Rom: Karlspreis: Auf der Suche nach der Seele, nach den Träumen

Rom : Karlspreis: Auf der Suche nach der Seele, nach den Träumen

Der Weg zum Papst ist gepflastert mit edlem Gestein und umgeben von Marmor, Gold und kostbaren Gemälden. Der Weg, der zu Franziskus führt, sieht anders aus. Dessen ist man sich in der Aachener Delegation durchaus bewusst. Der Karlspreistag in Rom ist voller Kontraste zwischen päpstlicher Prachtentfaltung und franziskanischer Bescheidenheit, zwischen architektonischer und künstlerischer Erhabenheit im Palast und der Einfachheit desjenigen, der hier der Hausherr ist.

David Lennartz (24) vom Aachener Domchor hat das vor der Zeremonie schon auf den Punkt gebracht: „Ich bin gespannt, wie viel von der Bescheidenheit durchkommt, ob der Kontrast nicht zu groß ist.“ Er ist schon ziemlich groß, aber linksrheinische Katholiken können — wie die Römer — damit leben. Sie haben am Freitagvormittag die Sala Regia, den großen Audienzsaal des Apostolischen Palastes, erreicht, sind also nun mittendrin im Zentrum der Weltkirche. Vatikanischer geht’s kaum — barocker auch nicht.

So etwas verfehlt seine Wirkung nicht; wie sollte es auch anders sein? Wer will jetzt behaupten, das lasse ihn kalt? Zwei Stunden später, als Franziskus spricht, fällt der Gegensatz auf zwischen Wort und Raum, zwischen franziskanischer Haltung und barocker Pracht. Aber der „Papst vom Ende der Welt“, wie er sich selbst nennt, ist nicht hier, um im Zentrum seiner Kirche Glanz und Herrlichkeit der Säle zu zertrümmern. Er weiß um solche Widersprüche; auch er muss mit ihnen leben.

In Europas schlimmster Krise

Der Verfechter der barmherzigen Kirche ist umgeben von Gemälden, die die siegreiche Kirche preisen. Zweierlei Erwartungen sind in der Sala Regia an ihn gerichtet: politische von denen, die ein starkes Signal des Papstes in Europas schlimmster Krise ersehnen, und ganz menschliche jener, die sich von diesem bescheidenen, liebenswerten Mann einfach nur persönlich inspirieren lassen wollen. Es gelingt, weil sich Franziskus auf die Suche nach der Seele Europas macht, weil er denen ins Gewissen redet, die die große europäische Idee zerstören wollen. „Was ist mit dir los?“, fragt er Europa.

Mitten im Vatikan ist auf einmal der Geist des großen Martin Luther King zu spüren, bei dem Franziskus eine wunderbare rhetorische Anleihe macht, indem er seinen Traum von Europa beschreibt. „Ich träume von einem Europa“, setzt er zum Schluss seiner Rede immer wieder an.

Und dann träumt er von einem Europa des Humanismus, das sich wirklich und herzlich um Kinder und Arme, um Alte, Kranke und Flüchtlinge kümmert, träumt von einem Europa, das „mehr in die Gesichter als auf die Zahlen blickt, mehr auf die Geburt von Kindern als auf die Vermehrung von Gütern“, träumt von einem Europa, in dem „der Einsatz für Menschenrechte nicht an letzter Stelle seiner Visionen steht“.

„Das ist eine neue Sozialenzyklika für Europa“, sagt Thomas Kempen. Der stellvertretende Vorsitzende des Aachener Karlsverein-Dombauvereins, ist ganz begeistert: „Es ist bewegend einfach; man muss es nur machen. Er sagt uns: Reißt Euch zusammen!“

Zunächst müssen sich an diesem Vormittag die Gäste in der Sala Regia zusammenreißen, um Ärger darüber zu unterdrücken, dass Leute mit blauen Karten vor denen mit roten Karten sitzen, obwohl die mit roten vor denen mit blauen sitzen sollten. Da geht kurzzeitig manche Feierlichkeit flöten, ist aber schnell wieder da, weil man schließlich weiß, was einen erwartet, und weil das von Aachens Protokollchefin Claudia Wellen geführte Team liebenswürdig perfekt arbeitet.

