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Oxford: Wo der Hobbit herkommt: Mit J.R.R. Tolkien durch Oxford

Oxford : Wo der Hobbit herkommt: Mit J.R.R. Tolkien durch Oxford

Der Entstehungsort von Mittelerde liegt hinter einem verkommenen Bretterzaun. Asphaltierter Vorgarten, verwilderter Randbewuchs, Mülltonnen. Das dahinter aufragende schwarzgraue Haus hat „Psycho”-Ausstrahlung. Nein, 20 Northmoor Road in Oxford ist eigentlich keine Adresse, die man als Tourist ansteuern müsste.

Und doch kommen sie nahezu täglich, die Leute, die sich neugierig umsehen, ein paar Bilder machen und dann wieder verschwinden. Den Grund dafür verrät eine blaue Plakette am Giebel: „J.R.R. Tolkien lived here 1930-1947“. Hinter den dunklen Fensterscheiben verfasste der englische Schriftsteller sowohl seinen „Hobbit“ als auch die Trilogie „Der Herr der Ringe“, eines der meistverkauften Bücher der Welt.

Mit ungemeiner Akribie erfand Tolkien in der Northmoor Road Sprachen für Elben und Zwerge, entwarf Stammbäume, zeichnete Karten und ergänzte die Romane um einen wissenschaftlich anmutenden Anhang. „Ich wollte, dass die Leute einfach in diese Erzählung hineingeraten und sie in gewissem Sinne für wirkliche Geschichte nehmen“, sagte er. Das gelang ihm so gut, dass heute viele seiner Leser nach Oxford pilgern, um dort nach Vorbildern für seine Fantasie-Welt Mittelerde zu suchen. Insgeheim hoffen sie wohl, ein Elbenschloss oder eine Hobbithöhle zu finden.

Alle Häuser, in denen der verschrobene Professor wohnte, stehen noch. Es sind so einige, denn er zog in seinem Leben 20 Mal um. Entscheidend ist neben der Adresse in der Northmoor Road das Haus 76 Sandfield Road, das Tolkien und seine Frau Edith von 1953 bis 1968 bewohnten. Das war die Zeit, in der er unter einer Schreibblockade litt und nicht mehr sonderlich produktiv war, aber eine immer größere Zahl von Leserbriefen beantwortete. Der Ruhm machte ihm zu schaffen: Fans klingelten an der Tür, riefen nachts aus Amerika an oder fotografierten ihn durch die Scheibe.

Tolkien - ein renommierter Experte für Altenglisch, - hatte drei Lieblingsplätze in Oxford. Seine spirituelle Heimat war die spröde Kirche St. Anthony of Padua, deren Besuch wirklich nur hartgesottenen Fans zu empfehlen ist. Der Bilderbuch-Engländer mit Pfeife und Tweedjacke war ein tiefgläubiger Katholik. „Der Herr der Ringe” ist natürlich ein durch und durch religiöses und katholisches Werk“, beteuerte er.

Der Ort, an dem er sich am besten entspannen konnte, war der 300 Jahre alte Pub „The Eagle and Child”, Spitzname „The Bird and the Baby“. Hier traf er sich viele Jahre lang mit seinen Schreiber-Freunden, den „Inklings“, allen voran C.S. Lewis, der als Verfasser der „Narnia“-Serie ebenfalls ein Pionier der Fantasy-Literatur war. Der Pub ist noch in der Original-Einrichtung von damals erhalten. Man kann auf Tolkiens altem Platz ein Pint trinken und ein Sandwich essen. Der Pubwirt weiß viel über ihn zu erzählen: Tolkien war in der Kneipe bekannt für seine Lautstärke und sein explosives Gelächter.

Der Botanische Garten war Tolkiens dritter Lieblingsplatz. Es gibt ein berühmtes Farbbild aus seinem letzten Sommer vor 40 Jahren. Darauf sitzt er im Botanischen Garten unter einer Schwarzkiefer, die er besonders geschätzt haben soll. Die über 200 Jahre alte Kiefer ist leicht zu finden, denn es ist der größte Baum des ganzen Gartens. Er ist dermaßen knorrig und verwachsen, dass man ihn sofort als Vorbild für die „Ents“, die sympathischen Baumwächter aus dem „Herrn der Ringe“, betrachten möchte. Tolkien hatte eine grüne Ader: Er hasste jede Art von Industrie und Maschinen, besaß zeitlebens weder Fernseher noch Kühlschrank und schrieb auf seine Steuererklärung: „Keinen Penny für die Concorde!“.

Vom Botanischen Garten sind es nur wenige Schritte bis in die Altstadt von Oxford mit ihren berühmten Colleges. Tolkien lehrte am Pembroke und am Merton College, C.S. Lewis am besonders schönen Magdalen College, das dem Botanischen Garten direkt gegenüberliegt.

Der echte Fan aber wird sich unwillkürlich fragen: Wo sind die wildromantischen Landschaften, die Tolkien beschreibt und die man aus den Verfilmungen kennt? Tja, die gab es alle nur in Tolkiens Kopf - das Umland von Oxford ist ähnlich flach wie die norddeutsche Tiefebene, aus der seine Vorfahren stammten. Seine einzige Inspiration war eine kurze Alpenwanderung, die er mit 19 Jahren unternommen hatte.

Doch man sollte nicht zu früh aufgeben. Es lohnt sich, den Bus zum nördlichen Stadtrand zu nehmen. Dort liegt Tolkien begraben, denn nur dort war ein kleiner Teil des Friedhofs für Katholiken reserviert. Das Grab ist gut ausgeschildert. Schmal und schlicht ist es und auch nicht gerade gepflegt. Aber viele Fans haben ihre Spuren hinterlassen: Ein altes „Silmarillion“, Tolkiens unvollendetes Opus magnum, flattert im Wind, ein Erinnerungsstein der ungarischen Tolkien-Gesellschaft liegt daneben, und ein kleiner Gollum aus Papier ist an einem Strauch festgebunden.

Aber das Besondere ist die Aufschrift auf dem Grabstein: „Edith Mary Tolkien. Luthien. 1889-1971“ und „John Ronald Reuel Tolkien. Beren. 1892-1973“. Luthien und Beren sind die Namen einer Elbin und eines Menschen - das innigste Liebespaar, das Tolkien beschrieben hat. Nur hier, an diesem Punkt, treffen sich sein ganz gewöhnliches Leben und seine außergewöhnliche Vorstellungskraft.

(dpa)