Aachen: Zwei Aachener klettern auf den Mount Everest

Aachen: Zwei Aachener klettern auf den Mount Everest

Unter den Steigeisen knirscht der Harsch. Ein Schritt und noch einer, dann schiebt der Mann im roten Daunenanzug die Steigklemme ein Stück höher am Fixseil.

Wieder zwei Schritte, wieder hochschieben. Noch ein paar Meter, dann ist das Zelt mit den Schlafsäcken erreicht. Ausruhen, Tee trinken. Und vorbereiten auf die Biwaknacht bei frischen zehn Grad unter null...

Nur die Skifahrer und Snowboarder schauen leicht irritiert, staunen, manche lachen. Denn das ist nicht die Flanke eines Himalaya-Riesen, sondern die Skihalle im niederländischen Landgraaf - 198 Meter über dem Meeresspiegel, und aus den Boxen dudelt Hüttenmusik. Da wirken zwei Männer, die in voller Expeditionsausrüstung über die Piste stapfen, einigermaßen exotisch. „Dooferweise gibt es bei uns keine Berge”, sagt Paul Thelen. Da muss es halt auch mal eine Skihalle tun. Denn er und sein Seilpartner Eberhard Schaaf haben ein ambitioniertes Ziel, und das liegt gut achteinhalbtausend Meter höher: der Gipfel des Mount Everest.

Paul Thelen sagt von sich, er sei „kein erfahrener Alpinist”. Dabei stehen im Gipfelbuch des 68-jährigen ehemaligen Unternehmensberaters aus Würselen eine Reihe klangvoller Namen: Mount McKinley in Alaska (6194 Meter), Aconcagua, mit 6966 Meter höchster Berg Amerikas, und bereits fünf Mal der Kilimandscharo (5893 Meter) in Tansania - immer zusammen mit seinem Freund Dr. Eberhard Schaaf (61) aus Aachen, einem Allgemeinmediziner mit Praxis in Herzogenrath. Schaaf gelangte 2008 als Expeditionsarzt am unweit des Everest gelegenen Cho Oyu (8188 Meter) bis knapp unter den Gipfel.

Beide haben sich der Eco Everest Expedition (EEE) 2012 angeschlossen. Sie vereint zehn Alpinisten - Teilnehmer aus Georgien und den USA sind dabei sowie Thelen und Schaaf als einzige Deutsche. Die Leitung hat der zweifache Everest-Besteiger Dawa Steven (28), Sohn eines Sherpas und einer belgischen Mutter, fünfsprachig, Universitätsabschluss. Ihm zur Seite steht Pertemba Sherpa, der den Berg mehrfach über verschiedene Routen bestiegen hat. In diesem Frühjahr wird er die Öko-Expedition vom Basislager aus koordinieren.

Der Gipfelerfolg allein ist nicht das Ziel des Unternehmens, es geht auch um eine sanftere Form des Bergsteigens. Die zunehmende Verschmutzung der noch vor zwei Jahrzehnten praktisch unberührten Umgebung des Everest ist die dreckige Kehrseite des kommerzialisierten Gipfel-Booms. Der Südsattel auf 7900 Meter gilt längst als „höchstgelegene Müllkippe der Welt”: Zahllose leere Sauerstoffflaschen, vom Sturm zerfetzte Zelte, Berge alter Fixseile, Dosen und Plastik haben die Expeditionen der vergangenen Jahrzehnte an den Flanken des Giganten zurückgelassen.

Säuberungsexpeditionen schleppen immer wieder tonnenweise Abfälle talwärts, wo sie auf Yaks verladen und später in tieferen Regionen recycelt oder verbrannt werden. Auch die Teilnehmer der EEE 2012 wollen sich als hochalpine Müllabfuhr betätigen und bei den geplanten Auf- und Abstiegen neben dem eigenen Müll auch fremde Abfälle ins Basecamp zurücknehmen. Dort ersetzten Parabolherde, die mit Sonnenenergie betrieben werden, die klimaschädlichen Kerosinkocher.

Die Idee, den Everest zu besteigen, steckt seit zwei Jahren in den Köpfen der beiden Freunde Schaaf und Thelen. Seit Frühjahr 2011 bereiten sie sich minutiös auf das Abenteuer vor. Sie wissen: Nur wer topfit ist, hat eine reelle Chance, es bis ganz oben zu schaffen. Zehn Trainingseinheiten pro Woche stehen an: stundenlange Ausdauer- und Etappenläufe, Touren auf dem Mountainbike, Treppentraining, dazu Muskelaufbau im Kraftraum, Klettern in der Halle, Eistechnik. Mit Steigeisen an den Bergschuhen balancieren sie auf wackligen Aluminiumleitern, wie sie auch am Everest zur Überwindung von Gletscherspalten eingesetzt werden.

Um sich schon vorab zu akklimatisieren, trainieren sie auf einem speziellen Fahrradergometer. Eine Maske verringert das Sauerstoffangebot und simuliert so die dünne Luft des Himalaya. Ab 8000 Meter ist das Sauerstoffangebot zu zwei Dritteln geringer als auf Meereshöhe.

