Interview mit Erdbeben-Forscher Klaus Reicherter

Interview mit Erdbeben-Forscher Klaus Reicherter : „Wir müssen uns besser auf den Klimawandel vorbereiten“

Steigende Meerespiegel, längere Trockenperioden, aber auch Starkregenereignisse – der Klimawandel macht uns schon jetzt zu schaffen. Geologen wie Klaus Reicherter von der RWTH Aachen untersuchen, welche Auswirkungen das auf die Erde und ihre Bewohner hat – und wie man sich davor schützen kann.

Sein Fachbereich lädt für Freitag zu einem Tag rund um die Geowissenschaften ein. Im Gespräch mit Katharina Menne blickt der Professor für Neotektonik und Georisiken zurück auf das Klima der Kreidezeit, erklärt, warum man immer und überall mit Erdbeben rechnen muss und warum es manchmal sinnvoll ist, das Handy in der Hosentasche zu haben.

Herr Reicherter, viele kennen den Spruch „Wenn Holland nicht wär, läg Aachen am Meer“. Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario in Anbetracht eines steigenden Meeresspiegels?

Klaus Reicherter: Meeresspiegelschwankungen gab es tatsächlich die ganze Erdgeschichte über – mal mehr und mal weniger. Teilweise auch mal bis zu 250 Meter plus in der Kreidezeit, als die ganzen Eiskappen weggeschmolzen sind. Erschreckend für unsere Gegenwart ist, dass wir mittlerweile wissen, dass nicht nur das Eis auf Grönland dabei ist, abzuschmelzen, sondern auch Teile der Antarktis. Wir sind mittlerweile bei einem Meeresspiegelanstieg von deutlich über drei Millimetern pro Jahr. Das heißt dann, dass in einigen hundert Jahren Teile Norddeutschlands und auch Holland überflutet sein könnten. Das Abschmelzen des Grönlandeises macht etwa einen Anstieg von sechs Metern aus. Die gesamte Antarktis etwas an die 80 Meter. Aber das werden wir zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben.

Wir können hier in Aachen also nicht in absehbarer Zeit am Strand liegen?

Reicherter: Nein (lacht). Da kann ich Sie in gewisser Weise beruhigen. Aber Küstenschutzmaßnahmen werden trotzdem auch in diesem Jahrhundert schon nötig sein. Die Niederlande und andere bereiten sich da schon drauf vor: Deiche bauen oder versetzen, Gebäude auf Wasser legen und so weiter. Deutschland ist da noch nicht so aktiv. Aber noch viel entscheidender ist der Schutz vor Sturmfluten. Da gibt es einige historische Beispiele. Die nordfriesischen Inseln wurden beispielsweise überhaupt erst im Mittelalter während der sogenannten Marcellusflut im Jahr 1362 gebildet.

„Küstenschutzmaßnahmen werden auch in diesem Jahrhundert schon nötig sein“, sagt Klaus Reicherter. Der Meeresspiegelanstieg liege bereits bei deutlich über drei Millimetern pro Jahr. Foto: J. Hürtgen

Erst vergangene Woche haben hier in Aachen Zehntausende junge Menschen bei der „Fridays for Future“-Demonstration darauf aufmerksam gemacht, dass sich dringend etwas an der Klimapolitik ändern muss, damit wir überhaupt noch eine Zukunft auf dieser Erde haben. Was würden Sie als Wissenschaftler der Bundesregierung gerne mal sagen?

Reicherter: Es muss dringend etwas passieren. Wir müssen sofort damit beginnen, CO2 einzusparen. Der Kohleausstieg bis 2038 ist zwar beschlossen, aber die gesetzten Zeiträume sind sehr lang. Ich würde den Politikern raten, Geld in die Hand zu nehmen und noch mehr zu forschen, wie man die Leute auf diesen großen Struktur- und Klimawandel vorbereiten kann. Das Gute an diesen Demonstrationen ist die Bewusstseinsschaffung. Dass die jungen Leute jede Plastiktüte mehrfach in die Hand nehmen, weniger sinnlose Flugreisen machen und so weiter. Wenn jeder einzelne etwas tut und seinen Lebenswandel überdenkt, dann kommen wir schon richtig weit.

Nutzen Sie als Wissenschaftler ihre Stimme?

