1. Leben
  2. Reisen

San Francisco: Stinkende Gäste: Seelöwen-Spektakel in San Francisco

San Francisco : Stinkende Gäste: Seelöwen-Spektakel in San Francisco

Das Timing war perfekt: San Francisco litt noch unter der Folgen des schweren Erdbebens im Herbst 1989. Touristen blieben weg, doch dann kamen unerwartete Gäste. Erst war es nur ein riesiger Kerl, fast 400 Kilogramm schwer, der sich auf einem Bootssteg vor Pier 39 in der Fishermans Wharf buchstäblich breit machte. Schnell folgten weitere Artgenossen. Im Januar 1990 hatten mehr als 500 Seelöwen die Hafenanlage in der US-Westküstenstadt in Beschlag genommen.

„Es war chaotisch und irgendwie lustig”, erinnert sich die langjährige Hafenmeisterin Sheila Chandor am Freitag bei einer Willkommensparty zum 25. Jubiläum der stinkenden Invasion. Die rülpsenden Krachmacher sind längst zur Touristenattraktion geworden. Ebenso schätzen die Geschäftsleute und Betreiber des Ausflugs-Piers das kostenlose Spektakel, das ihnen Kunden verschafft. Im Herbst 2009 drängte sich eine Rekordzahl von über 1500 Tieren Flosse an Flosse auf den schwankenden Holzstegen.

Seit 25 Jahren besetzt eine Horde von Seelöwen Bootsstege im Hafen.
Seit 25 Jahren besetzt eine Horde von Seelöwen Bootsstege im Hafen. Foto: dpa

Zum jetzigen Jubiläum wälzen sich nur etwa 200 Meeressäuger auf zwei großen Stegen. Keine Sorge, meint Chandor, die Zahl schwanke ständig. Mal folgt die Horde einem großen Fischschwarm, mal sind Dutzende Docks besetzt. „Die ersten 20 Jahre hatte ich ständig Sorge, dass sie einmal ganz verschwinden, aber jetzt nicht mehr. Es gefällt ihnen hier”.

Es hätte auch anders kommen können. Vor 25 Jahren gab es zunächst Beschwerden. Bootseigentümer regten sich über den Lärm und den Gestank auf. Die Stege waren nicht mehr zugänglich, man erwog Abschreckungstaktiken. Mitarbeiter des Meeresforschers Jacques Cousteau empfahlen eine ferngesteuerte Hai-Attrappe, um die Tiere zu vertreiben. „Es gab Vorschläge, wie etwa Elektroschockanlagen zu installieren und Glasstücke auf den Piers auszulegen”, erinnert sich Chandor. Doch die vermeintliche Plage wurde schnell zum Besuchermagneten. Die alten Holzstege wurden verstärkt, weitere Docks kamen im Laufe der Jahre hinzu.

Nur ein paar Meter vor den Augen der Schaulustigen ziehen die Tiere täglich ihre Show ab. Sie tanken Sonne und kämpfen brüllend um die besten Plätze, sie rülpsen laut, stoßen Artgenossen ins Wasser und wälzen sich übereinander hinweg.

Carol und Trevor Taylor schauen gebannt zu, schon eine halbe Stunde lang. „Faszinierende Kreaturen”, schwärmen die Touristen aus London. „Besser als jeder Zoo”. Warum sie sich wohl so nah aneinanderdrängen, rätseln die Urlauber. Ein kleiner Junge ahmt das bellende Gebrüll der Seelöwen laut nach.

„Die wären längst weg, wenn sie sich an den Touristen stören würden”, meint der Veterinär Jeff Boehm, Leiter des Marine Mammal Center, einer Klinik für Meeressäuger in Sausalito. „Sie haben hier einen idealen, geschützten Platz zum Ausruhen gefunden.” Die schwimmenden Docks sinken und steigen mit Ebbe und Flut, die Sonnenanbeter können sich stundenlang im Trockenen aalen.

Das Marine Mammal Center hat seit seiner Gründung vor 40 Jahren mehr als 18.000 kranke und verletzte Meeressäuger behandelt. Boehm arbeitet eng mit den Betreibern von Pier 39 zusammen. Sachkundige Helfer geben den Schaulustigen Auskunft. „Dies ist ein einzigartiger Platz, um die wilden Tiere so nah zu erleben, mehr über ihre Umwelt und den Schutz der Meere zu erfahren”, sagt Boehm.

Im vorigen Jahr nahm die Tierklinik eine ungewöhnlich hohe Zahl von unterernährten Seelöwen entlang der kalifornischen Küste auf. Fischmangel und Krankheiten, darunter mehrere Fälle von Krebs, würden vielen Meeressäugern zu schaffen machen. „Doch diese Kerle sehen recht fit und schwer aus”, sagt Boehm über die Stammgäste am Pier 39. Von der ungewöhnlichen Hafenbesetzung scheinen alle zu profitieren.

(dpa)