1. Leben
  2. Reisen

Mons: Google und Van Gogh: Mons ist Kulturhauptstadt 2015

Mons : Google und Van Gogh: Mons ist Kulturhauptstadt 2015

Steil ist der Weg durch die Rue Cronque hinauf zum Belfried von Mons. Ab 1661 wurde der wuchtige Turm als trutziges Symbol freien Bürgertums gegen die Macht des regierenden Adels errichtet. Seit 1999 steht das Wahrzeichen von Mons auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Im kommenden Jahr ist der Turm ein umso bedeutenderes Aushängeschild: Die belgische Kleinstadt ist 2015 eine der zwei Kulturhauptstädte Europas neben dem tschechischen Pilsen.

Zeugen einer großen Vergangenheit begegnen Besuchern auf Schritt und Tritt in Mons und im Landstrich Borinage. „Um 1830 wurde hier mehr Steinkohle gefördert als in Deutschland und Frankreich zusammen”, erläutert Stadtführer Jean-Pierre Masselus. Weil die Industrie boomte, wurde ab 1882 östlich von Mons die künstliche Wasserstraße Canal du Centre gegraben - mit vier hydraulische Schiffshebewerken, filigranen Eisenkonstruktionen. Doch das ist die Vergangenheit.

Heute überwinden Binnenschiffe im größten Schiffshebewerk der Welt in Strépy-Thieu den Höhenunterschied von 73 Metern. Über den historischen Kanal schippern heutzutage Touristen mit kleinen Ausflugsbooten. Kunstfreunde besuchen das Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in den Bergwerksbauten von Grand Hornu. Die vier Schiffslifte und Grand Hornu zählen als Beispiele industrieller Revolution ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die Zukunft der Region hat nur zehn Autominuten entfernt bereits begonnen: Hinter haushohen Erdwällen abgeschottet von der Außenwelt, betreibt Google zwischen Mons und Saint-Ghislain seit September 2010 eines seiner europäischen Datenzentren. „Unser Motto „Technologie trifft Kultur” ist daher mehr als nur ein Schlagwort”, meint Yves Vasseur. Der 63 Jahre alte ehemalige Radiojournalist und Theatermann ist Kurator von „Mons 2015”.

Seit im Februar 2010 die Entscheidung für Mons fiel, befasst sich Vasseur intensiv mit dem Projekt. 65 Millionen Euro kann er in die Hand nehmen. Das Programm umfasst über 100 Projekte von Theater über Musik, Literatur und Mode bis zu digitalen Technologien. Wenn am 24. Januar 2015 der offizielle Start des Festjahres gefeiert wird, können Bürger und Besucher an 20 verschiedenen Plätzen in und um Mons ein Spektakel aus Theater und Tanz, Musik und Licht verfolgen. So wird es etwa in den Gärten des Belfrieds hoch über der Stadt eine Parade Feuer speiender Drachenfiguren geben. „Die Gäste werden Mons mit neuen Augen sehen”, verspricht Vasseur.

Vom 24. Januar bis 17. Mai 2015 läuft in Mons eine der Topausstellungen zum Kulturhauptstadtjahr. „Van Gogh im Borinage - die Geburt eines Künstlers” ist im BAM - Museum der Schönen Künste zu sehen. Das trifft sich zufällig gut: Das Kulturhauptstadtjahr in Mons und das 125. Todesjahr des großen Künstlers fallen 2015 zusammen.

Van Gogh lebte von August 1879 bis Oktober 1880 in Cuesmes bei Mons. Während der Zeit bei den Arbeitern im Borinage beendete er seine Karriere als Laienprediger und schlug die Künstlerlaufbahn ein. Zeichnungen von Arbeitern und Industrieanlagen entstanden in diesen Monaten. „Van Gogh kam aus großbürgerlicher Umgebung. Was er hier im Bergbaurevier sah, war für ihn das blanke Mittelalter”, sagt Stadtführer Masselus.

Weitere Ausstellungen widmen sich beispielweise lokaler Geschichte. Das Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in Grand-Hornu zeigt unter dem Titel „Der Heilige Georg, der Drache und der Tod” (18. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016) Gemälde, Zeichnungen und Miniaturen des Heiligen. Denn auf dem Grand-Place in Mons findet seit dem 14. Jahrhundert jährlich am Sonntag nach Pfingsten das folkloristische Spektakel „Doudou” statt, der Kampf von Sankt Georg mit dem Feuer speienden Drachen. Auch dieses Figurenspiel steht seit 2005 auf der Unesco-Liste des immateriellen Erbes der Menschheit.

Technologie trifft Kultur - das ist treffend, weil jetzt Google in Mons ist und es hier auch das weltweit erste Schlagwortarchiv gibt: das Mundaneum. Die Suchmaschine besteht aus Papier, Holz, kleinen Karteikarten und dunkelbraunen Archivschränken. Das Schlagwortarchiv wurde 1895 von dem belgischen Bibliothekar Paul Otlet erfunden und von ihm bis in die 1930er Jahre gemeinsam mit Henri La Fontaine weiterentwickelt. Es ist natürlich: Unesco-Welterbe.

„Das Mundaneum besteht aus sechs Kilometern Archivdokumenten mit zwölf Millionen Karteikarten”, erklärt Sprecherin Delphine Jenart. Im Jahr der Kulturhauptstadt wird das Mundaneum 120 Jahre alt, im Juni 2015 zieht die Sammlung in ein repräsentatives Gebäude an der Rue de Nimy. Ab September 2015 soll die Sammlung für Besucher geöffnet sein.

Brücken zu bauen von der Vergangenheit in die Zukunft - symbolhaft steht dafür auch der neue Bahnhof von Mons. Zwar wird das kühne Bauwerk nach einem Entwurf des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava nicht vor 2017 fertiggestellt sein. Doch es führt von der Altstadt über die Gleisanlagen zum neuen Kongresszentrum von Daniel Libeskind, das zum Festjahr eröffnet werden soll.

Mons hofft, als Kulturhauptstadt etwa zwei Millionen Besucher anzuziehen. Das könnte der Stadt neue Jobs bringen. In der früher so reichen Industrieregion um Mons beträgt die Arbeitslosenquote heute etwa 20 Prozent - trotz Google.

(dpa)