Karlspreis für Timothy Garton Ash offiziell angetragen

Er nennt sie spontan in dieser Reihenfolge: „Jean Monnet, Robert Schuman, Winston Churchill und zwei Päpste. Das ist schon viel, aber da sind auch Namen von Menschen, die ich persönlich gut kannte und von denen ich viel gelernt habe. Václav Havel und Bronislav Geremek zum Beispiel.“ Timothy Garton Ash ist sehr beeindruckt von der Liste seiner Vorgänger.

Der designierte Karlspreisträger 2017 freut sich über diese hohe europäische Auszeichnung, und er freut sich auf die Verleihung in Aachen.

Offiziell wird ihm an diesem grauen englischen Freitag im schönen Oxford der Karlspreis angetragen. Die Aachener Delegation mit Oberbürgermeister Marcel Philipp und dem Vorsitzenden des Karlspreis-Direktoriums, Jürgen Linden, wird im St. Antony's College, dem West European Studies Centre der Universität Oxford, empfangen. Altehrwürdig ist die Architektur, und sie verströmt den Hauch britisch-europäischer Tradition. Hier, an diesem speziellen englischen Ort, hat der Brexit kein Zuhause. Ash ist immer noch einigermaßen entsetzt über die Entscheidung, die er seine „größte Niederlage“ nennt.

Da passen der Karlspreis und die Verleihung an ihn, den überzeugten Briten und überzeugten Europäer, genau in die momentane europäische Landschaft. „In dieser Liste zu stehen“, greift Ash die Chronologie der Karlspreis-Geschichte wieder auf, freue ihn sehr. Und er fügt hinzu: „Es ist sehr schön, in diese wunderschöne Stadt Aachen zu kommen, mit ihrer hervorragenden europäischen Geschichte.“ Ihn beeindrucke etwa am Dom, dass es in seinen Mauern auch altrömische Steine gebe. „In Aachen sieht man die Kontinuität vom alten Rom über das Heilige Römische Reich bis heute.“

Ash will zwar seine Rede und seine Botschaften, die er am 25. Mai bei der Karlspreis-Verleihung präsentieren wird, nicht schon jetzt verraten, aber, ganz Wissenschaftler, nennt er schon einmal fünf für ihn wesentliche Punkte.

Erstens: Der Preis wird diesmal nicht an einen Politiker, sondern an einen Wissenschaftler verliehen. Das habe einen Sinn in einer Zeit, in der die Europäische Union krank sei. „Bevor man zur Heilung kommt, muss man die richtige Diagnose haben. Und dafür sind die Intellektuellen da.“

Zweitens: Die Krise sei nicht irgendeine Krise: „Es hat in der Geschichte der EU immer Krisen gegeben, aber das ist eine existenzielle Krise des europäischen Projektes. Sie besteht aus vielen Teilen: Brexit, Flüchtlingskrisen, Eurokrise, Populismus, Ukraine, Russland, Türkei, auch Trump ist Teil dieser Krise.“ Das zu diagnostizieren, sei eine dringende Aufgabe. Hinzu komme möglicherweise ein unangenehmer Ausgang der französischen Präsidentenwahl. „Insofern könnte die Zeremonie in Aachen in einer dramatischen Stunde Europas stattfinden.“

Drittens: Deutschland sei in diesem von Krisen geschüttelten Europa eine Insel der Stabilität, der Freiheit, der Zivilität und der Ausgewogenheit. Deutschland sei nach Osten wie nach Westen orientiert. „Das gilt in Richtung Putin, aber ich denke auch daran, dass Frau Merkel demnächst Trump besuchen wird.“

Viertens: Die Europäer seien zu stark nur mit sich selber beschäftigt, sagt Ash. Diese „europäische Nabelschau“ sei schädlich. „Wir müssen die nicht-europäische Welt für uns entdecken.“ Die Welt-Agenda werde zunehmend nicht nur von westlichen Interessen bestimmt. Dazu gehöre Redefreiheit, aber auch die Offenheit für den Dialog, das Bemühen um ein Gespräch. Ihm bereite die Situation der Pressefreiheit in der Türkei und in Ungarn große Sorgen, sagt Ash. Beide Länder hat er vor kurzem besucht. Jetzt reist er nach Hongkong und China und wird auch dort zum Thema Redefreheit sprechen. „Europäer sein, heißt auch, sich mit nicht-europäischen Themen zu beschäftigen.“

Fünftens: „Gerade im Jahr des Brexit geben die Aachener den Karlspreis einem Engländer. Wie passt das zusammen?“, fragt Timothy Garton Ash. Seine kurze Antwort ist ein „Trotzdem“, das er so formuliert: „Dieses Land bleibt in Europa — auch nach dem Brexit. Ich habe noch nie in meinem Leben hier eine so pro-europäische Stimmung erlebt wie gerade jetzt. Es gibt Millionen Briten, also Engländer, Waliser, Schotten, die sich zu Europa bekennen.“

Jürgen Linden ist Timothy Garton Ash an diesem Tag zum ersten Mal persönlich begegnet. „Ein sehr offener und unglaublich sympathischer Mann. Er ist sehr gut informiert und stellt hervorragend die Zusammenhänge her.“ Man habe mit ihm jemanden gewählt, der gerade als Wissenschaftler der Politik jetzt sagen könne, wie der Weg aus dieser Krise aussieht.

Ash wird früher als bisher bei Karlspreis-Verleihungen üblich in Aachen eintreffen. Er kommt schon dienstags mit seiner Frau in die Kaiserstadt und wird zunächst ein noch privat geprägtes Programm haben. Am Mittwoch ist er dann schon vormittags als Debatten-Redner beim Karlspreis-Forum. Auch das ist neu. Am frühen Nachmittag diskutiert er nach einer Rede mit Studenten an der RWTH. Wer am Christi-Himmelsfahrtstag die Laudatio auf Ash halten wird, steht noch nicht fest. In den nächsten Tagen wolle man mehrere Persönlichkeiten, die auf einer mit Ash abgestimmten Liste stehen, ansprechen, sagt Linden.