Rom: Karlspreis für den Papst: Liebe ist seine Botschaft an die Europäer

Rom : Karlspreis für den Papst: Liebe ist seine Botschaft an die Europäer

„Amoris laetitia“ — Freude der Liebe. Das ist sein Programm, das ist er selbst. Wer Franziskus ins Gesicht schaut, sieht die Freude der Liebe, einen, der die Menschen liebt und daraus Kraft und Zuversicht gewinnt, der fest daran glaubt, dass Liebe Berge versetzt.

„Amoris laetitia“ heißt das Apostolische Schreiben zur Familiensynode, das der Papst vor vier Wochen veröffentlicht hat. Nach seinem ersten Lehrschreiben „Evangelii gaudium“ (Freude des Evangeliums) vom November 2013 und der Enzyklika „Laudato si“ aus dem vorigen Jahr verstärkt das neue Dokument das Drängen auf Veränderung — auf radikale Umkehr. Das gilt für seine Kirche und für Europa.

Die Welt lässt sich verbessern, Wunden können heilen, wenn sich die Menschen in Liebe und mit Barmherzigkeit begegnen. So lässt sich die Kernaussage der franziskanischen Wende formulieren. Kritiker in den eigenen Reihen und außerhalb der Kirche halten dem Papst deshalb Naivität vor; aber er lässt sich nicht beirren. Er vermag kein besseres Rezept zu erkennen als Liebe und Barmherzigkeit.

Die Aachener Karlspreis-Verantwortlichen, die dem Papst am Freitag im Vatikan ihre Auszeichnung überreichen, sind von dieser Botschaft offensichtlich überzeugt. Das vereinte Europa befindet sich schließlich in einem Zustand, der wahrscheinlich noch jämmerlicher ist als jener der katholischen Kirche. Dort weht der Wind des Wandels spürbar durchs Gebälk; in den Mitgliedsländern der Europäischen Union kann davon (noch) keine Rede sein.

„Spirituelles Alzheimer“

Zu seiner Kirche spricht der Papst Klartext: gute Idee, positive Werte, komfortable Grundlagen, aber zu egoistisch, zu selbstbezogen, alt und müde. Als er der vatikanischen Kurie kurz vor Weihnachten 2014 die Leviten las, fielen harsche Worte. Er warf den eigenen Leuten Arroganz, Hartherzigkeit, Luxusleben, Untertanengeist, Karrieredenken, Intrigantentum, „spirituelles Alzheimer“ vor.

Gegenüber den Repräsentanten des vereinten Europas würde sich Franziskus anders ausdrücken. Aber diese Analyse trifft durchaus auch sie. Die Regierungen der EU-Mitgliedsländer hätten es bitter nötig, dass ihnen dieser Papst eine Philippika hält. Das wird er am Freitag im feierlichen Ambiente der Sala Regia und aus diplomatischer Rücksichtnahme aber eher nicht tun.

Die Erwartungen an die Karlspreisfeier sind hoch — wahrscheinlich zu hoch. Seit das derzeitige Pontifikat begonnen hat, weiß man, wie stark Widerstände sind, wenn von Menschen verlangt wird, sich radikal zu ändern, liebgewordene Gewohnheiten und Annehmlichkeiten aufzugeben.

Als Benedikt XVI. im Februar 2013 seinen Rücktritt ankündigte und sich die Kardinäle in Rom zur Wahl des Nachfolgers versammelten, hielt der Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio, im Vorkonklave eine der kürzesten und die prägnanteste Rede, legte den Finger in die Wunden und hielt der Kurie deren Fehler vor. Die große Mehrheit seiner Amtsbrüder drängte auf Reformen und wusste, dass nur jemand von außen sie würde durchsetzen können. Das war die Voraussetzung für Bergoglios Wahl.

Franziskus will seine Kirche vor allem von zwei Übeln befreien: von ihrer Selbstbezogenheit und ihrer Romhörigkeit. So heißt es in „Amoris laetitia“ gleich zu Anfang, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“. Der Papst gibt seiner Kirche kein rigides, starres Regelwerk vor; sie soll sich vielmehr anstrengen, in der Seelsorge der konkreten Biografie und Lebenssituation des einzelnen gerecht zu werden.

Franziskus praktiziert diese neue Haltung bereits. Wenn er etwa nach den Konsequenzen von „Amoris laetitia“ für wiederverheiratete Geschiedene gefragt wird, verweist er darauf, was der Wiener Kardinal Christoph Schönborn dazu gesagt und geschrieben hat. Mit anderen Worten: Fragt nicht mich! Jeder Bischof oder Priester muss sich schon selbst darum kümmern.

Franziskus hat begonnen, jene Grundfrage zu klären, die seine Amtsvorgänger nicht beantworten wollten oder durch Machtworte glaubten erledigen zu sollen und zu können. Es geht um das Verhältnis zwischen Weltkirche und Ortskirchen, darum, wie päpstlicher Primat und Kollegialität der Bischöfe miteinander zu vereinbaren sind. Franziskus nimmt die „Communio Ecclesiarum“, die das Zweite Vatikanische Konzil beschrieben hat, ernst: die Gemeinschaft von eigenständigen Kirchen, in der die Bischöfe nicht mehr Befehlsempfänger Roms sind, sondern Kollegen des Bischofs von Rom. Daraus hat er — auch in „Amoris laetitia” — erste Konsequenzen gezogen; das wird die katholische Kirche verändern.

