Würselen/Stolberg: Rot-Rot-Grün kontra große Koalition

Würselen/Stolberg: Rot-Rot-Grün kontra große Koalition

Am Tag danach kann es Eva-Maria Voigt-Küppers noch immer nicht richtig fassen. „Mir schießt immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Boah, du bist jetzt im Landtag.” Am Tag danach ist die Sozialdemokratin auch „müde und kaputt, aber ansonsten ganz gut drauf”.

Bis tief in die Nacht hinein hat sie mit Parteifreunden und ihrer Familie ihren Einzug in den Landtag gefeiert. Nicht ganz so lange wie ihr Juso-Team, das sie wochenlang im Wahlkampf begleitet hatte und den Triumph bis früh um halb sechs bei ihr zu Hause auskostete.

Schließlich war für die Genossin am Montag wieder ein halbwegs normaler Tag mit vielen Terminen. Und natürlich stand das Telefon nicht still, viele Menschen wollten ihr gratulieren. Besonders gefreut hat sich die SPD-Frau über ein Schreiben und einen Blumenstrauß von Baesweilers CDU-Bürgermeister Dr. Willi Linkens.

Nur einer hatte sich bis zum frühen Nachmittag noch nicht gemeldet: ihr Gegenkandidat von der CDU, Reimund Billmann, den sie überraschend deutlich - mit 1900 Stimmen Vorsprung - geschlagen hat. Selbst in Billmanns Heimatstadt Herzogenrath erhielt Voigt-Küppers 1251 Stimmen mehr als er, während ihr Vorsprung in ihrer Heimatstadt Würselen nur bei 419 Stimmen lag. Insgesamt holte Voigt-Küppers ein deutlich besseres Ergebnis als ihre Partei mit der Zweitstimme.

Knapp vorbeigeschrammt am Sieg war ihr Parteifreund Stefan Kämmerling aus Eschweiler. Und er haderte bereits am Wahlabend mit den Grünen. „Hätten die wie in anderen Regionen eine Zweitstimmen-Kampagne gefahren, hätten sicher mehr Grünen-Wähler ihre Stimmen gesplittet und die Erststimme mir gegeben.” Und dann hätte es vielleicht für ihn gereicht. Tatsächlich haben die Grünen ein überraschend gutes Erststimmenergebnis erzielt - und ein besonders gutes im Süden. So erhielt Werner Krickel in der Eifel gar 150 Stimmen mehr als seine Partei mit der Zweitstimme. Stimmen, die am Ende den Ausschlag gaben? Nur 540 Stimmen lag Kämmerling am Ende hinter CDU-Parteichef Axel Wirtz, der seit 1999 im Landtag sitzt.

„NRW wählt nicht rechts”

Natürlich war es ein enges Rennen. Und als im Laufe des Abends sein Vorsprung immer weiter zusammenschmolz, „da habe ich schon gedacht, was kommt jetzt, wie geht es aus”, sagt Wirtz. Aber der Sportpolitiker betont zugleich: „Auch bei einem Marathonlauf kommt es im Ziel manchmal auf wenige Sekunden an.” Will heißen: Er hatte am Ende die Nase vorne und hat sein Mandat verteidigt. Wirtz: „Das Ergebnis ist im Vergleich zum Landestrend gut. Ein wichtiger Sieg - nicht nur für mich, sondern auch für die CDU.” Dass er im Vergleich zur Wahl 2005, bei der er fast 7200 Stimmen Vorsprung auf die damalige SPD-Kandidatin Helen Weidenhaupt hatte, ein dickes Minus verbuchen musste, verhehlt er nicht.

Aber SPD-Kandidat Kämmerling habe „im Vergleich zum desaströsen SPD-Ergebnis von 2005 auch nur rund 800 Stimmen hinzugewinnen können”, betont Wirtz, der morgen im CDU-Kreisvorstand die Wahl in Ruhe analysieren wird. Heute geht es zur stark von 89 auf 67 Köpfe geschrumpften Landtagsfraktion. „Da haben wir jetzt viel mehr Platz”, übt er sich in Galgenhumor und schaut, was jetzt in Düsseldorf passiert. Eins ist für ihn jedoch klar: „Da es für Schwarz-Grün leider nicht reicht, halte ich bei dem Wahlergebnis eine große Koalition für sinnvoll.”

Das sieht Eva-Maria Voigt-Küppers gänzlich anders. Natürlich sei die Koalitionsfrage in Anbetracht des Wahlergebnisses „schwierig, ganz schwierig”. Am liebsten wäre ihr eine rot-grüne Landesregierung, toleriert von der Linkspartei. Das haben die Grünen allerdings ausgeschlossen. Deshalb: „Wenn Rot-Grün mit Tolerierung der Linken nicht geht, dann wäre mir Rot-Rot-Grün lieber als die große Koalition.”

Rot-Rot-Grün ist derzeit die einzig denkbare Konstellation für eine grüne Regierungsbeteiligung. „Die SPD muss entscheiden, ob sie diesen Weg gehen will”, sagt der Aachener Landtagsabgeordnete Reiner Priggen. An den Farbenspielen beteiligt sich die grüne Bundestagsabgeordnete Bettina Herlitzius erst mal nicht. Für sie ist zunächst wichtig, dass mit dem Aus von Schwarz-Gelb in NRW die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat gekippt ist. „So können viele unsinnige FDP-Pläne nicht durchkommen.” Und Krickel betont: „Wichtig ist, dass ein Land wie NRW nicht rechts wählt.”

Während die Grünen feierten, war für die FDP der Wahlabend eigentlich schon mit der Wahlprognose um 18 Uhr gelaufen. Diagnose von Parteichef Dr. Werner Pfeil: „Wahlziel verfehlt.” Und nicht nur er blickt mit Sorge auf das, was dem Hochschulstandort Aachen demnächst blühen mag. „In den vergangenen fünf Jahren hat Minister Andreas Pinkwart hervorragende Arbeit geleistet und jede Menge für die Hochschulen getan. Es steht zu befürchten, dass dies jetzt eingedampft wird”, sagt der städteregionale FDP-Fraktionschef Georg Helg.

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