Aachen: Riccardi fordert mehr Engagement von Europa

Aachen : Riccardi fordert mehr Engagement von Europa

Der römische Universitätsprofessor und Gründer der christlichen Laienbewegung SantEgidio, Andrea Riccardi, hat die Europäer ermahnt, sich stärker den Herausforderungen der Globalisierung anzunehmen. Nur gemeinsam seien die Bevölkerungsentwicklung, Armut, Flüchtlingsströme und die von vielen Menschen als bedrohlich empfundenen Szenarien zu bewältigen, sagte der Historiker, der am Donnerstag im Aachener Krönungssaal mit dem diesjährigen internationalen Karlspreis zu Aachen ausgezeichnet wurde.

Riccardi, der als 50. Preisträger mit der renommierten, undotierten Auszeichnung geehrt wurde, warb auf dem Festakt für ein Europa, das Mut zu Visionen und historischer Gestaltungskraft zeige. „Europa läuft Gefahr, in die Schlagzeilen abzugleiten, statt Geschichte zu machen”, mahnte er. „Die Welt braucht Europa, seinen Frieden und seine Dialogbereitschaft.”

Vor allem in Afrika müsse Europa für Hoffnung und wirtschaftlichen Aufschwung sorgen, „sonst ist der Migrationsstrom nicht zu stopen”, betonte Riccardi, dessen Bewegung sich unter anderem im Mosambik mit dem Projekt DREAM gegen Aids und Mangelernährung engagiert. Der ehemalige Präsident des EU-Parlaments und Karlspreisträger 2004, Pat Cox, würdigte in seiner Laudatio den Einsatz der christlichen weltweiten Laiengemeinschaft mit ihren über 50.000 Mitgliedern in 70 Ländern für das Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft gleichermaßen. Dieses Engagement nannte er einen Auftrag an die europäische Gemeinschaft.

„SantEgidio ist ein Appell an jeden einzelnen Europäer, sich für Frieden und Gemeinschaft einzusetzen.” Es gehe um eine „Kommunikation von Herz zu Herz”, zitierte Cox den diesjährigen Preisträger. SantEgidio sei ein Vorbild für eine aktive europäische Bürgerschaft, sagte der Ire und warb für eine starke Beteiligung an der bevorstehenden Wahl des Europaparlaments. Der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds, Michel Camdessus, unterstrich die Selbstlosigkeit Riccardis und der Gemeinschaft SantEgidio.

„Ich kenne keine Institution, der die institutionellen Eitelkeiten so fremd sind, und von der alle Partner wissen, dass sie nie Dankbarkeit oder Macht einfordern wird”, sagte der Freund des Preisträgers. Mit Bescheidenheit und dem Wunsch, anderen zu dienen, leisteten sie eine erfolgreiche „Diplomatie der schwachen Kraft”, sagte Camdessus und verwies beispielhaft auf das Aids-Programm in Mosambik.

Hier setze sich SantEgidio mit Nachdruck für die Ausbildung von Krankenschwestern ein, eröffne Labore und bemühe sich um die Finanzierung zum Kauf notwendiger Generika-Medikamente. Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden (SPD) würdigte SantEgidio als Vorbild für eine „ethische Grundordnung, die unsere Welt braucht”.

In Berlin betonte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) das friedenspolitische Engagement des Preisträgers. „Jenseits der großen Diplomatie hat die Gemeinschaft von SantEgidio gezeigt, dass gerade die Zivilgesellschaft einen wichtigen Beitrag für eine friedlichere Welt leisten kann”, erklärte sie. Der 1950 in Rom geborene Historiker Andrea Riccardi gründete 1968 als Gymnasiast mit anderen Schülern und Studenten die Gemeinschaft SantEgidio, die sich für die Weitergabe des Evangeliums und für den Dienst an den Armen einsetzt.

Der von der katholischen Kirche anerkannte „Öffentliche Verein von Gläubigen in der Kirche” hat nach eigenen Angaben mehr als 50.000 Mitglieder in mehr als 70 Ländern. Neben sozialen Projekten für Kinder, alte Menschen, Flüchtlinge und Behinderte setzt sich die Organisation auch für den Frieden ein und war in Konfliktregionen wie etwa in Mosambik als Vermittler tätig.