„Verbeulte Kirche“

Schon „Evangelii gaudium“ ist geprägt von Franziskus‘ Skepsis gegenüber dem katholischen Zentralismus und empfiehlt dem päpstlichen Lehramt mehr Zurückhaltung. Auch damals sprach der neue Papst schon von einer notwendigen „Revolution der zärtlichen Liebe“. Insbesondere aber hat er von Anfang an energisch seine Idee von der „Kirche der Armen“ vertreten: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die krank ist aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern.“

Franziskus war noch nicht lange im Amt, als ihn sein erster offizieller Besuch außerhalb Roms auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa führte. „Wir haben uns an die Leiden anderer gewöhnt. Es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an“, sagte er dort. „Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit.“ Das Echo war schwach. „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird“, sagte Franziskus im November 2014 vor dem Europaparlament in Straßburg.

Jesuitische Praxis

Doch die EU-Staaten erweisen sich bis heute als träge und feige; sie schaffen es nicht, gemeinsam und menschlich zu handeln. Vor drei Wochen wandte sich der Papst auf der griechischen Insel Lesbos erneut an die Verantwortlichen: „Europa ist die Heimat der Menschenrechte. Wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, sollte das spüren.“ Die Situation auf Lesbos sei zum Weinen. „Viele Kinder dort haben den Tod ihrer Eltern miterlebt — ertrunken im Meer.“ Auf die europäische Politik haben all diese Appelle bislang kaum Einfluss. Der Papst müsste am Freitag bei der Karlspreisfeier wahrscheinlich deutlicher werden.

Dass sie ihren eigenen Lebensstil ändern müssen, haben die Europäer sowieso noch nicht verstanden. Genau das fordert Franziskus in „Laudato si“: Konsum einschränken, Rücksicht nehmen auf die Armen, die Verfolgten und die künftigen Generationen, die Umwelt (die Schöpfung) als Allgemeingut und nicht einfach als selbstverständliche Ressource zum persönlichen Wohlergehen betrachten.

Franziskus ist bekannt für spontane Äußerungen auch in der Öffentlichkeit, aber er ist kein Mann spontaner Entscheidungen — im Gegenteil. Der ersten Eingebung misstraut er. Der erste Jesuitenpapst der Kirchengeschichte denkt und handelt jesuitisch. Es liegt in der Tradition seines Ordens, das Pro und Kontra einer Sache genau abzuwägen. „Der Jesuit soll dezentriert leben. Wenn er den Blick zu sehr auf sich selbst richten würde, liefe er Gefahr, überheblich zu werden“, hat Franziskus kurz nach seiner Wahl zum Papst gesagt. Er wolle „normal bleiben“.

Franziskus lebt bescheiden — für manche Kardinäle im Vatikan geradezu provozierend bescheiden. Er kann nicht anders. Er hat schon viel verändert am Hof der letzten absoluten Monarchie. Wie lange es wirkt, ob es Bestand hat, ist die Frage. Der Widerstand in der Kurie ist zäh; seine Kontrahenten sind taktisch erfahrener und gerissener als er.

Der Papst will nicht polarisieren. Er hat kein Interesse daran, dass ihm der eigene Laden um die Ohren fliegt. So kann es sein, dass er mehr integriert und zulässt, als es sich Reformer hier und Traditionalisten dort wünschen, dass er seiner Kirche kein neues klares Profil gibt, sondern viele Profile nebeneinander zur Wirkung kommen lässt.

Für römische Zeremonienmeister und Machiavellisten ist er ein Anarchist. An Gründonnerstag haben die Päpste immer verdienten Priestern die Füße gewaschen. Franziskus wäscht Strafgefangenen eigenhändig die Füße. Ästheten und Traditionalisten im Vatikan waren darüber genauso indigniert wie über jene Duschen, die der Papst auf einer Seite des Petersplatzes an den Kolonnaden für Obdachlose hatte aufstellen lassen.

Nach den Generalaudienzen genießt Franziskus den Kontakt zu den Menschen, umarmt, küsst und drückt viele an sich — wie im November 2013 einen Mann, dessen Gesicht wegen einer Neurofibromatose mit Beulen übersät ist. Er heißt Vinicio Riva, und meistens sehen die Menschen an ihm vorbei. Franziskus will ihn gar nicht mehr loslassen. „Das habe ich noch nie erlebt. Er hatte keine Angst vor mir. Er umarmte mich ohne Zögern, fest, ohne ein Wort. Ich kam mir vor wie im Paradies.“

Geist, Herz und Handeln — oder im gläubigen Sinne Bibellektüre, Gebet und Nachfolge — gehören für Franziskus eng zusammen; so hat er es selbst einmal erklärt. Das macht seine Persönlichkeit aus, und so wird er heute die Aachener beeindrucken: mit klaren Worten und seinem Lächeln, dem Lächeln eines liebenden Menschen. Wer dem Papst in der Sala Regia applaudiert, müsste sich allerdings überlegen, welche Konsequenzen dessen Maßgaben für jeden einzelnen haben.