Florac: Land der Seide und Kastanien: Reise durch die wilden Cevennen

Florac: Land der Seide und Kastanien: Reise durch die wilden Cevennen

Wie Silbertaler schillern die rundgeschliffenen Schieferstücke in der Sonne. Das Wasser des Gardon-Flusses ist kühl, die glatten Granitfelsen haben Mulden und wirken wie bequeme Designersessel. Der Blick schweift zu einem Mädchen, das mit ihrem Hund im Wasser tobt, zu einem Pärchen, das seine Handtücher auf einem Flecken Sandstrand ausgebreitet hat, und hinauf zu der hohen Brücke mit ihren eleganten Rundbögen.

Dort waren wir eben noch drübergefahren - und haben spontan angehalten, als wir die Badenden im Fluss tief unter uns entdeckten.

Das ist das Schöne an den Cevennen, einer der letzten wilden Ecken Europas: Sie bieten herrliche Natur und sind alles andere als überlaufen. Die südfranzösische Region im Hinterland von Montpellier ist geprägt von waldigen Hügeln, einem windigen Hochplateau und tiefen Schluchten, durch die sich Flüsse schlängeln. Ein Teil der Cevennen ist als Nationalpark geschützt.

In Florac, dem Hauptort des Parks, geht das Leben einen gemütlichen Gang. Platanen bilden ein grünes Schattendach über den Cafés. In einem kleinen Laden gibt es Kastanienhonig zu kaufen, eine Spezialität der Region. Am Fluss Tarn liegen Campingplätze. Hinter Florac erhebt sich die massive Felswand der Hochebene Causse Méjean, von der Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärt.

„Hier treffen drei ganz verschiedene Landschaften und Gesteinsarten aufeinander”, erklärt eine junge Frau im Haus des Nationalparks. Das Hochplateau sei aus Kalkstein, die Gegend östlich von Florac von Granit geprägt, und in der Hügellandschaft weiter südlich herrsche Schiefer vor. Sie empfiehlt, die Hochebene hinaufzuwandern, auf einem der zahlreichen markierten Wege im Park.

Mit frischem Baguette und Pélardon - dem örtlichen Ziegenkäse in runder Form - im Rucksack ziehen wir los. Bald lassen wir die schiefergedeckten Steinhäuser hinter uns und laufen durch einen Kastanienhain. Eidechsen flitzen raschelnd durchs trockene Laub. Eine kleine Gruppe von Reitern kommt uns entgegen. Schmetterlinge mit schwarz-weißem Spitzenmuster umflattern Pferdeäpfel.

Hinter einem Zaun winkt uns ein graubrauner kleiner Esel mit seinen langen Ohren zu. „Modestine!” rufen wir erfreut. So hieß das widerspenstige Packtier, mit dem der junge Schriftsteller Robert Louis Stevenson, vom Liebeskummer geplagt, im Jahr 1887 durch die Cevennen zog. Der spätere Autor der „Schatzinsel” hatte sich unglücklich in eine verheiratete Amerikanerin verliebt, die wieder in ihre Heimat abgereist war.

Sein Tagebuch, das er später unter dem Titel „Reise mit einem Esel durch die Cevennen” veröffentlichte, ist heute Pflichtlektüre für alle, die auf dem Fernwanderweg GR70 seine Route in zwölf Etappen nachwandern.

Während Stevenson und Modestine unten am Flussufer entlangzogen, windet sich unser Weg durch den Wald den Steilhang hinauf. Es duftet angenehm nach Kieferharz. Oben angekommen fallen wir ins Gras und genießen die Aussicht, untermalt vom Grillenzirpen, das Nordeuropäer sofort in Urlaubsstimmung versetzt. Unter uns liegt die Tarn-Schlucht, hinter uns die Graslandschaft der Hochebene.

Perlmuttfarbenes Engelshaar wiegt sich im Wind, eine Gräserart mit zarten, flaumigen Kringeln. Dort, wo es auf einem steilen Pfad wieder nach Florac hinuntergeht, haben sich stalagmitenähnliche Felsen aus der Steilwand gelöst. Wie klobige Gestalten stehen sie hoch über dem Örtchen, als hielten sie dort Wache, ungerührt seit Jahrhunderten.

Was es mit den vielen Kastanienbäumen auf sich hat, erfahren wir in Saint-Jean-du-Gard. Esskastanien waren lange Zeit das wichtigste Lebensmittel in den felsigen Cevennen, Getreideanbau war hier kaum möglich. Maronen wurden frisch gegessen, gekocht, gegrillt, getrocknet, zu Mehl verarbeitet. Kein Wunder, dass der Kastanienbaum schlicht „Brotbaum” genannt wurde.

Ein kleines Museum zeigt all die Werkzeuge, mit denen die Kastanien geerntet und verarbeitet wurden. Um die stacheligen Schalen zu öffnen, stampften Männer in Holzpantinen mit handbreitlangen Metallspikes auf den Früchten herum. Anschließend wurden die Maronen in Trockenhäusern ausgebreitet, in denen zwei bis drei Wochen lang ein Feuer mit kleiner Flamme brannte. Aus dem Holz schreinerte man Möbel oder Fresströge für das Vieh, die jungen Ableger dienten zum Flechten von Korbwaren.

