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Warschau/Berlin: Polens Tourismusbranche setzt auf Sogwirkung der Fußball-EM

Warschau/Berlin : Polens Tourismusbranche setzt auf Sogwirkung der Fußball-EM

Nach der schweren Krise des Jahres 2009 hat sich die polnische Reisebranche wieder erholt. Für die Zukunft rechnet sie mit deutlich steigenden Besucherzahlen und wachsenden Einnahmen.

Als Partnerland der weltgrößten Reisemesse ITB Berlin (9. bis 13. März) will Polen neue Kunden gewinnen: Die EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte dieses Jahres und die Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2012 sollen dabei als ein Magnet vor allem auf deutsche Touristen wirken. Denn diese aus polnischer Sicht wichtigste Gruppe wartet bei der Entscheidung, noch zahlreicher ins östliche Nachbarland zu reisen, vorerst ab.

Den vorläufigen Angaben des Instituts für Fremdenverkehr zufolge kamen 2010 rund 12,5 Millionen ausländische Touristen nach Polen - ein Plus von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der größte Zuwachs von einem Viertel sei bei den Besuchern aus Russland zu beobachten, berichtete Institutschef, Krzysztof Lopacinski. Auch die Amerikaner zeigten wieder mehr Interesse für Polen - ein Plus von 12 Prozent.

Polens Minister für Sport und Tourismus, Adam Giersz, gab sich zu Beginn der ITB zuversichtlich, dass sich die laufenden Investitionen in Hotels und vor allem ins Straßennetz, in die Erneuerung von Bahnhöfen und den Ausbau der Flughäfen auszahlen werden. „Wir gehen davon aus, dass 2011 die Zahl der ausländischen Touristen auf bis zu 13 Millionen anwachsen wird”, sagte er am Dienstag in Berlin.

Kopfzerbrechen bereitet polnischen Reiseexperten aber das Reiseverhalten der Deutschen, die in den vergangenen Jahren bis zu 40 Prozent aller Besucher aus dem Ausland stellten. Rund 4,59 Millionen deutsche Touristen verbrachten 2010 nach ersten Schätzungen mindestens einen Tag im östlichen Nachbarland und haben dabei mehr als zwei Milliarden Euro ausgegeben. Die Statistiken weisen für 2009 rund 4,6 Millionen Besucher aus, 2008 waren es noch 4,8 Millionen. Er sorge sich um diese Stagnation, sagte Lopacinski der Zeitung „Gazeta Wyborcza”.

„Wir wollen nicht nur „Heimweh-Touristen” aus Deutschland, sondern zunehmend auch junge Besucher zum Feiern und Shoppen ins Land locken”, sagte die Sprecherin der Polnischen Organisation für Tourismus, Katarzyna Draba, der dpa. Sie verwies auf das steigende Interesse für Städte-Reisen, wobei die alte Königsstadt Krakau neben Warschau eine besondere Rolle spiele.

Auch die größten Optimisten unter den polnischen Tourismusexperten sind sich aber darüber einig, dass die alten „fetten” Jahre der Reisebranche vorerst nicht zurückkehren. Vor 15 Jahren hatte Polen jährlich bis zu 19 Millionen ausländische Touristen angelockt. Mehr als 6,5 Millionen Deutsche reisten in dieser Zeit Jahr für Jahr ins östliche Nachbarland. Witold Bartoszewicz, Deutschland-Spezialist vom Institut für Touristik, sieht die Entwicklung wenig rosig: „Das kommt nie wieder”, sagte er der dpa. Damals hätten die Westler nach dem Fall der Mauer hinter den Eisernen Vorhang schauen wollen, erklärte er. Diesen „Neugierde-Effekt” gebe es nicht mehr.

Hoffnungsvoller sind die polnischen Computerspezialisten, die auf der ITB mit dreidimensionalen Filmen und Interaktionen die Besucher von ihrem jungen und kreativen Bild des Landes überzeugen wollen. „Wir müssen endlich aus diesem verhexten Kreis der Folkloretänze herauskommen”, erklärte Tomasz Baginski vom Produktionsstudio Platige Image.

Die wirtschaftlichen Aussichten Polens sehen EU-Experten positiv. Das Land hat die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise gut überstanden. 2009 konnte es als einziges EU-Mitglied ein Wachstum von 1,7 Prozent aufweisen. 2010 wuchs die Wirtschaft um 3,5 Prozent, für dieses Jahr sagen EU-Experten ein Plus von 4,1 Prozent voraus.

Der Anteil der Reisebranche am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist dabei viel geringer als in traditionellen Reiseländern wie Italien: 2010 lag er bei 5,5 Prozent. Doch für viele arme Regionen ohne Industrie wie Masuren im Norden des Landes oder Bieszczady im Südosten sind die Tourismuseinnahmen überlebenswichtig. Deshalb soll ein Regierungsprogramm die Reisebranche bis 2015 stärken, die Zahl ausländischer Gäste dann 14 Millionen überschreiten und auch der Touristik-Anteil am BIP steigen. Einige Experten erwarten eine Verdoppelung auf mehr als zehn Prozent.

Zwar kann die polnische Ostsee trotz kilometerlanger Sandstrände im Werben um Badetouristen nicht mit dem wärmeren Mittelmeer konkurrieren. Gegen Länder wie beispielsweise Ägypten könnte sich Polen aber durch seine politische Stabilität und Berechenbarkeit behaupten, hieß es jüngst in einer Studie des Ministeriums für Sport und Fremdenverkehr. Im Werben um westliche Touristen spiele zudem das immer noch günstige Preis-Leistungs-Verhältnis eine wichtige Rolle, ist einer Studie der Commerzbank zu entnehmen.

Deshalb hofft auch Lopacinski, dass wieder mehr deutsche Touristen kommen. Die gespannte Lage in Nordafrika könnte sie dazu bewegen, sich für Polen als Reiseland zu entscheiden, sagte er.