1. Leben
  2. Reisen

Lenggries: Hosentaschenmusik im Isarwinkel: Wie man mit Holzlöffeln Musik macht

Lenggries : Hosentaschenmusik im Isarwinkel: Wie man mit Holzlöffeln Musik macht

Ta-ka-ta, ta-ka-ta, ta-ka-ta. In diesem Rhythmus klopfen zehn Löffelpaare auf zehn Oberschenkel. Zwanzig Hände tun ihr Übriges. Noch läuft das nicht bei allen Teilnehmern des Kurses rund. Man muss an vieles denken. Die Holzlöffel, etwa in der Größe eines Salatbestecks, müssen richtig in der Schlaghand verankert sein.

Die beiden Mulden sollen beim Löffeln gegeneinander schlagen und mindestens einen Rhythmus erzeugen. Dazu braucht man den Oberschenkel auf der einen und die flache Hand auf der anderen Seite, denn gegen beides treffen die Löffel. Gar nicht so einfach.

„Es gibt keine Regeln beim Löffeln”, sagt Norbert Zandt. Er leitet den Löffelkurs in der „Müsikwerkstatt” in Lenggries in Oberbayern. Nur Rhythmus ist wichtig. Als erstes geht es um die Technik, denn die Löffel müssen fest sitzen. „Den unteren klemmt man zwischen den Mittel- und den Ringfinger. Ringfinger und kleiner Finger fixieren ihn.” Den oberen Löffel hält der Daumen fest. „Und zwar ganz fest”, sagt Zandt.

Dann geht es schon los. Die zwei Löffel schlagen gegen den Oberschenkel, bei Rechtshändern auf den linken. Die nächste Schwierigkeit folgt. Die leere Hand schwebt etwa auf Brusthöhe über dem Oberschenkel. Jetzt schlagen die Löffel gegen Bein und Hand. Und dann kommen die Variationen - im Takt, in der Schnelligkeit, in der Lautstärke. Bestenfalls schafft man eine ganze Tonleiter.

Die „Müsikwerkstatt” liegt in einem Gewerbegebiet am Ortsrand - und das ist für die Löffler ganz gut. Denn wenn zehn Menschen mit jeweils zwei Löffeln schlagen, macht das eine Menge Krach.

Normalerweise sind die Löffel kein Solo-Instrument, sondern Teil der oberbayerischen Wirtshausmusik. Vielerorts erzählen die Menschen, dass an so manchen Abenden in den Wirtshäusern mit den klassischen Instrumenten Musik gemacht wird: Gitarre, Zither, eine „Ziach” (Harmonika auf Hochdeutsch). „Oft geht dann einer in die Küche und holt sich ein paar Löffel”, sagt Jan Langer, professioneller Perkussionist aus Südtirol und Profi im Löffeln.

Den Klang von Metall-Löffeln mag er nicht besonders. „Außerdem sind sie auf die Dauer ziemlich schwer und anstrengend zu spielen.” Lange hat er zusammen mit Norbert Zandt getüftelt, wie die perfekten Holzlöffel beschaffen sein müssen, in Sachen Haltbarkeit und Klang. „Wir haben mit Löffeln aus Olivenholz experimentiert, aber die Bäume wachsen nicht gerade, und darum brechen die Löffel schnell”, sagt er.

Dann trafen die beiden den Schreiner- und Drechslermeister Benedikt Kloiber. „Er war verrückt genug, sich für unsere Idee zu begeistern”, sagt Zandt. Kloiber hat viel Ahnung von heimischen Hölzern, er hat die richtigen Maschinen und ist selbst Musiker.

Eschenholz hat sich schließlich als bestes Material für die Löffel erwiesen, es ist hart und gleichzeitig elastisch. „Und es hat einen guten Klang”, betont Jan Langer. Kloiber programmierte seine CNC-Maschine so, dass sie automatisch zwei Löffel aus einem vorbereiteten Stück Holz fräst. Das dauert etwa eine halbe Stunde. Aber damit ist die Arbeit nicht getan. Die Löffel müssen danach aus dem Brett herausgelöst, geschliffen, gewässert und wieder geschliffen werden. Kloiber stellt inzwischen gleich einen ganzen Schwung her.

Denn die Löffel gehen weg - nicht nur in den Workshops, die Langer und Zandt anbieten. „Wir haben einige Anfragen über das Internet”, sagt er. „Die Leute kennen das, sie erinnern sich, dass der Großvater gelöffelt hat.” So war es auch nicht ganz verwunderlich, dass die Kurse im Löffeln, die die Gästeinfo in Lenggries im Sommer für Touristen anbietet, gerne von Einheimischen besucht werden. „In manchen Kursen waren mehr als die Hälfte der Teilnehmer aus der Region”, sagt Zandt. Auch in anderen Orten, etwa in München, kann man das Löffeln inzwischen wieder lernen.

Nicht nur im Alpenraum kennt man das Löffeln, sagt Langer. Auch in den Pubs in Irland sei es weit verbreitet. In der Türkei, in China und in Russland gehört es ebenfalls zur volkstümlichen Musik. Jedes Volk spiele allerdings mit unterschiedlicher Technik.

Im Isarwinkel hat die Hosentaschenmusik eine lange Tradition. Lenggries und die anderen kleinen Gemeinden liegen idyllisch zwischen Isar und Gebirge, umgeben von zahlreichen Wanderwegen.

Bevor der Tourismus in die Region kam, war die Flößerei eine wichtige Einnahmequelle der Menschen, vor allem Holz und Kalk wurden auf diesem Weg bis nach München befördert. Und wenn man sich abends im Wirtshaus traf, wurde Musik gemacht. Mit Löffeln, mit Maultrommeln und mit den kleinen Holzplatten, die ähnlich klingen wie die spanischen Kastagnetten. „Alles eben, was in einen Hosensack passt und mitgenommen werden kann”, sagt Langer.

Das Maultrommeln allerdings ist eine etwas schwierigere Angelegenheit als das Löffeln - denn das Instrument sitzt direkt an den Schneidezähnen. Es braucht eine Weile, bis man damit einen Ton erzeugt hat, wie man ihn etwa aus Zeichentrickfilmen kennt.

Das Metallinstrument, das einem Schlüssel ähnlich sieht, kann allerdings noch vieles mehr, wie Langer erklärt: Bordunspiel heißt es etwa, wenn durch verschiedene Atemtechniken unterschiedliche Töne entstehen. Bei der Maultrommel, den Holzplatten und auch den Löffeln gilt: Üben kann, muss aber nicht, sagt Zandt. „Es geht darum, Spaß zu haben und einfach etwas Neues auszuprobieren.”

(dpa)