Ein besonders strenger Winter Anfang des 18. Jahrhunderts vernichtete einen großen Teil der Bäume. Die Cevennen-Bewohner pflanzten Maulbeerbäume anstelle der Kastanien, um im großen Stil in die Zucht von Seidenraupen einzusteigen. Mitte des Jahrhunderts gab es bereits etwa 400 000 Maulbeerbäume in der Region, deren Blätter die Raupen fressen.

Die Raupeneier brüteten die Cevennen-Bewohner gewissermaßen selber aus: Sie trugen sie in Stoffsäckchen mit sich herum. Auch wenn jeder die Geschichte der kleinen Raupe Nimmersatt kennt, überrascht es, wie viel die kleinen Viecher verschlingen können: Um von vier auf acht Zentimeter Länge zu kommen, fressen sie mehr als 700 Kilo Maulbeerbaum-Blätter innerhalb einer Woche.

Dafür gab es die „Magnaneries”, Raupen-Fressanstalten in urigen Steinhäusern, von denen heute noch einige erhalten sind. Ihre Verwandlung in Schmetterlinge erlebten die Seidenraupen allerdings nicht mehr. Kaum hatten sie sich in ihren daumendicken Kokon eingesponnen, wurden sie in heißes Wasser geworfen. Junge Frauen wickelten die je etwa eineinhalb Kilometer langen Fäden zu Zöpfen auf, die für die Seidenmanufakturen in Lyon und Nîmes bestimmt waren.

Im warmen Abendlicht lässt es sich gemütlich durch die Gassen von Saint-Jean-du-Gard bummeln. In den Cafés treffen sich Menschen zum Aperitif und zum Abendessen im Freien. Die Küche ist mediterran geprägt, das Mittelmeer ist keine 100 Kilometer entfernt. Zum Rinderfilet gibt es gegrillte Auberginen und ein Knoblauchpüree, das intensiv, aber keine Spur zu scharf schmeckt. Esskastanien finden sich in den Cevennen auch heute noch auf der Speisekarte - aber eher in Form von edlem Maronen-Mousse.

Bei einer Autofahrt durch die Cevennen kommt man nicht besonders schnell voran. Das liegt nicht nur an den kurvenreichen Straßen, sondern auch an den hübschen Dörfchen, die man gerne alle anschauen würde. Oft bestehen sie nur aus ein paar trutzigen, schiefergedeckten Steinhäusern. Es duftet nach Lavendel, dessen lila Blüten von Zitronenfaltern umflattert werden.

Häufig finden sich auch winzige Friedhöfe mit längst verwitterten Grabsteinen. Sie sind Zeugen einer Zeit, in der die Hugenotten, wie die Protestanten in Frankreich genannt wurden, in dieser Region von den Schergen des Königs Ludwig XIV. verfolgt wurden. In den verwinkelten Gemäuern von Mas Soubeyran erzählt uns Marie die Geschichte der protestantischen Widerstandskämpfer des 17. und 18. Jahrhunderts.

„Eigentlich waren die Religionskriege in Frankreich mit dem Toleranzedikt von Nantes beendet gewesen. Aber Ludwig XIV. erfand immer neue Regeln, um den Protestanten das Leben schwer zu machen”, erklärt Marie. Protestanten durften weder als Hebamme noch als Arzt arbeiten - Anfang und Ende des Lebens sollten ausschließlich von Katholiken betreut werden. Da Protestanten auch von katholischen Friedhöfen verbannt worden waren, bestatteten sie ihre Toten auf dem eigenen Land.

Schließlich wurde das Edikt von Nantes 1681 komplett gestrichen, damit wurde es illegal, in Frankreich Protestant zu sein. „Pastoren wurden ausgewiesen, Kirchen zerstört, Gottesdienste verboten”, zählt Marie die Folgen auf. Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in katholische Heime gesteckt. Die Armee quartierte ihre Soldaten bei protestantischen Familien ein, um sie zum Übertreten zum Katholizismus zu bewegen. „Dragonnade” hieß die Methode.

Viele Hugenotten flohen aus Frankreich in die Schweiz, nach Deutschland, Amerika oder Südafrika. Doch in den Cevennen leisteten die Protestanten erbitterten Widerstand. Zwischen 1000 und 3000 religiöse Rebellen konnten etwa zwei Jahre lang gegen 25 000 Soldaten des Königs standhalten. „Sie waren von religiösem Eifer erfüllt, und sie kannten sich in dem schwer zugänglichen Gelände bestens aus”, erklärt Marie.

In Mas Soubeyran lebte damals ein junger Schäfer namens Rolland, der zum Anführer der Rebellen wurde. Da sie weiße Hemden als Erkennungszeichen in der Nacht trugen, wurden sie „camisards” genannt. Marie zeigt uns einen Wandschrank mit doppeltem Boden, der als Versteck diente, falls Soldaten ins Haus kamen. Ihre Bibeln, deren Besitz verboten war, versteckten die Hugenotten häufig hinter holzgerahmten Wandspiegeln.

„Die Cevennen sind heute die einzige Region in Frankreich, die überwiegend protestantisch ist”, sagt Marie, die selbst der protestantischen Kirche angehört. „Wir haben eine stark ausgeprägte Identität”, meint sie stolz. Nach unserem Ausflug in ein relativ unbekanntes Kapitel der französischen Geschichte sehen wir die waldige Hügellandschaft mit anderen Augen.

Mehr von Aachener Nachrichten