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Cranbrook: Gardening ist eine Kunst: Die Gärten im Südosten Englands

Cranbrook : Gardening ist eine Kunst: Die Gärten im Südosten Englands

Die Fahrt durch die Grafschaft Kent im Südosten Englands führt auf schmalen Straßen durch Dörfer voller historischer Häuser, vorbei an mit Hecken umrahmten Feldern. Eine wohlhabende Gegend. Das Klima ist mild, Pflanzen wachsen gut. Kent wird auch Garten von England genannt - und zieht deshalb viele Reisende an.

In der ländlichen Umgebung, die von Gemüseanbau und Viehwirtschaft geprägt ist, liegt Sissinghurst Castle. Der blütenreiche Garten des Landsitzes hebt sich deutlich von den kentischen Wäldern und Feldern ab. „Dieses Setting allein ist schon etwas Besonderes”, sagt der Chefgärtner Troy Scott-Smith.

Es ist schwierig, sich dem Zauber dieses Gartens zu entziehen, 200.000 Besucher erliegen ihm jährlich. Sissinghurst zählt zu den berühmtesten Gärten Großbritanniens. Das fünf Hektar große Gelände ist in zehn Bereiche eingeteilt, die ganz verschieden bepflanzt sind und jeweils anders auf die Sinne wirken.

Der oft gerühmte Weiße Garten mit seinen ausschließlich weiß blühenden Blumen und grau- und silberfarbenen Blättern ist trotz der monochromen Farbwahl poetisch, theatralisch, emotional - diese Attribute fallen dem Betrachter ein. Die Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Ehemann Sir Harold Nicolson kauften Sissinghurst Castle 1930. Der Garten wurde ihr Lebenswerk.

Im Schlossturm befindet sich das Arbeitszimmer der ehemaligen Besitzerin. Frische Blumen stehen in einer Vase. Alles sieht aus, als wäre der Raum eben erst verlassen worden. Sissinghurst Castle gehört heute der gemeinnützigen Organisation National Trust, und doch hat der Gast das Gefühl, sich immer noch in einem privaten Garten zu befinden. Vita Sackville-West starb 1962, und Sissinghurst ist ein typischer Garten des 20. Jahrhunderts.

Den klassischen englischen Landschaftsgarten gibt es schon sehr viel länger. Der renommierte Landschaftsarchitekt Lancelot „Capability” Brown begründete ihn im 18. Jahrhundert. Der Englische Garten wurde zur Mode in Europa und damit ein kultureller Exportschlager. Der „größte Gartenbaumeister Englands” gestaltete über 170 Parks. Einige von Browns Anlagen bestehen noch heute und sind öffentlich zugänglich, wie der Sheffield Park Garden in East Sussex.

Der Landschaftspark hat vier Seen und begeistert durch seine Ufer. Büsche, Bäume und mehrere Meter hohe Rhododendren spiegeln sich im Wasser. Alles ist sorgfältig gestaltet und wirkt dennoch natürlich. Das war Browns Absicht: eine komponierte Landschaft - wie für die Augen eines Malers gemacht. So wandelt der Besucher wie in einem Landschaftsgemälde umher, erfreut sich am Anblick der Pflanzen und ihrer besonderen Anordnung. Die Strenge der barocken Gärten findet man hier nicht, es geht um Natürlichkeit - das ist das Merkmal des Englischen Gartens.

Auch der Umgang mit den Gästen im Park ist wenig streng. „Bei uns können sich die Spaziergänger frei bewegen, Wiesen betreten, Kinder dürfen auf Bäume kraxeln”, erklärt die Besucherbetreuerin Nina Elliot-Newman. Das gehört zum Prinzip des National Trust, dem auch Sheffield Park Garden untersteht: Die Gärten und Schlösser sollen so weit wie möglich öffentlich zugänglich sein.

Die Größe eines Gartens sagt in dieser Region oft nichts über seine Qualität oder Intensität aus. Der drei Hektar große Great Comp Garden wurde so geschickt um ein Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert angelegt, dass er größer wirkt. William Dyson, der Chef des Gartens, bezeichnet sich als Kurator, so als betreue er eine Ausstellung. Gardening, also das Gärtnern, hat in England den Status einer Kunst.

„Wir haben 55 Arten von Magnolien”, erzählt der Engländer. „Besucher sind betört von der Schönheit ihrer Blüten.” Gehölze, Bäume und kleine Wäldchen begrenzen geschwungene Grasflächen. Von einigen Stellen im Garten fällt der Blick auf das Herrenhaus. Sein Backstein leuchtet rot-orange durch das Grün der Blätter.

Im italienisch anmutenden Bereich von Great Comp Garden wachsen mediterrane Pflanzen zwischen künstlichen Ruinen aus zusammengetragenen Steinen. Sie erschaffen eine antike Atmosphäre und erzeugen ein günstiges Mikroklima. Der Begründer des Gartens, Roderick Cameron, war fasziniert von Ruinen, wie er sie im Original in Italien gesehen hatte.

Die Burg Hever Castle wiederum ist von einem Wassergraben umgeben. An der Zugbrücke steht Anne Boleyn - wie im 16. Jahrhundert üblich - im bodenlangen Kleid mit Haube und lässt sich mit Schulkindern fotografieren. Die zweite der insgesamt sechs Ehefrauen des legendären englischen Königs Heinrich VIII. wuchs in Hever Castle, dem Landsitz der Familie Boleyn, auf. „1000 Tage war Anne Königin, bis sie Heinrichs Gunst verlor und enthauptet wurde”, berichtet Derek Green, der Touristen durch Annes winziges Mädchenzimmer und andere rekonstruierte Räume aus der Tudorzeit führt.

Das mittelalterliche Wasserschloss ist umgeben von einem Garten aus dem 20. Jahrhundert. 1903 kaufte der deutschstämmige Amerikaner William Waldorf Astor das Anwesen. Innerhalb von vier Jahren legte er den 50 Hektar großen Garten an, im italienischen Stil mit römischen Amphoren, Skulpturen und Springbrunnen aus der Antike. Die brachte Astor aus seiner Zeit als amerikanischer Botschafter in Rom mit. Die über 2000 Jahre alten Objekte werden umrankt von Oliven-, Kiwi- und Feigenbäumen. Rund 800 Männer benötigten allein zwei Jahre, um den 14 Hektar großen See auszugraben.

Lässt man die hügelige Landschaft von Kent hinter sich und reist weiter südlich, erreicht man Brighton an der Küste. Das wohl berühmteste Seebad Englands hat sich in den vergangenen Jahren zur Partystadt entwickelt. Auch König Georg IV. genoss während seiner Regentschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausschweifende Vergnügungen in Brighton. Dafür ließ Georg den Royal Pavilion bauen, ein bizarres Gebäude - außen wie ein indischer Maharadscha-Palast und innen wie eine chinesische Märchenwelt gestaltet.

Der Garten um den Palast ist öffentlich zugänglich und gut besucht. „Wir haben den Royal Pavilion Garden restauriert und in seinen originalen Zustand von 1820 zurückverwandelt”, sagt der Gartenmanager Robert Hill-Snook. „Er ist der einzige noch erhaltene Garten aus der Regency-Zeit.” Bäume und Büsche sind so gepflanzt, dass sie den Palast umrahmen. Touristen müssen also nicht lange nach Fotomotiven suchen.

Anders als englische Rasenflächen heute, wurde das Gras von den Gärtnern damals länger gehalten. Das sollte noch naturnäher wirken. Vermutlich ist das die große Kunst: Der Garten ist komplett durchkomponiert und sieht doch natürlich aus.

(dpa)