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Singapur: Vom Badelatschenträger zum Croupier: Casinoschule vermittelt Schliff

Singapur : Vom Badelatschenträger zum Croupier: Casinoschule vermittelt Schliff

Wie ein Casino Royale sieht es hier nicht gerade aus, am Ende eines wenig glamourösen Einkaufszentrum fernab der Glitzermeile Orchard Street in Singapur. Der Fettgeruch aus billigen Fast-Food-Buden liegt in der Luft, und Läden bieten Kitsch und Plunder zu Schleuderpreisen. Doch hinter der dicken Glastür, an holzgetäfelten Wänden und gediegenen Wartesesseln vorbei, findet sich alles, was ein Zockerherz höher schlagen lässt.

Roulettetische, Blackjacktische, Bakkarattische - Kartenspiele und Jetons, so weit das Auge reicht. Links am Roulettetisch werden die Jettons haufenweise über den Filz geschoben, in der Mitte jagt einer die Kugel immer wieder durch den Roulettezylinder. Rechts zieht einer mit geübtem Griff die Blackjackkarten aus dem Ständer.

Nur will sich die knisternde Spannung nicht einstellen. Weder James-Bond-Verschnitte noch Ebenbilder des neuesten Bösewichts „Le Chiffre” sind hier zu finden. Auch die Millioneneinsätze nicht, Geld ist in diesem Möchtegerncasino tabu.

Die Croupiers sind alle Lernanfänger, die sich in der Kunst des Jetonordnens, Kugelschiebens und Kartenmischens üben. Die Schüler der ersten Casinoschule in Singapur wollen sich fit machen für das nahende Casinozeitalter in dem Stadtstaat.

Ignatius Sharma steht am Roulettetisch und lässt einen Turm Jetons von einer in die andere Hand rasseln. Immer wieder und ohne je eine der dünnen Scheiben zu verlieren. Lässig zaubert er aus dem Turm in Sekunden vier perfekte Reihen von je fünf Jetons auf die grüne Filzmatte, alle gleich lang, alle im gleichem Abstand. Dann schiebt er zehn Türme à 20 Jetons mit Karacho über den Tisch, mit rechts, mit links, und kein einziger verrutscht. Sharma zeigt, was er kann, und die Studenten staunen.

„Achtung: jetzt vier Türme à 20!”, weist Sharma an, und die Croupiers in spe müssen die Türme mit ganz präzisen Fingerstellungen über den Tisch bugsieren. „Jetzt sechs! Dann acht!” Wer die bunten Türmchen umschmeißt, fängt wieder von vorne an. Bei Sharma muss jeder Fingergriff bombenfest sitzen. Die jungen Leute stöhnen. „Das schaff´ ich nie”, murmelt einer, der in Badelatschen an der Tischplatte lehnt. Sharma nimmt den Aufzug des jungen Mannes mit deutlicher Missbilligung in Augenschein. „Zwei Wochen lassen wir ihnen Eingewöhnungszeit, dann bringen wir sie auf Vordermann”, sagt er.

Einer ist heute in kurzer Hose hier, ein anderer hat wohl verschlafen und es nicht mehr zur Dusche geschafft. „Hygiene ist ein wichtiger Teil der Ausbildung”, sagt Sharma, der 17 Jahre in Casinos und auf Casinoschiffen Jetons geordnet und Karten gemischt hat. Haare, Gesicht, Fingernägel, presst er mit leicht verächtlichem Blick auf die Nachwuchstalente hervor. „Die Gäste wollen ein gepflegtes Gegenüber”, sagt er.

Sharma ist Ausbilder. Singapur will bis 2009 in die Domäne der Spielerparadiese vorstoßen, nach jahrelangem Ringen. Denn es gibt durchaus Befürchtungen, dass der Stadtstaat dadurch zum Sündenpfuhl verkommen könnte. Doch will das kleine Land auch eine Scheibe vom Kuchen des lukrativen Casinotourismus. Mehr als eine Milliarde Euro sollen die zwei geplanten Anlagen im Jahr zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Dafür wird Personal gebraucht, mindestens 35 000 Leute. Das neu gegründete „Clubspiel-Trainingszentrum” bildet sie aus.

Die erste Klasse bekommt ihr Diplom im Januar. Anders als die Jetonschieber am Nebentisch haben die Pioniere die Hygiene- und Körperpflegelektionen augenscheinlich schon hinter sich. Die Schüler sitzen beim Kartenmischen in schwarzer Hose oder Rock, weißem Hemd, Weste und Fliege am Tisch. „Damit sie sich gleich daran gewöhnen, sich in diesen Sachen wohl zu fühlen”, sagt Lehrer Darwin Cusi.

Jiaying Xian ist wie aus dem Ei gepellt. Die 19-Jährige findet das hier alles „fun”. Eine neue Industrie, das wollte sie mal ausprobieren. Höchst konzentriert ist sie über einen Block mit Zahlenkolonnen gebeugt. Kopfrechnen. Bei einem Gewinnsatz von 1,5 kann das für manche schon eine Herausforderung sein. Eddie Goh (38) breitet gekonnt das Kartenspiel im Halbrund aus. „Der hat Talent”, raunt Cusi.

