Johannesburg: Wo Südafrikas Fußballherz schlägt: Eine Radtour durch Soweto

Johannesburg: Wo Südafrikas Fußballherz schlägt: Eine Radtour durch Soweto

Es gab eine Zeit, da verschaffte allein die Erwähnung des Ortsnamens vielen Touristen eine Gänsehaut: Soweto. Wo Südafrikas Fußballherz schlägt: Eine Radtour durch Soweto. Der Hüttenmoloch hinter den Goldminen am Rande von Johannesburg. Die größte Armensiedlung Afrikas. Ein Ziel für Reisende, „die es lieben, ausgeraubt, erschlagen und gegessen zu werden”, wie es ein britischer TV-Moderator beschrieb.

Doch heute lässt sich Soweto bei organisierten Ausflügen gefahrlos erkunden, mit dem Reisebus, aber noch besser bei Fahrradtouren. Diese Erfahrung können Urlauber auch während der Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) machen.

Allein schon, weil im „SOuth WEstern TOwnship” die Wiege des Befreiungskampfes gegen das Apartheidregime stand, sollte Soweto zu einem Besuchsprogramm für Johannesburg gehören. Aber in Zeiten des WM-Fiebers gibt es noch einen guten Grund mehr: In diesem riesigen Sammelsurium aus 29 Ortsteilen - von Elendsquartieren über gutbürgerliche Wohngegenden bis hin zu einigen Millionärsvillen - schlägt das Fußballherz Südafrikas viel lauter als anderswo.

„Fußball war der Sport der Schwarzen und Farbigen”, erzählt Lebo Malepa. „Die Weißen standen mehr auf Rugby.” Schon vor einigen Jahren begann der Sohn von Kämpfern der Befreiungsorganisation ANC, im Haus seiner Großmutter Zimmer an abenteuerlustige Rucksacktouristen zu vermieten. Inzwischen steigen Reisende jeden Alters und aus aller Welt in Lebo Malepas Hotel „Soweto Backpackers” ab. Zur WM kommt gleich daneben der erste Campingplatz Sowetos hinzu.

Jeden Tag um 10.00 und 13.00 Uhr herrscht hier reges Treiben: Luftpumpen pfeifen, Sättel und Schutzhelme werden angepasst. Sportliche junge Männer erläutern den Streckenverlauf der „Soweto Bicycle Tours”. Nicht weit entfernt liegt einer der interessantesten Haltepunkte. Die Vilakazi Street ist die einzige Straße der Welt, in der zwei spätere Friedensnobelpreisträger gewohnt haben: Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu. Das Haus, in dem ANC-Führer Mandela bis zu seiner Verhaftung 1962 lebte, ist heute ein Museum.

Nur wenige Kilometer entfernt ragt am Rande Sowetos „Soccer City” empor, das größte Stadion Afrikas. Dort gehen unter anderem das Eröffnungsspiel der Fußball-WM und das Finale über den Rasen. Es gibt auch einige Reiche in Soweto, doch für die meisten Fans in den Townships sind die Tickets unerschwinglich. „Uns bleiben immer noch die Plätze mit den Videowänden, da wird die Stimmung prächtig”, sagt John Mbatha, dem die Radler bei einem Stopp in einer Shebeen begegnen, einer der einst illegalen Townshipkneipen.

Nach ein paar Schlucken säuerlichen Maisbiers aus dem herumgereichten Eimer sind sich alle einig, dass Südafrikas Nationalelf „Bafana Bafana” ein prima Team ist. „Aber längst nicht so super wie unsere Orlando Pirates”, meint John, der seinen Lebensunterhalt als Mobiltelefon-Verkäufer verdient. Der Club wurde bereits im Jahr 1937 im gutbürgerlichen Soweto-Viertel Orlando gegründet. Der Zusatz Pirates kam 1940 unter dem Eindruck des Piratenfilms „Der Herr der sieben Meere” mit Errol Flynn hinzu.

Die Orlando Pirates (Spitzname: „The Happy People”) dominierten lange Südafrikas Fußball-Liga und waren der Stolz Sowetos. Doch 1970 gründete der Ex-Orlando-Spieler Kaizer Motaung einen Konkurrenzclub. Die Kaizer Chiefs fanden rasch den Weg in die Spitzenliga. Wann immer es zum Soweto-Klassiker Orlando Pirates gegen Kaizer Chiefs kommt, fiebern Fans nicht nur dort, sondern im ganzen Land und selbst in Nachbarstaaten Südafrikas mit.

Die Radtour führt vorbei an tristen Baracken, in denen einst Arbeiter der Goldminen fast wie Sklaven untergebracht waren. Frauen und Familien wurden nicht geduldet. Über gelbbraune Sandwege geht es durch Hüttensiedlungen. Wellblechdächer und zerbröckelnde Wände aus Lehm und Pappe sind zu sehen sowie klitzekleine Vorgärten mit dünnen Drähten als Zäunen, ein paar Gemüsebeeten und gackernden Hühnern. Und es gibt verstohlene, ja ärgerliche Blicke. So mancher will nicht auch noch begafft werden in seiner Armut.

Doch es überwiegen die freundlichen Gesichter. Bei vielen Stopps umringen Kinder die Radfahrer. Alle sind neugierig, wollen die Fremden berühren, Scherze machen. Selten wird gebettelt. „Euch Radler finden wir gut”, sagt eine Frau mit einem Baby auf dem Arm - und dem Autoschlüssel für ihren alten, aber gut erhaltenen VW Golf in der Hand. „Ihr haltet mal an, gebt einem die Hand, redet mit uns, kauft auch mal einen Drink oder ein paar Nüsse”, sagt sie. „Andere rollen in Bussen vorbei als wären wir ein Safari-Park.”

Sich einlassen auf die Wirklichkeit ist nicht jedermanns Sache. Nicht wenn sie so rau ist wie in weiten Teilen Sowetos. Auch 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch, ohne das die Fußball-WM in Südafrika gar nicht möglich gewesen wäre angesichts des weltweiten Sportboykotts gegen die weißen Herrscher.

Zur Stärkung kommt ein echter „Soweto-Burger” auf den Tisch: ein Viertel Weißbrot, gefüllt mit Frikadellen, Spiegelei und fetten Fritten. Diätgerichte sind etwas anderes. Die letze Etappe führt dann zum Walter Sisulu Square, benannt nach einem der wichtigsten Gefährten Mandelas. Hier wird es während der Weltmeisterschaft die größte Public-Viewing-Zone in der Region Johannesburg geben. Eine der kleineren entsteht gleich vor Lebos Backpapper-Hotel. „Wir wünschen uns, dass viele Touristen mit uns in Soweto Fußballfeste feiern”, sagt er. „Dass sie hier sicher sind, ist für uns Ehrensache.”

Informationen: South African Tourism, Friedensstraße 6, 60311 Frankfurt (Kostenloses Tel.: 0800/118 91 18).

## Internet - [Fremdenverkehrsamt Südafrika]: , - [Touranbieter in Soweto]: www.sowetobicycletours.com