Heinsberg: Schon 50 Prozent der Schulanfänger fehlt nötige Reife

Heinsberg: Schon 50 Prozent der Schulanfänger fehlt nötige Reife

Auf seiner aktuellen Tour zur Vorstellung seines dritten Buches „Persönlichkeiten statt Tyrannen” gastierte der renommierte Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff in Heinsberg.

Auf Einladung der Buchhandlung Gollenstede referierte Winterhoff mehr als eine Stunde lang darüber, warum viele Kinder heute psychische Reifedefizite aufweisen. Vor fast 500 Gästen in einer ausverkauften Stadthalle erklärte er seine Aufsehen erregenden Thesen, beantwortete im Anschluss viele Fragen und zeigte Wege zur Lösung der Probleme auf. Angekündigt wurde Winterhoff vom Schulamtsdirektor im Kreis Heinsberg, Peter Kaiser.

Als aktuellen Einstieg in sein Referat wählte Winterhoff die Ausbildungsmisere in Deutschland. Seiner Meinung nach sind die von ihm beschriebenen psychischen Reifedefizite junger Menschen so eklatant gewachsen, dass sie viele Schüler unfähig machten, sich in einem Betrieb den Regeln unterzuordnen. Bereits beim Schulstart entsprächen bis zu 50 Prozent aller Schulanfänger nicht mehr den Anforderungen für Schulreife.

Dabei seien es nicht die „üblichen Verdächtigen” wie fehlende pädagogische Konzepte, unmotivierte Lehrer, desinteressierte Eltern oder soziale Missverhältnisse in den Familien, die dazu geführt hätten. Es ist vielmehr ein Wandel in den Umgangsformen zwischen Erwachsenen und Kindern, der in den 90er Jahren stattgefunden habe.

„Vor 15 Jahren wurden Kinder als Kinder gesehen und wie Kinder behandelt. Mütter haben aus dem Bauch heraus entschieden und intuitiv gehandelt. Die Kinder von damals waren in der Regel respektvoll und begeisterungsfähig”, erklärt Winterhoff. „Heute werden Kinder als Partner gesehen, sind in eine Rolle gerutscht, der sie nicht gerecht werden können. Heute wird jedes Verhalten, jeder Schritt diskutiert, hinterfragt und den Kindern an vielen Stellen die Wahl gelassen. Das überfordert die kleinen Menschen. Zudem erkennen sie schnell, dass sie leicht in der Lage sind, die Erwachsenen zu steuern, zu manipulieren und die Führungsposition zu übernehmen. Damit kippt das Erwachsenen-Kind-Verhältnis.”

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