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Tokio/Kyoto: Futurismus und Kontemplation: Auf Zeitreise in Tokio und Kyoto

Tokio/Kyoto : Futurismus und Kontemplation: Auf Zeitreise in Tokio und Kyoto

Wenn es Nacht wird in Tokio, beginnt das Spiel der Neonfarben. In Shinjuku, dem repräsentativsten Bezirk der Stadt, rast buntes Licht die Fassaden hinauf und wieder hinab. Die Straßen sind voll. In den Elektronikgeschäften laufen alle Fernseher gleichzeitig.

Der Duft eines Yakitori-Grill-Imbisses dringt hinaus in die Gassen der Megametropole. Drinnen sitzt eine junge Frau so elegant mit ihrer Zigarette da, dass man sie sich sofort in einem Café auf einem Pariser Boulevard vorstellen kann. Dazu überall Glitzer, Glamour und Glas. Tokio fühlt sich an wie eine überdrehte Version westlicher Urbanität.

Hühnchenspieße vom Grill: Yakitori Imbisse findet man in Tokio an fast jeder Straßenecke.
Hühnchenspieße vom Grill: Yakitori Imbisse findet man in Tokio an fast jeder Straßenecke. Foto: dpa

Als Tourist ist man bemüht, die Eindrücke zu sortieren. Die jungen Machos in dieser sehr teuren Gegend tragen Stiefel und wilde Gelfrisuren. Society-Damen staksen mit teuren Handtaschen über das Trottoir, und sie schauen dabei todernst. Das Ausgeh- und Amüsierviertel Kabukicho hat kaum etwas Anrüchiges. Dort stehen Nachtclubs, Karaoke-Bars und viele Love-Hotels mit Kassenhäuschen und Milchglasfenstern, durch die keine Blicke fallen. Ein maximal anonymer Ort für die Liebe in einer Stadtregion mit 35 Millionen Menschen.

Beschauliches Kyoto: Auf dem Weg zum Kiyomizu-dera Tempel passieren die Touristen traditionelle Stadtviertel, wie es sie so heute nur noch hier gibt.
Beschauliches Kyoto: Auf dem Weg zum Kiyomizu-dera Tempel passieren die Touristen traditionelle Stadtviertel, wie es sie so heute nur noch hier gibt. Foto: düa

Das Gefühl, zehn Jahre in die Zukunft gereist zu sein, entsteht schon bei der Ankunft in Tokio, vor allem an der Shinjuku-Station. Etwa 3,5 Millionen Passagiere steigen hier jeden Tag ein und aus, es ist der größte Bahnhof der Welt. Das Gewirr aus Gängen, Bahnsteigen und Rolltreppen ist auf den ersten Blick viel unübersichtlicher als auf den meisten deutschen Flughäfen. Man läuft scheinbar endlos.

Ausflug in die Vergangenheit: Der im Osten Kyotos gelegene Tempel Kiyomizu-dera ist bei Touristen besonders beliebt.
Ausflug in die Vergangenheit: Der im Osten Kyotos gelegene Tempel Kiyomizu-dera ist bei Touristen besonders beliebt. Foto: dpa

Und doch gibt es kein Chaos, niemand rempelt, vor den Zügen stellen sich die Japaner in einer Reihe auf. Auf einem Jutebeutel steht der Spruch: „Schlage nicht gegen eine Wand in der Hoffnung, daraus eine Tür zu machen.” Das lässt sich programmatisch verstehen. Tokio strahlt eine höchst zivilisierte Überlegenheit aus. Man ist wie elektrisiert, aber wagt es nie, einem übermütigen Impuls zu folgen.

Ganz anders als die Hauptstadt ist Kyoto. Wer mit einem Shinkansen-Schnellzug anreist, sieht zuerst den Bahnhof mit seinem 500 Meter langen Atrium samt Glasdach. Doch sobald man auf die Straße tritt und ein wenig durch die Gassen läuft, fühlt man sich überall an ein vormodernes Japan erinnert. In Kyoto dürfen keine Hochhäuser gebaut werden. Dafür gibt es so viele Tempel, Paläste, Schreine und Zen-Gärten, dass es viele Tage bräuchte, um sie alle zu besuchen. Man spaziert durch eine andere, eine vergangene Zeit.