Reicherter: Das ist schwieriger als man sich das wünschen würde. Als Geowissenschaftler sind wir da schon eher randständig. Jeder kennt natürlich Vulkane, Erdbeben, Fluten und Tsunamis. Aber erst wenn Menschen persönlich betroffen sind, wie zum Beispiel von dem Wirbelsturm in Roetgen vor ein paar Monaten, dann nehmen sie solche Ereignisse plötzlich wahr. Solche Extremereignisse machen aber nicht vor Grenzen halt. Da muss die ganze Erdbevölkerung schon ein Stück weit zusammenrücken, denn Geld bringt uns an der Stelle auch nicht weiter.

Sondern?

Reicherter: Intelligente Lösungen. Wir brauchen Forscher mit guten Ideen, die sich überlegen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, die nicht mehr Auto fährt oder auf ein komplett regeneratives Energiesystem setzt, die auf Plastik weitgehend verzichtet und und und. Momentan hat man ja das Gefühl, dass eine Apokalypse nach der nächsten über uns hereinbricht. Da muss man alternative Lebensweisen finden.

Warum kommt das denn jetzt alles gleichzeitig?

Reicherter: Manchmal hat man das Gefühl, dass die Politiker selbst von den aktuellen Entwicklungen nach so einer langen Zeit der Ruhe und des Wohlstands regelrecht überfahren wurden. Und man darf nicht vergessen, dass Politiker meist eher älter sind und deshalb eher wirtschaftliche Reformen vorantreiben als zu hören, was die Jugend eigentlich will.

Ihr Forschungsgebiet ist nun aber in der Hauptsache die Plattentektonik, also die Untersuchung und Beschreibung der Bewegungen Hunderte Kilometer unter uns. Wie aktiv ist denn unser Untergrund?

Reicherter: Der ist sehr aktiv. Das letzte richtig große Erdbeben im Niederrheingraben war im Jahr 1992 mit dem Epizentrum hier in der Gegend bei Aachen und Heinsberg. Wir gelten in Deutschland als eine der gefährdetsten Erdbebenregionen. Theoretisch könnte es jederzeit zu einem stärkeren Beben kommen.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass in den kommenden Wochen die Erde wackelt?

Reicherter: Das lässt sich nicht sagen. Es ist so, dass wir Erdbeben noch immer nicht vorhersagen können. Wir können nur historische Ereignisse zurate ziehen und eine ungefähre Wiederholrate bestimmen. Aufgrund unserer Auswertungen erwarten wir deshalb noch immer ein deutlich heftigeres Beben als das von 1992 mit einer Stärke von mindestens 6,4. Doch das einzige, was man tun kann, ist, sich auf Erdbeben vorzubereiten und zu wissen, wie man sich im Zweifel verhält.

Was raten Sie denn?

Reicherter: Städte wie Köln oder Aachen lassen sich nicht schnell genug evakuieren. Vor allem Köln hat mit seinen Brücken aus Sicht des Katastrophenschutzes arge Schwachstellen. Wenn die einstürzen, ist die Stadt zweigeteilt. Es ist aber grundsätzlich wichtig zu verinnerlichen, dass man im Zweifel auf keinen Fall raus auf die Straße rennen, sondern sich unter einem Tisch verkriechen oder unter einen Türsturz stellen sollte, bis es vorbei ist. Und zwar schnell – manchmal hat man nur Sekunden. Umbringen tun uns nicht die Beben selbst, sondern die einstürzenden Häuser. Außerdem müssen wir uns fragen, wo wir als Gesellschaft verletzlich sind. Wir sind beispielsweise hochgradig abhängig von unserer Stromversorgung und auch mehr und mehr vom Handynetz. Wenn das ausfällt, sind wir in vielerlei Hinsicht hilflos. Bei einem Erdbeben kann es zwecks Ortung aber sogar sehr sinnvoll sein, ein Handy in der Hosentasche zu haben.

Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit sogenannten giftigen Fluten. Worum geht es da?

Reicherter: Wir haben immer mehr Starkregenereignisse, Flüsse, die über die Ufer treten, in Küstenregionen auch Tsunamis oder Sturmfluten. Das Entscheidende ist, dass Fluten Schadstoffe bewegen, also aufarbeiten, verteilen, anreichern und auch verdünnen. So gelangen Stoffe in den natürlichen Kreislauf, die dort eigentlich nicht hingehören – zum Beispiel Dioxine wie an der Inde. Wir wollen untersuchen, wie sich die geologische Verteilung verhält, wie lange diese Stoffe im System bleiben, ob und wie sie gebunden werden und natürlich auch wie die Stoffe wieder abgebaut werden. Am Projekt sind nicht nur Geologen beteiligt, sondern auch Ökotoxikologen, Chemiker, Biologen, Informatiker, Geographen und auch Betriebswissenschaftler.