Mehr oder weniger aufgeregt sind trotzdem viele. Da tut es gut, einen Mann wie Jean-Claude Juncker zu beobachten. Unter Europas Spitzenpolitikern gibt es keinen anderen, der Zeremonielles so ungezwungen herzlich überwindet wie er; Juncker kommt herein und küsst sich auch durch hintere Reihen. Allmählich wird es wie von selbst immer ruhiger.

Als Vorletzte erscheint die Bundeskanzlerin und begrüßt nicht nur Juncker, sondern auch den Europaparlamentspräsidenten Martin Schulz mit Küsschen — eine schöne Geste im Jahr vor der Bundestagswahl, bei der Schulz ihr Herausforderer als Kanzlerkandidat sein könnte.

Philipps Lob für Merkel

Als Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp die Kanzlerin ausdrücklich als diejenige begrüßt, „die in den vergangenen Monaten einmal mehr trotz vielfacher Kritik überaus beharrlich für ein gemeinschaftliches Vorgehen in Europa gestritten hat“, ist der Applaus demonstrativ stark. Franziskus sei „ein großes Glück“ für Europa, sagt Philipp. „Dieser Papst blickt unverstellt von außen auf Europa“, freut sich Schulz.

Mit besonderer Wärme wendet sich EU-Ratspräsident Donald Tusk an den Karlspreisträger: „Wir können stolz auf Europa sein, weil Europa, Heiliger Vater, Ihnen noch immer ähnelt. Wenn es Ihnen einmal nicht mehr gleicht, wird es auf einen geografischen Begriff und eine leere politische Worthülse reduziert sein.“

Der Papst, der sich immer gegen jede Idealisierung seiner Person wehrt, nimmt all das gelassen hin. Er will kein Supermann sein, hat er oft gesagt, sondern ein ganz normaler Mensch. Nun ist er immerhin Karlspreisträger, muss also das ganze Lob genauso ertragen wie den 90-minütigen Anblick unzählbarer Smart-Phones, die als Fotoapparate missbraucht werden.

Nur die von Domkapellmeister Berthold Botzet trefflich vorbereiteten Domsänger bekommt hier niemand vors Objektiv. Sie müssen wegen Platzmangels vom Nebenraum aus singen, was für sie den Vorteil hat, dass sie direkten Kontakt zum Heiligen Vater haben. Und dann ist doch alles so schnell vorbei.

Die Delegation verlässt den Palast wieder über die wunderbare Scala Regia, die Königstreppe, eine theatralisch raffinierte Schöpfung von Gian Lorenzo Bernini. Breite und Höhe dieses Tonnengewölbes nehmen nach oben stark ab, so dass auch aufgrund der Lichtöffnungen der Eindruck großer räumlicher Tiefe entsteht: eine Meisterleistung barocker Perspektivkunst. Von dort aus geht’s direkt durch die Brutalo-Architektur unterirdischer Gänge und Rolltreppen zu den Bussen, die die Aachener zur deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl bringen: Kontrastprogramm eben.

Bilanz im Botschaftsgarten

Im herrlichen Garten der Botschaft wird gegessen, getrunken und Bilanz gezogen. „Das war genau richtig, was der Papst gesagt hat: Der Dialog ist die Grundlage, um aus der Krise zu kommen“, sagt Holger Brantin, Sprecher des Katholikenrats im Bistum Aachen. „Und er hat das Grundproblem der EU angesprochen: die arbeitslose Jugend.“ Angela Maas, Medientrainerin und Moderatorin, meint: „Die großen Hoffnungen, die auf Franziskus gerichtet sind, machen die ganze Not deutlich, in der wir stecken. Ich fand die Rede sehr berührend. Es wäre schön, wenn das irgendeine Wirkung hätte.“

Nachdem der Papst die Erwartungen, die die Gäste aus Aachen bewegten, erfüllt hat, bleibt tatsächlich die Frage nach der Wirkung dieses Tages. Schulz beantwortet sie ganz praktisch: „Die Rede des Papstes muss in den Hauptstädten der EU gelesen werden — in allen! Juncker und ich fühlen uns vollkommen bestätigt: Es sind nicht nur ein paar Länder für Migration zuständig, sondern alle.“