Brüssel: Schnörkel und Schwäne: Brüssel feiert Jugendstilbiennale

Brüssel: Schnörkel und Schwäne: Brüssel feiert Jugendstilbiennale

Eine Künstlerin? Paule Mommen lacht so laut auf, dass der kleine braune Spaniel auf ihrem Arm zusammenzuckt. Nein, sie sei keine Künstlerin. „Das habe ich leider nicht in den Genen.” Auch wenn - das gibt sie gerne zu - ihr Haus im Brüsseler Stadtteil Ixelles so aussieht, als lebe dort eine Künstlerin.

Die rote Jugendstil-Fassade mit den grünen Blumenmotiven dazwischen, die hohe Eingangshalle mit dem hölzernen Treppenhaus und der antiken Laterne an der Decke, das bemalte Fenster mit den bunten Blumen und den weißen Schwänen.

Ihre Oma sei es gewesen, die Malerin Marguerite Mommen-Ithier, die 1908 in dieses Haus zog und ihm ihren Stempel aufdrückte. Auch der erste Hausherr und sein Architekt waren Künstler: 1904 beauftragte der belgische Maler und Bildhauer Georges Lemmers den Architekten und Dekorateur Gabriel Charle, das zweistöckige Stadthaus zu bauen.

Heute lebt Paule Mommen mit ihrem Sohn Pierre hier - und wird ihr geliebtes Haus nun erstmals der Öffentlichkeit zeigen. Im Rahmen der Brüsseler Jugendstilbiennale 2011, die an allen vier Oktoberwochenenden stattfindet, lässt sie Führungen zu - insgesamt 42, jeweils eine halbe Stunde lang.

Seit 2001 zieht das Festival alle zwei Jahre Touristen in die belgische Hauptstadt, wo tausende Häuser, Museen, Schulen, Cafés, Läden, Möbel und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit des Jugendstils zu besichtigen sind. Rund 26 000 Besucher kamen 2009.

Zur Biennale haben Besucher auch Zutritt zu mehr als 60 Häusern, die der Öffentlichkeit sonst nicht zugänglich sind - so wie das von Paule Mommen. Einige Führungen durch ihr Reich sind schon ausgebucht. Sie mache das gerne, sagt Mommen, schließlich habe sie selbst an der letzten Biennale teilgenommen und sei begeistert gewesen.

Ihr Vater ließ das Haus 1976 unter Denkmalschutz stellen. Als erstes Privathaus in Brüssel wurde es zu einem kulturellen Wahrzeichen. „Mein Vater hatte Angst, dass man das Haus abreißt”, erzählt Paule Mommen. „Er hat es genauso geliebt wie ich jetzt.” Nur wenig haben die Mommens seit 1908 verändert. Die Lampen in der Künstlerwerkstatt mit der hohen Decke haben sie umgedreht. „Damals gab es schließlich nur Kerzen, heute haben wir Glühbirnen dafür.”

Aber viele Änderungen wären auch schlichtweg zu teuer für Paule Mommen. „Immer, wenn Geld da war, dann habe ich ein Stückchen renoviert.” Hin und wieder unterstützte sie auch die Stadt. „Aber die sind dann ganz schön strikt. Als wir 1996 die Fassade gemacht haben, da war jeden Tag jemand vom Denkmalschutzamt da und hat geschaut, ob das Rot auch nicht zu stark ist.”

Bei anderen Arbeiten wünscht sie sich dagegen mehr Unterstützung. „Ich würde die Räume im Erdgeschoss gerne neu streichen, aber dafür gibt mir die Stadt kein Geld.” Gemeinsam mit ihrem Sohn Pierre machte sich Mommen deshalb auf die Suche nach einer alten Tapete, die unter dem Anstrich vermutet wurde. „Deren Restauration hätte mir die Stadt bezahlt.” Aber Mutter und Sohn fanden nichts, und so blieben von der Suchaktion nur kleine, weiße Flecken an der Wand übrig.

