Waldfeucht-Haaren: Reliquien, von denen niemand wusste

Waldfeucht-Haaren: Reliquien, von denen niemand wusste

Es war eine erstaunliche Entdeckung, die der Aphovener Restaurator Michael Martin bei der Restauration des Kopfreliquars von Johannes dem Täufer machte: weitere Reliquien, von denen man bislang nichts wusste.

Bei einem Einbruch in die Haarener Pfarrkirche im vergangenen März waren Reliquiare zu Boden gefallen und wurden stark beschädigt. Deshalb standen nun die Restaurierungsarbeiten an. Dabei entdeckte Martin ein weiteres Hohlgrab im Reliquiar. In dem ebenfalls rot ausgemalten Hohlgrab wiederum befanden sich weitere Reliquienpartikel, die offensichtlich bei einem Brand in Mitleidenschaft gezogen worden waren. „Ein Zahn und verkohlte Knochenreste, eingewickelt in Büttenpapier”, so Martin.

Das Büttenpapier taxiert der Fachmann auf den Zeitraum zwischen 1820 und 1840; die Gestaltung erinnert an Baukostenaufstellungen aus der Phase des Haarener Kirchenbaus 1821 bis 1824. Genauere Erkenntnisse über den weiteren Fund hingegen ergeben sich hieraus nicht.

Dafür erzählt das Reliquiar, also der Reliquienschrein, dem Laien eine interessante Geschichte. „Das Hauptmaterial des Kopfes besteht aus Pappel”, einem hier früher ausreichend vorhandenem Holz „der Deckel des (neuen) Hohlgrabes hingegen aus Eiche”, erklärt der Fachmann. Gleiches gilt für einen eingesetzten Span, der offensichtlich bei einer früheren Restauration eingesetzt worden war. „Auch das Armreliquiar mit den drei erhobenen Fingern besteht in seinem Hauptmaterial aus Eiche”, erklärt Martin, so dass zu vermuten istt, dass nicht beide Reliquiare zur gleichen Zeit an die St. Jans Klus gelangten.

„Die drei erhobenen Finger waren das Erkennungszeichen der Urchristen für die Dreifaltigkeit - Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist”, erläutert Kirchenvorstand Helmut Schröders den liturgischen Hintergrund. Dass die Reliquien zu unterschiedlichen Zeiten an die Klus gelangten, unterstreicht auch die französierende Bezeichnung der Arm- im Gegensatz zur Kopfreliquie. Es ist denkbar, dass sie als „Geschenk” zur Pfarrerhebung 1804 an die neue Haarener Pfarrei und damit in die „neue” Pfarrkirche der St. Jans Klus gelangte.

Napoleon hatte das linksrheinische Gebiet Frankreich zugeschlagen, bis 1814 sollte Französisch auch hier Amtssprache bleiben. Zudem dürften zahlreiche Reliquiare aufgrund der Klosterauflösungen durch die Franzosen 1802 an neue Andachtsstätten gekommen sein.

Das tatsächliche Alter der Haarener Reliquien, beziehungsweise der Zeitpunkt, wann sie nach Haaren gelangten, konnte bislang nicht ergründet werden; über einen (verhinderten) Brand in der Klus, auf die das nun entdeckte Hohlgrab hindeutet, geben die bekannten Aufzeichnungen keinen Aufschluss.

Das Alter der Reliquien bleibt für die Bedeutung letztlich irrelevant, aus religiöser Sicht bleibt die darin ruhende Heilskraft bestehen. Fest steht allerdings, dass beide Reliquiare am Vorabend des Johannesfestes 1824, also am 23. Juni, von der St. Jans Klus in einer feierlichen Prozession in die heutige Pfarrkirche überführt wurden. Daran erinnert auch heute noch die alljährliche Prozession zur Frühkirmes an die St. Jans Klus.

Bis heute genießen Reliquien im katholischen Verständnis einen besonderen Stellenwert, allerdings kennt auch der Islam und der Buddhismus eine vergleichbare Bedeutung. Dabei maß der Volksglauben den Reliquien - Partikeln vom Körper eines Heiligen oder von Gegenständen, mit denen er in Berührung kam - eine besondere (Heils-)Kraft zu, die seit dem vierten Jahrhundert wachsende Bedeutung bekam.

Berühmte Beispiele: In Trier befindet sich der Heilige Rock, Aachen bewahrt die Windeln Jesu auf, der Kölner Dom war ursprünglich als sakrale Ausstellungskirche für die Gebeine der Heiligen Drei Könige gebaut worden. Kurz nach der einsetzenden Christianisierung im achten Jahrhundert kam auch der Reliquienkult ungefähr ab dem Jahr 1000 auf.

In Haaren wurden seit jeher Reliquien Johannes des Täufers aufbewahrt. Die St. Jans Klus war von Beginn an dem Patronat des Täufers unterstellt und diente während der Christianisierung des hiesigen Raumes wohl als Taufkirche. Bereits 1328 erhält St. Jans Klus als „uralter Wallfahrtsort” einen Ablassbrief aus dem damaligen Sitz des Papstes in Avignon.

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