1. Leben
  2. Reisen

Puerto Ayora: Im Reich der Riesenschildkröten: Galapagos rückt näher

Puerto Ayora : Im Reich der Riesenschildkröten: Galapagos rückt näher

Das Inselreich der spektakulären und zugleich zutraulichen Tiere ist erschwinglicher geworden. Dafür sorgt auf Galapagos die zunehmende Konkurrenz von Hotels, Gästehäusern und Airlines, die von Ecuadors Festland-Städten Quito und Guayaquil herüberfliegen.

Clevere Reisende mit schmalem Budget schlafen für umgerechnet 12 Euro die Nacht, sehen Schildkröten-Giganten, Seehunde, Pelikane sowie armlange Land- und Meerechsen fast gratis. Eines der größten Schaufenster der Evolution rückt für viele Touristen nun näher. Mehr als 200.000 Gäste pro Jahr erfüllen sich den Traum im Pazifik knapp 1000 Kilometer westlich von Südamerikas Küste.

Die Seelöwen sind genügsame Fotomotive und lassen die Touristen ziemlich nah an sich heran - den Rummel sind die gewöhnt.
Die Seelöwen sind genügsame Fotomotive und lassen die Touristen ziemlich nah an sich heran - den Rummel sind die gewöhnt. Foto: Tourismusministerium Ecuador

Wer zwischen Tölpel- und Albatros-Nestern auf unbewohnten Inseln spazieren und Pinguin-Familien beim Sundowner bewundern will, bucht eine Kreuzfahrt - die kostet pro Tag allerdings zwischen 250 und 800 Dollar (220 bis 705 Euro). Die Edelvariante hat private Balkone, fast alles ist inklusive. Auch deutsche Einwanderer wie Hans-Jürgen Creter aus Hessen und die in Galapagos alteingesessenen Familien Wittmer aus Köln und Angermeyer aus Hamburg bieten Kreuzfahrten und andere Touren an.

Die erkaltete Lava, hier das Lavafeld von Sullivan Bay auf Santiago, bildet eigentümliche Formationen.
Die erkaltete Lava, hier das Lavafeld von Sullivan Bay auf Santiago, bildet eigentümliche Formationen. Foto: Bernd Kubisch

Ein deutliches Zischen ertönt. Die Galapagos-Riesenschildkröte zieht ihren langen Hals mit dem kleinen Kopf und ihre klobigen Beine unter den mächtigen Panzer, der nun ins Gras herabsinkt. Der Schutz ist perfekt. Ein Tourist war wohl zu respektlos und wollte den Koloss berühren. Etliche Riesenschildkröten werden bis zu 300 Kilo schwer und weit über 100 Jahre alt, auch hier im Norden von Santa Cruz, auf der wichtigsten Touristeninsel des Archipels.

Alt, runzelig, irgendwie ehrwürdig: die Riesenschildkröten auf Galapagos.
Alt, runzelig, irgendwie ehrwürdig: die Riesenschildkröten auf Galapagos. Foto: Tourismusministerium Ecuador

Hier bei den Tuneles de los piratas, den großen Lava-Tunneln, leben einige Dutzend der Schildkröten zwischen Tümpeln, Gras, Schilf und natürlich ohne Zaun. Der Eintritt kostet 3 US-Dollar. Frühes Aufstehen lohnt sich, die Touristenbusse kommen meist erst mittags. Allein auf Santa Cruz gibt es noch bis zu 3000 der Tiere.

Gut 15 Kilometer weiter im Süden liegt die Insel-Hauptstadt Puerto Ayora. Sie hat heute fast 15.000 Einwohner. Das sind über die Hälfte aller Galapagos-Bewohner. An der schmalen Küstenstraße stauen sich manchmal die Autos zwischen Edelhotel, Fischmarkt, Hafen, Bars, Restaurants und Souvenirshops. Die Urlauber laben sich an Langusten und Steaks, aber auch an Pizza, Cappuccino und Mojito. Drei Straßen dahinter stehen Tische und Stühle auf Fahrbahn und Bürgersteig. Es riecht nach Barbecue, Gewürzen und frischem Fisch. Hier in der Calle de los kioskos sind die Restaurants schlichter, authentischer und preiswerter. Das Bier fließt in Strömen.

Am Hafen dösen Seelöwen. Wassertaxis schippern auf die andere Seite der Bucht. Auf dem Meer schaukeln Fischerboote, Frachter, Schnellfähren, die die anderen drei bewohnten Inseln San Cristobal, Isabela und Floreana ansteuern. Auch einige Kreuzfahrtschiffe ankern hier. Viele holen ihre Gäste von Baltra ab. Das Eiland mit dem größten Airport liegt einen Kilometer nördlich von Santa Cruz.

Unermüdlich predigen die Galapagos-Führer ihren Gästegruppen bei der Landung auf einer Insel: „Keiner darf den Weg verlassen, ein Tier berühren oder den Blitz beim Fotografieren zuschalten.” Wer raucht oder ein Papierchen fallen lässt, bekommt Ärger. Die Tiere und Pflanzen des Archipels mit seinen rund 130 Inseln und Inselchen konnten sich fünf Millionen Jahre lang fast ungestört entwickeln. Harry Jonitz aus dem Raum Karlsruhe hilft dabei, dass Gäste diese seltene Pracht über und unter Wasser beobachten können. Er ist seit über 20 Jahren Reiseführer auf dem Archipel.