Für alle gilt „Übung, Übung, Übung”. Irgendwann sitzen die Rechnerei und die Handgriffe wie im Schlaf. Jetons und Kartenspiele für zu Hause gehören zum Unterrichtsmaterial, damit am Abend weiter gemischt und sortiert werden kann. In der Schule müssen Dreier-, Vierer-, Fünferhäufchen, schön im Dreieck und nach Stoppuhr, geformt werden.

Auch fürs Kartenmischen gibt es präzise Vorgaben. Kartenspiel aus der Packung nehmen, auf drei verschiedene Arten mischen, einsammeln, ordnen und in den Blackjackkasten legen. „Das darf genau zwei Minuten und 50 Sekunden dauern”, sagt Sharma.

Was später so elegant und leicht dahingeblättert aussieht, funktioniert nach ganz präzisen Fingervorgaben. „Ein Kartenspiel, zwei Packen nebeneinander, der Platz dazwischen wie ein V” erläutert Sharma seiner Klasse. „Kleine Finger außen, Mittel- und Ringfinger oben, Zeigefinger oben am V, Daumen unten am V, anheben, mischen.”

Im Casino überlebt ein Kartenspiel am Black-Jack-Tisch 24 Stunden, bei Bakkarat gerade ein Spiel. Bei diesem in Asien besonders beliebten Zeitvertreib lüften die Spieler nur eine kleine Ecke, um den Wert der Karte zu sehen. Das könnte für das nächste Spiel ein verräterisches Eselsohr produzieren. Also weg damit.

Casinos in Asien bilden ihre Croupiers in aller Regel selbst aus, sagt Schuldirektor Ramachandar Siva. Der Personalwechsel sei groß, deshalb würden viele Anfänger schon früh auf ihre Gäste losgelassen. Mit seinen Sechs-Monats-Kursen will er Maßstäbe setzen, für rund 5000 Singapur-Dollar (2500 Euro). „Wir lehren nicht nur das reine Spiel”, sagt Rama. „Wir zeigen ihnen zum Beispiel, wie man mit Spielern umgeht, die gerade haushoch verloren haben.”

Keine witzig gemeinten Trostsprüche bitte, kein breites Grinsen, wenn das Haus den Reibach macht. „Sich niemals über einen Pechvogel lustig machen, auch nicht nach der Arbeit, oft kommt das irgendwie bei dem Spieler wieder an”, warnt Rama.

Betrüger-Tricks lernen die Jungcroupiers hier auch, um danach Ausschau zu halten. „Viele Casinos tun das nicht, weil sie Sorge haben, dass die Croupiers die Tricks dann ihren Onkeln stecken”, sagt Rama. Mogeln der eigenen Angestellten ist immer ein Problem.

Niemand darf offene Schuhe tragen, Hosen, Röcke und Westen haben keine Taschen. Die Herren tragen über dem Oberhemd Armbinden am Oberarm, um das „versehentliche” Verschwinden von Jetons zu verhindern.

In Fleisch und Blut muss ihnen auch die Angewohnheit übergehen, nach jedem Handgriff mit Karten oder Jetons die Handflächen zu öffnen. Croupiers dürfen nie einen Jeton oder eine Karte direkt von jemand in Empfang nehmen. Es muss alles für alle sichtbar auf den Tisch gelegt werden. „Manchmal ziehe ich beim Einkaufen erschrocken die Hand weg, wenn mir jemand Wechselgeld geben will - reine Gewohnheit”, sagt Darwin.

Croupiers sollten auch möglichst selbst nicht spielen. Wer süchtig wird und viel verliert, gerät zu sehr in Versuchung, sich mit Trickdieben einzulassen. Chaofong Chia (24) lacht. Der Student spielt leidenschaftlich gerne Black-Jack. Deshalb hat ihn die Ausbildung gleich begeistert. Ein Problem sieht er nicht. Er spiele nur zum Spaß, sagt er. „Meine Freunde, die jetzt in Büros arbeiten, können kaum glauben, dass ich den ganzen Tag Karten mische und Jetons sortiere”, sagt er.

Psychologie gehört hier auch zur Ausbildung. Zum Beispiel, wie man Abhängige erkennen kann. Singapurs Casinogesetz ist ziemlich strikt. Die Spielhäuser haben die Verpflichtung, Zocker, die nicht mehr davon ablassen können, zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten. „Unsere Regierung hat alles genau durchdacht und für alles eine Lösung gefunden”, sagt Xian überzeugt. Familien können zum Beispiel einen Antrag auf Hausverbot für den Hauptverdiener stellen, wenn der die Lohntüte zu oft ins Casino trägt.

Der erste Jahrgang ist im Januar fertig. Die meisten wollen dann versuchen, in Casinos in Malaysia, Macao oder Australien Erfahrung zu sammeln. Kein einziger will hier seine Tage tatsächlich mit dem Kartenpäckchen in der Hand am Spieltisch fristen, auch wenn das mit einem Anfangsgehalt von 1350 Euro im Monat nicht schlecht bezahlt ist. Ein Kellner verdient 900 Euro.

Wenn es in Singapur richtig losgeht, wollen diese jungen Leute schon längst auf der Management-Schiene sein. Vor allem der talentierte Eddie Goh, der schon so spricht, als habe er eine Reihe Croupiers unter sich. „Schon richtig, von der Picke auf zu lernen”, sagt er. „Es hilft, wenn man die Griffe besser beherrscht als die eigenen Croupiers.” Der bisherige Export- und Investmentberater sucht eine neue berufliche Herausforderung.