1. Leben
  2. Reisen

Ramsau: Ohne Lift und Schneekanone: Bergsteigerdörfer in den Alpen

Ramsau : Ohne Lift und Schneekanone: Bergsteigerdörfer in den Alpen

Die Tourismusbranche überbietet sich mit Auszeichnungen wie „Alpine Pearls”, „Premiumweg” oder „Qualitätsregion”. Seit kurzem ist ein neuer Begriff hinzugekommen: Ramsau im Berchtesgadener Land ist Deutschlands erstes „Bergsteigerdorf”. Was steckt dahinter?

Im wenige Kilometer entfernten Ramsau herrscht dagegen dörfliche Ruhe, geranienberankte Balkone reihen sich aneinander. Im Hintergrund erhebt sich die beeindruckende Kulisse von Hochkalter und Watzmann. Wie in den meisten bayerischen Alpendörfern sind die Übernachtungszahlen hier zwar ordentlich, über das Stammpublikum hinaus ist der Ort aber wenig bekannt. Das ändert sich gerade: Ramsau ist Deutschlands erstes Bergsteigerdorf. Auf Berge steigen kann man von hier aus vorzüglich, doch warum braucht es dafür einen eigenen Namen?

„Im Grunde genommen ist das nichts Neues für uns”, sagt Tourismusleiter Fritz Rasp. Die Ramsau war schon immer Ausgangspunkt für Bergtouren aller Art. „Es gibt Leute, die schon 70, 80 Mal in Ramsau waren”, berichtet Rasp. Große Liftanlagen oder künstliche Beschneiung im Winter gibt es hier allerdings nicht. Nur einen Sessellift, den die Dorfbewohner vor gut zehn Jahren gekauft und so vor dem Bankrott bewahrt haben.

Dass die Ramsauer nun offiziell in einem Bergsteigerdorf leben, liegt am Alpenverein. 2005 startete der Österreichische Alpenverein (ÖAV) das Regionalentwicklungsprojekt „Bergsteigerdorf”. „Wir gelten sonst eher als Verhinderer”, erklärt Christina Schwann aus der Abteilung für Naturschutz und Raumplanung, die zum Beispiel für Skigebietserweiterungen zuständig ist. Als Kontrastprogramm entstand bei ihnen die Idee, kleine, ursprüngliche Alpendörfer zu schützen, die bisher vom massenhaften Wintertourismus verschont geblieben sind - sei es, weil sie ihn bewusst ablehnen oder weil sie einfach zu weit abseits der passenden Gebiete liegen.

Eine alpine Tradition, regionale Produkte und die Lage am Berg zeichnen die Orte aus. Nach einer Pilotphase benannte der ÖAV zunächst 15 Bergsteigerdörfer, von Vorarlberg bis nach Niederösterreich. Inzwischen tragen 20 Siedlungen den Titel. „Es war uns wichtig, dass die Orte verteilt sind über ganz Österreich”, sagt Schwann. Mit dabei sind auch Dörfer, die im Schatten der großen Touristenziele liegen: zum Beispiel Vent im Ötztal, ein 150-Einwohner-Örtchen, das nicht einmal 20 Kilometer von der Ski-Hochburg Sölden entfernt ist. „Uns war wichtig, dass die Orte eigenständig geblieben und unabhängig von denen sind, die das große Geld haben”, erläutert Schwann die Idee.

2014 wurde auch der Deutsche Alpenverein (DAV) auf das Projekt aufmerksam. „Die Grundintention ist, Gemeinden zu finden, die als Gegenbeispiel zum allgemeinen Trend der Erschließung und zum intensiven Tourismus dienen”, erklärt Tobias Hipp vom DAV. Wie sein österreichischer Partner sieht der DAV die Bergsteigerdörfer nicht als touristisches Projekt, sondern eher als Unterstützung für Gemeinden mit besonderem Profil: für sanften, nachhaltigen Tourismus, gegen Massentourismus.

Um diese Begriffe mit Leben zu füllen, haben die Alpenvereine klare Kriterien entwickelt. „Es darf keine starken Landschaftsschäden geben, alpine Hütten sollten da sein und eine starke Alpintradition”, zählt Hipp einige der Voraussetzungen auf. Hinterstein in den Allgäuer Alpen, der erste Kandidat, scheiterte an einem geplanten Kleinwasserkraftwerk im Naturschutzgebiet - ein Ausschlusskriterium. In der Ramsau ist ebenfalls ein solches Kraftwerk geplant. Hier sieht der DAV aber keinen Eingriff in Schutzgebiete.

Ausschlusskriterium für die Ernennung zum Bergsteigerdorf ist außerdem die Einwohnerzahl. In der Gemeinde dürfen nicht mehr als 2500 Menschen leben. Die Lage am Berg ist ebenfalls wichtig, Erhebungen mit mindestens 1000 Höhenmetern Unterschied zur Gemeinde sind das Minimum. Schnellstraßen, große Betriebe oder Liftanlagen dürfen nicht in der Nähe liegen. An die Zahl der Bergsteigerdörfer in Österreich wird Deutschland deshalb wohl nicht herankommen. Es gibt zwar einige neue Bewerber im bayerischen Alpenraum, berichtet Hipp. Doch insgesamt ist das Gebiet schon zu stark erschlossen.

Dass Ramsau die Kriterien erfüllt hat, liegt nicht nur an der passenden Landschaft. Der Ort hat unter anderem auch ein CO2-neutrales Hotel, in dem regionale Speisen wie das schwarze Alpenschwein oder das Steinschaf serviert werden. Die Gastronomie ist ein wichtiger Abnehmer für die Züchter und Bauern in der Region. Ausschlaggebend für die Auszeichnung war aber letztendlich der Rückhalt in der Bevölkerung: Vom Trachtenverein bis zu den Bergführern seien alle für das Projekt, berichten Rasp und Hipp.

„Wir wollen nicht den Event-Zirkus”, sagt Tourismuschef Rasp. Entschleunigung sei viel wichtiger. Das gelte auch für die Zukunft: Die Gemeinden müssen eine Deklaration unterschreiben, dass große Bauprojekte wie Hotels, Liftanlagen oder Schnellstraßen auch in Zukunft unterbleiben. Dieses Zurück-zur-Natur-Gefühl ist bei Touristen gefragt, glaubt Hipp. „Die Tendenz hin zu mehr Naturerlebnis ist wieder verstärkt da.” Die steigenden Übernachtungszahlen in den österreichischen Bergsteigerdörfern geben ihm vorerst recht.

(dpa)