Rom: Rom gibt sich zum Karlspreis gelassen

Rom : Rom gibt sich zum Karlspreis gelassen

Natürlich hat sich diese Stadt herausgeputzt und an allen Ecken und Enden und Plätzen hängen die schwarz-gelben Aachener Stadtflaggen.

Was natürlich gar nicht stimmt und allenfalls ein kaiserstädtischer Wunschtraum gewesen wäre.

Nichts deutet am Tag davor auf die Außerordentliche Karlspreisverleihung hin. Und im Ristorante hat man in Zusammenhang mit Aquisgrana allenfalls dann einen römischen Hauch an Ahnung, wenn man erklärt, dass die Stadt Karls des Großen eine knappe Stunde von Colonia entfernt liege.

Genug relativiert! Fest steht, dass eine beachtliche Aachener Delegation hier für Aufmerksamkeit sorgen wird. Welche deutsche Stadt kann schon dem Heiligen Vater einen so renommierten Preis verleihen? Eben: Aachen!

Die Delegation: Sie präsentiert auf dem lokal-regionalen Silbertablett bekannte Namen. Die Liste reicht vom Oberbürgermeister Jürgen Linden über den CDU-Fraktionsvorsitzenden Rolf Einmahl bis zum ehemaligen Oberstadtdirektor Heiner Berger. Man lässt sich wahrscheinlich eben nur einmal im Leben vom Papst in den Vatikan bitten.

Einige aus der Delegation hatten diese vaterstädtische Verpflichtung nach dem rheinischen Motto „Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden” mit Freizeitverlängerung kombiniert. Bis zum Wochenende Rom genießen: selber schuld, wer so viel Alltagskultur nicht mehr aufbringt.

Und doch wird einigen ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht, weil am Freitag - zu wahrhaft unchristlicher Zeit, acht Uhr! - der Aachener Stadtrat zu einer Sondersitzung wegen des Verkaufs der GeWoGe (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft) zusammenkommt. So holt der lokale Ärger sogar die ewige Stadt ein und einige Flüge mussten storniert oder umgebucht werden.

Eine kleine Aachener Gruppe stieg am Dienstag in die ewigsten aller weltlichen Ewigkeiten hinab: in die so genannten Nekropole unter dem Petersdom.

Zehn Meter unterhalb des heutigen Bodenniveaus dieser gigantischen Kirche, die Platz für über 12.000 Menschen hat, sind Heilige, unter ihnen auch Märtyrer, beerdigt worden. Die Gräber lagen einst am Rande des Circus von Caligula und Nero. Zwischen 1940 und 1957 hat man einen Teil der Nekropole ausgegraben.

Am Ende der 70 Meter langen Gasse kommt man schließlich zu einer roten Wand und einer Nische mit einer kleinen Säule. Hier soll das Grab des Petrus sein, und viel spricht historisch und archäologisch dafür, dass das sogar stimmt.

Kaum Touristengruppen

100.000 Menschen passen auf den Petersplatz. Aber da an diesem Tag (trotz der Anwesenheit der Delegation aus dem katholischen Aachen) keine Seligsprechung ansteht, verlieren sich die zu dieser Jahreszeit noch relativ wenigen Touristengruppen auf dem Gelände.

44 Hektar ist der Vatikanstaat groß, die von der bunten und harmlosen Schweizergarde bewacht werden. 2500 Menschen arbeiten im Vatikan, und 450 von ihnen sind echte Bürger dieses Ministaates, der letztlich erst 1927 in den Lateranverträgen besiegelt wurde, die Papst Pius XI. mit dem faschistischen Diktator Benito Mussolini schloss.

Pius war der erste Papst, der es nach 52 Jahren 1922 wagte, seinen ersten Segen nicht im Petersdom, sondern über den Petersplatz - urbi et orbi - zu erteilen.

Seit 1870, als italienische Truppen dem Papst nur noch den Palast und den Garten ließen, hatten sich die Päpste aus ihrem faktischen Gefängnis gar nicht mehr herausgetraut.

Heute ist der Heilige Stuhl ein fester Bestandteil des internationalen politischen Geflechts. Er unterhält diplomatische Beziehungen zu 177 Ländern.

Und seitdem der Papst, der heute mit dem Karlspreis ausgezeichnet wird, sein Amt angetreten hat, verzeichnet die vatikanische Statistik nahezu eine Verdoppelung der offiziellen diplomatischen Kontakte. Auch das spricht für Johannes Paul II. und seine Kommunikationsfähigkeit und seine Weltoffenheit.

Dass über 90 Prozent der Vatikanbürger Männer sind: wen überrascht das? An der Spitze des Vatikans stehen unmittelbar unter dem Papst zwei Persönlichkeiten: zum einen der deutsche Kurienkardinal Joseph Ratzinger, der die „Kongregration für die Glaubenslehre” im Palazzo del SantUffizio leitet und durchaus souverän damit umgeht, dass er damit in der historischen Nachfolge der Inquisition steht.

Nicht minder bedeutend ist Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, der im Apostolischen Palast als „Regierungschef” des Vatikanstaates residiert.

Was erfährt man hier in Rom ansonsten in Gesprächen, so genannten „Hintergründen”?

Zum Beispiel, dass der Vatikan mit seinen Museen, Briefmarken, Münzen und Souvenirshops rund 14 Millionen Euro Gewinn pro Jahr erwirtschaftet.

Dass die Kardinäle angehalten sind, sich automobiltechnisch in der VW-Golfklasse zu bewegen, wenngleich es einige wenige geduldete Mercedes- und sogar eine Jaguar-Limousine gibt.

Für den Papst ist offiziell immer noch jener Mercedes aus dem Baujahr 1966 reserviert, den Paul VI. damals in den päpstlichen Dienst beförderte.

Das vatikanische Personal genießt zwar Steuerfreiheit, wird aber nicht üppig entlohnt. Selbst die Kardinalsgehälter in Rom sollen die 2500-Euro-Grenze nicht überschreiten.

Garantiert ist für die Mitarbeiter allerdings eine 36-Stunden-Woche, verteilt auf sechs Tage, „so wie das die Bibel vorsieht; denn nur am siebten Tag soll man ruhen”. So salopp wie korrekt formuliert das ein deutscher Monsignore.

Es gibt im vatikanischen Supermarkt zwar keine Werbung, aber bis zu 40 Prozent Rabatt für die vatikanischen Angestellten, und 1800 Liter verbilligtes Benzin dürfen jährlich an der Vatikan-Tankstelle gezapft werden.

Eine andere Welt ist das irgendwie also schon, und nun werden die Aachener heute intensiv Gelegenheit haben, das Außerordentliche zu erleben. Dem Internationalen Karlspreis sei Dank.

Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff hat die Verleihung des Außerordentlichen Karlspreises an den Papst als hohe Ehre für die Stadt und das Bistum bezeichnet.

Der Bischof hob den großen Anteil des Papstes am Zusammenbruch des atheistischen Kommunismus und der sozialistischen Staaten Osteuropas heror.

Sein Einsatz für Menschenwürde und Menschenrecht, für Freiheit und Gerechtigkeit nähre sich aus dem christlichen Menschen- und Geschichtsbild.

Die Verleihung des Außerordentlichen Karlspreises an Papst Johannes Paul II. ist am Mittwoch live im Fernsehen zu sehen. Der WDR und Phoenix übertragen die Zeremonie von 17 bis 18 Uhr aus der Salla Clementina im Vatikan.

Impressionen von der Karlspreis-Verleihung in Rom