Im Moment steht Jonitz mit Kapitän Julio Pachay auf der Brücke der „Treasure of Galapagos”, einem Kreuzfahrt-Katamaran mit maximal 16 Passagieren. So viele hat auch die „Tip Top IV”, die am Horizont zu erkennen ist. Im Weltvergleich der Kreuzfahrtschiffe sind auch die „Galapagos Legend” und die „Silver Galapagos” mit je 100 Passagieren Zwerge - auf dem Archipel gehören sie zu den Riesen.

Die See ist ruhig, Zeit für einen Plausch auf der Brücke. „Es wurde einfach zu eng. Gut, dass unsere Behörden die Notbremse gezogen haben”, sagt Kapitän Pachay. Die Unesco setzte Galapagos 2007 auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes, auch wegen unkontrollierten Zuzugs und Umweltproblemen. Die Behörden reagierten. Zum Beispiel mussten viele Festland-Ecuadorianer zurückreisen, die illegal auf den Inseln lebten.

„Damit Topziele nicht von Touristen überrannt werden, müssen alle Schiffe nun wichtige Regeln einhalten, dürfen in 14 Tagen kein Ziel zweimal ansteuern”, erzählt Jonitz. Attraktiv seien schließlich alle Inseln. Tour-Operator Hans-Jürgen Creter betont: „Alle Kreuzfahrtschiffe werden heute durch Satellit überwacht.” Wer Extratouren macht, riskiert den Verlust der Lizenz. Auch Tourismus-Unternehmer und Bootseigner Enrique Wittmer begrüßt die Kontrollen: „Es geht doch um die Bewahrung der Naturschätze und damit um die Zukunft von Galapagos.”

Inzwischen hat die Unesco ihre Warnung zurückgenommen. Doch viele endemische Tiere und Pflanzen sind weiter vom Aussterben bedroht. Denn auch innerhalb der Tierwelt gibt es Konkurrenzkämpfe: Mit dem Menschen kamen Ziegen, Ratten und Esel, die Nester zertrampeln, Eier fressen und den angestammtem Tieren den Lebensraum nehmen. Seit Jahren wirken die Behörden dem entgegen - mancherorts mit der Tötung der „Eindringlinge”. So sind die einheimischen Tiere weiter die Herrscher der Inseln.

Mit einem vielstimmigen Konzert startet auch auf Espanola der Tag: Wenn die ersten Strahlen der Sonne über den Pazifik flimmern, beginnen die Seelöwen mit einem lautstarken Grunzen und Brüllen. Auch die Blaufußtölpel verpassen ihren Einsatz nicht: Mit Hupen und Pfeifen starten sie in den Morgen. Die ersten Touristen setzen bereits über, um viele der Tiere aus zwei oder drei Metern Distanz zu bestaunen. Manche Gäste sind ganz still, andere schütteln ungläubig den Kopf und bekommen eine Gänsehaut. Zwei bis drei Stunden sind meist die maximale Zeit, die Gästen bei einem Landgang auf unbewohnten Inseln zugestanden wird.

Neben Santa Cruz und Espanola zählen auch Genovesa, Seymour Norte, Bartolome und Isabela zu den beliebten Zielen. Wer die endemischen Riesenschildkröten sehen will, sollte das schon bei der Reiseplanung berücksichtigen: Die Tiere leben größtenteils nur noch auf Santa Cruz, Isabela, Santiago, San Cristobal und Espanola in der Wildnis. Wer diese Giganten nur auf der Charles Darwin Station auf Santa Cruz im Grünen hinter Mäuerchen sieht, ist oft enttäuscht, wenn er die Schilderung anderer Reisender hört.

Die kleinste bewohnte Insel Floreana interessiert vor allem Historiker und US-Filmemacher, die wegen der sogenannten Galapagos-Affäre kommen, die auch verfilmt wurde. Denn Intrigen unter deutschen Einwanderern auf Floreana in den 30er-Jahren, eine verschwundene Baronin sowie Mord und Totschlag - das alles ist Hollywood-Stoff. Die Leguane, die an Tiere aus der Urzeit erinnern, und die zahlreichen Seelöwen sind da Nebensache.

Margret und Heinz Wittmer, die 1932 von Köln nach Floreana siedelten, waren zwar Zeitzeugen dieser dramatischen Ereignisse, aber nicht direkt beteiligt. Ihre Tochter Inge führt mit Erika, Enkelin des Paares, das „Hotel Wittmer” direkt am Strand. Im Souvenirshop der Herberge liegt auch das Buch von Magret Wittmer, „Postlagernd Floreana”, das in vielen Sprachen erschien. Es berichtet von den entbehrungs- und abenteuerreichen Jahren der Besiedlung und am Rande auch von Missgunst und Intrigen unter den Einwanderern. Floreana ist knapp zwei Fährstunden von Santa Cruz entfernt.

(dpa)