Die Expedition der beiden Aachener wird von der nepalesischen Seite die klassische Südroute nehmen, die auch die Erstbesteiger Edmund Hillary und Tenzing Norgay 1953 wählten. Vom Basislager auf 5364 Meter führt der rund 15 Kilometer lange Aufstieg zunächst über den Khumbu-Eisbruch, ein tückisches Labyrinth aus schier bodenlosen Spalten und haushohen Eistürmen, das sich unablässig polternd und krachend talwärts schiebt. „Icefall Docs”, spezialisierte Sherpas, versuchen, die Passage mit Leitern und Fixseilen zu entschärfen. Doch für den Everest-Veteranen Apa Sherpa ist es nach wie vor „das gefährlichste Stück” des Weges, denn es hat mehr Menschenleben gekostet als jeder andere Teil des Berges. Reinhold Messner weiß: „Das Steigen im Eisbruch ist wie Russisches Roulette.”

Die Route führt weiter ins drei Kilometer lange „Western Cwm” (sprich kuum) oder „Tal des Schweigens” zwischen Everest und Nuptse. Bis zu 60 Grad steil steigt die stark vereiste Lhotse-Flanke in den Himmel. Mehrfach werden sie ins Basislager absteigen, um den Organismus an die extreme Höhe zu gewöhnen. Über Lager 3 erreichen die Bergsteiger den Südsattel - die „Todeszone” beginnt, jene berüchtigte Region, in der der Mensch selbst mit Flaschensauerstoff nur maximal 48 Stunden überleben könnte.

Der Aufbruch zum Gipfel muss von Camp 4 auf 7925 Meter noch deutlich vor Mitternacht erfolgen - denn nur wer bis spätestens 12 Uhr am Folgetag oben ist, so lautet ein ungeschriebenes Everest-Gesetz, hat genug Zeitreserven für den Rückweg. Vor dem Gipfelgrat wartet mit dem „Hillary Step”, einer zwölf Meter hohen Steilstufe, die einzige Stelle des Aufstiegs, die wirklich Klettertechnik erfordert.

Immer wieder kommt es hier zu zermürbenden Staus. Danach beginnt der Gipfelgrat. Auf 8848 Meter schließlich, die Stelle, von der es zu allen Seiten nur mehr abwärts geht, will Paul Thelen ein Foto seiner Familie hinterlassen - „im Karnevalskostüm”. Eberhard Schaaf hat einen kleinen Koala im Rucksack, den ihm seine Tochter mitgeben wird. Zudem nimmt er eine nepalesische Gebetsfahne mit hinauf.

Die beiden Freunde wissen, wie wichtig die seelische Fitness ist, wenn sie dieses Ziel erreichen wollen. „Zu 50 Prozent kommt es am Berg auf das Körperliche an, 50 Prozent hängen von der mentalen Stärke ab”, sagt Paul Thelen. „Wir werden über unsere Grenzen gegen müssen”, meint der Mediziner Schaaf, „aber nicht um jeden Preis.” Immer wieder denken sie sich in die Wochen im Zelt hinein, nehmen vorweg, was sie erwartet: Eiseskälte und dramatische Wetterstürze, Hunger und quälender Durst, Schlafmangel und frustrierendes Warten auf besseres Wetter, Schmerzen und tiefe Erschöpfung. Immer wieder gehen sie im Kopf die Aufstiegsroute durch, die Schlüsselstellen des Aufstiegs, wägen ab, was passiert, wenn das Unplanbare geschieht.

Klar ist: Sie gehen ihr Projekt gemeinsam an. Aber sie wissen auch: Irgendwann im Aufstieg kommt der Punkt, ab dem Hilfe kaum möglich, jeder für sich selbst verantwortlich ist - und man sich notfalls auch trennen muss. „Am Berg ist man letztlich immer allein”, meint Schaaf. Angst - ist das ein Thema? „Wenn man Angst hat, dann sollte man es lassen”, sagt er. „Aber der Respekt vor dem Everest steigt, je näher der Abflug kommt”, ergänzt Thelen.

Das harte Training, die Ungewissheit, die Gefahr: Warum tut man sich das an - in einem Lebensalter, in dem andere nur noch mit den Enkeln spielen? Für Schaaf ist es vor allem die Lust am Ausloten der eigenen Grenzen und am Entdecken. „Wenn ich nicht neugierig bin, werde ich es nie erfahren.” Und: Bei aller Plackerei soll das Abenteuer Everest auch einen „Spaßfaktor” (Schaaf) haben. „Ich freue mich jetzt schon auf jedes Stück des Weges und jede einzelne Tasse Tee mit den Sherpas.” Was sagen die Familien? „Sie sind nicht unbedingt begeistert”, räumt Schaaf ein. „Und wir haben versprochen, heil und nicht erfroren zurückzukommen.”

Mit einer „Puja” genannten Opferzeremonie versuchen die Sherpas traditionell, die Götter und den Berg vor dem Aufstieg milde zustimmen. Aber was, wenn Sagar-matha, die „Muttergöttin der Welt”, sich trotzdem ungnädig zeigt? Wenn Schaaf und Thelen vielleicht wenige hundert Höhenmeter unter dem Gipfel umkehren müssen, so wie es für den Fall der Fälle fest vereinbart ist? „Falls es nicht klappt”, sagt Schaaf und lächelt, „dann werden wir es überleben.”

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