Stadtführer Valentin Thijs läuft aufgeregt von Raum zu Raum. Auch er bekomme solche prachtvolle Privathäuser nicht jeden Tag zu sehen, sagt der Kunsthistoriker aus Brüssel. Besonders das große Glasfenster mit den Blumen und den Schwänen hat es ihm angetan. „Monumental! Das muss wahnsinnig teuer gewesen sein, auch damals schon.”

Aber Thijs weiß auch, dass es nicht immer einfach und vor allem sehr teuer ist, in einem denkmalgeschützten Jugendstilhaus zu wohnen. Auf seiner Tour durch Brüssel zeigt er den Besuchern auch Beispiele, bei denen es nicht geklappt hat.

Die ehemalige Brasserie De Ultieme Hallucinatie im Stadtteil Sint-Joost-ten-Node zum Beispiel. „Das war immer sehr schön. Wir waren hier viel zum Mittagessen oder zum Kaffee”, erinnert sich Thijs. In der Brasserie gab es Muscheln in großen Pötten, kross frittierte Pommes und Tatar mit Kapern, dazu süffiges Bier - und all das im typischen Jugendstildekor: Schnörkel, Blumen, Tiere, weibliche Silhouetten, viel Glas, Keramik und Eisen. Seit zwei Jahren steht das 1850 gebaute Haus nun zum Verkauf. „Die Witwe will drei Millionen Euro, aber das wollte bislang niemand zahlen.”

Auch eines der berühmtesten der fast 15 000 Brüsseler Jugendstilgebäude ist aktuell zu haben. Das Saint Cyr, zwischen 1901 und 1903 vom belgischen Architekten Gustave Strauven für einen Maler mit diesem Namen gebaut. In Jugendstilmanier winden sich verschörkelte Eisenranken die Fassade hoch. Die vier großen Fensterfronten nehmen jeweils ein ganzes Stockwerk der Front des schmalen Hauses ein, jedes hat eine andere Form. „Außen ist es wirklich sehr extravagant”, sagt Thijs. „Innen allerdings nicht. Komischerweise gibt es darin so ein neogotisches Zimmer, das nicht wirklich passt, aber auch unter Denkmalschutz steht.”

Andere Jugendstil-Bauten leisten noch heute gute Dienste. Die Schule Nummer eins in der Rue Josaphat beispielsweise, gebaut 1907 vom Architekten Henri Jacobs. „Er hat neue pädagogische Erkenntnisse mit neuen technischen Mitteln und einem neuen Baustil umgesetzt”, schwärmt Thijs. Das Gebäude sei im Arbeiterviertel Schaerbeek gebaut worden, damit die Kinder dort auf eine gute Schule gehen können.

Brüssel hat 19 Gemeinden, jede mit eigenem Gemeinderat und Bürgermeister. Die verschiedenen Regeln und Vorschriften für das Bauen haben im Stadtbild zu etwas geführt, was Thijs „Brüsselisierung” nennt: „keine Stadtplanung, alles durcheinander, an manchen Stellen ist das schon sehr hässlich.” Andererseits sei das auch der Grund dafür, dass Besucher hier sechs Jahrhunderte Architekturgeschichte auf kleinem Raum besichtigen können.

Jugendstil-Biennale in Brüssel

Die Jugendstilbiennale findet an allen vier Wochenenden im Oktober statt, jedes Wochenende in einem anderen Stadtteil. Die Biennale 2011 steht im Zeichen Victor Hortas, des berühmtesten belgischen Jugendstil-Architekten, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre. Unter anderem sind sein Wohnhaus und mehrere spezielle Ausstellungen zu besichtigen.

Ein Ticket für alle vier Wochenenden kostet 55 Euro. Wer nur ein Wochenende bleibt, kauft ein Ticket für 20 Euro. Kinder unter zwölf Jahren haben freien Eintritt. Für die meisten Besichtigungen und Veranstaltungen müssen Besucher sich vorher online anmelden.

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