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Berlin: Von Kavalieren und Heuschrecken: Die Kinderjahre des Tourismus

Berlin : Von Kavalieren und Heuschrecken: Die Kinderjahre des Tourismus

„Alle Welt reist” berichtete Theodor Fontane (1819-1898) schon vor fast 150 Jahren in seiner Schrift „Modernes Reisen”. Wie wahr! Im Jahr 2014 machten 54,6 Millionen Deutsche mindestens eine Urlaubsreise, weltweit verließen 1,135 Milliarden Menschen ihre Heimat für eine Reise.

Das Massenphänomen begann als Vergnügen einiger weniger. „Der Tourismus als zweckfreies Reisen nur um des Reisens willen begann mit der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts”, berichtet Professor Hasso Spode vom Historischen Willy-Scharnow-Archiv zum Tourismus (HAT) der Technischen Universität Berlin. Damals entdeckten Dichter und Maler die Schönheit der Natur. Noch wenige Jahre zuvor hatte der Antiken-Forscher Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) laut Spode bei einer Fahrt nach Italien in den Alpen die Fenster seiner Kutsche verhängen lassen, um seinen Augen den Anblick der „schaurigen Landschaft” zu ersparen.

Als Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zu seiner ersten Italien-Reise aufbrach, konnte sich laut Spode bestenfalls ein Prozent der Bevölkerung eine solche Fahrt leisten. Goethes Gedanke „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen” galt bereits für die Vorläufer des modernen Tourismus. Es waren junge Adlige, die sich für ein Jahr oder länger auf „Grand Tour” begaben. Ziel dieser „Kavaliersreisen” war es, die Bildung zu mehren und die gesellschaftlichen Umgangsformen zu verfeinern.

Goethes Berichte vom „Land, wo die Zitronen blühn” und Schilderungen weiterer Reisender weckten auch bei anderen Begehrlichkeiten, es ihnen gleichzutun. Immer mehr Menschen auch aus dem gehobenen Bürgertum unternahmen eine „Petit Grand Tour”, die sie nun vorzugsweise zu bis dahin verschmähten Zielen wie den Alpen oder Meeresküsten führte.

Unterwegs waren sie oft auf die fremde Hilfe angewiesen, was sich der junge Verleger Karl Baedeker (1801-1859) zunutze machte. Er kaufte die Rechte an dem 1828 erschienenen Werk „Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende” und gab eine überarbeitete Neuauflage mit ausklappbarem Rheinpanorama heraus. Der moderne Reiseführer war geboren, weitere Titel folgten, darunter sein Hauptwerk „Deutschland und der Oesterreichische Kaiserstaat”.

Baedeker testete viele Reisen selbst und sparte nicht mit nützlichen Tipps. Für die Schweiz riet er etwa, Kuhmilch „keinesfalls ohne Beimischung von Cognac oder Rum” zu trinken. Zeitlos scheint sein Hinweis: „Die Begleitung von Damen auf Reisen erhöht natürlich die Kosten beträchtlich”. Viele dieser bibliophilen Kostbarkeiten lagern im HAT. Zu seinen 70.000 Druckstücken gehören neben Reiseliteratur seit dem 17. Jahrhundert auch Karten, Plakate und private Fotoalben.

„Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel”, wusste schon Wilhelm Busch (1832-1908). Neue Verkehrsmittel - seit 1827 fuhren regelmäßig Dampfer auf dem Rhein - senkten die Kosten und machten „Lustreisen” für bereits etwa zehn Prozent der Menschen erschwinglich. Zu einer der ersten „Pauschalreisen” brachte 1841 der Engländer Thomas Cook (1808-1892) rund 500 Anhänger von „Mäßigkeitsvereinen” mit dem Zug aus Leicester zu einem Abstinenzlertreffen nach Loughborough. Zum All-Inclusive-Paket gehörten damals neben Blasmusik, Sandwiches und Tee auch Vorträge über die Gefahren des Alkohols.

„Der Erfinder der Pauschalreise war Cook aber nicht”, stellt Spode klar. Er baute lediglich die Idee von Konkurrenten aus und machte sie zu einem wirtschaftlichen Erfolgsmodell. Dafür nutzte sein Unternehmen höchst werbewirksam Dankschreiben berühmter Kunden. Spode: „Dazu gehörten der Reiseschriftsteller Mark Twain (1835-1910) und der deutsche Reisekaiser Wilhelm II. (1859-1941)”.

Die „Revolutionierung des Verkehrs” - ab 1850 waren immer mehr Ziele preiswert mit der Eisenbahn zu erreichen - habe auch Reisen für die Mittelschicht ermöglicht. „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es ein Standeszeichen des Bürgertums, jährlich eine Reise unternommen zu haben”, schildert der Tourismusforscher. Um 1870 sei der Rhein das weltweit am meisten frequentierte Tourismusziel gewesen. Allerdings nicht zur Freude aller, denn auch die Kritik am Massentourismus ist alt. Spode: „Schon vor 150 Jahren beklagten Zeitgenossen am Rhein, dass sich die Reisenden dort dank Dampfschiff und Bahn ausbreiteten wie die Heuschrecken.”

(dpa)