Die alte Kaiserstadt wurde schon im 8. Jahrhundert gegründet und schachbrettartig angelegt, man findet sich bestens zurecht. Kyoto bildete viele Jahrhunderte lang das politische und religiöse Zentrum Japans. Mit dem Aufstieg der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, und dem Beginn der Tokugawa-Zeit kam dem Tenno ab dem 17. Jahrhundert allerdings nur noch eine symbolische Funktion zu, und Kyoto büßte an Einfluss ein. Edo, das heutige Tokio, wurde das neue politisch-militärische Machtzentrum.

„Kyoto ist ein Sehnsuchtsort, wo vieles von einer durchgreifenden Modernisierung verschont wurde”, sagt Wolfgang Schwentker, Professor für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Osaka. Repräsentationsbauten prägen das Stadtbild, in Tokio liegen sie eher versteckt. Kyoto wirke insgesamt sehr traditionell und ästhetisch-kultiviert. „Die Amerikaner haben aus gutem Grund auf eine Bombardierung verzichtet”, erklärt der Historiker.

In dem alten Viertel Gion reihen sich schicke und zugleich dezente Restaurants aneinander. Immer weht ein Vorhang vor der Tür, es hat geregnet, und jetzt tropft es überall von den überstehenden Dächern. Auf kleinen Balustraden und Balkons wachsen Zierbäume. Eine Geihsa, die traditionelle japanische Unterhaltungskünstlerin, läuft anmutig über den regennassen, dampfenden Asphalt.

Am Kinkakuji-Tempel im Norden der Stadt hängen noch Gewitterwolken an den Berghängen. Hier steht der Goldene Pavillon hinter einem großen Teich, in dem sich der komplett mit Blattgold überzogene Bau spiegelt. 1950 zündete ein buddhistischer Schüler den Tempel an, angeblich weil er dessen Schönheit nicht ertragen konnte. So schildert es der Schriftsteller Yukio Mishima in seinem Buch „Der Tempelbrand”. Nach der Zerstörung wurde der Pavillon neu errichtet und komplett vergoldet. An einem Tag wie diesem, an dem wegen des Regens kaum Besucher kommen, ist Kinkakuji ein Ort stiller Kontemplation. Man ist tief entspannt und doch unerklärlich bewegt.

Natürlich gibt es auch in Kyoto ein modernes Leben und im Süden der Stadt viel Industrie. Und natürlich hat auch Tokio einige historische Sehenswürdigkeiten zu bieten: den Kaiserpalast, den Meiji-Schrein, das altstädtische Ueno mit seinem geschichtsträchtigen Park und den Sensoji-Tempel in Asakusa. Doch insgesamt ist Tokio eine Stadt, die immer schon die Verbindung zur Zukunft gesucht hat.

Als der General Tokugawa Ieyasu den Kaiser entmachtete und das Tokugawa-Shogunat begründete, begann der Aufstieg Edos. Die Provinzfürsten Japans mussten jedes zweite Jahr in die neue Hauptstadt kommen und dort residieren, wie Japankenner Schwentker erzählt. „Die Samurai residierten im Westen, dort, wo heute die Elite-Unis sind.” Nachdem der Kaiser 1868 bei der Meiji-Restauration seine Macht wiedererlangte, zog er nach Edo. Die Stadt hieß fortan Tokio, was „Östliche Hauptstadt” bedeutet.

Die Modernisierung verdankt die Millionenstadt strategischen Überlegungen. „China war nach den Opiumkriegen Spielball der westlichen Mächte geworden”, sagt Schwentker. Die Japaner wollten sich dagegen schützen, indem sie sich selbst modernisierten. „Der Gedanke war: Nur so können wir dem Westen auf Augenhöhe begegnen.” Durch die siegreichen Kriege gegen China und Russland wuchs das Selbstbewusstsein des Landes weiter. 1923 bot ein gewaltiges Erdbeben die Chance, die Stadt neu aufzubauen. „Tokio war ein Schaufenster für die japanische Moderne.”

Heute ist Tokio auch ein Schaufenster für die Moden und Trends, die mit einer Saison Verspätung den Westen erreichen. Wer sich davon ein Bild machen möchte, der muss nach Shibuya und noch besser nach Harajuku fahren, in das Hipsterviertel Tokios. In der Takeshita-Straße reiht sich ein Geschäft an das nächste. Es kann passieren, dass man arglos in ein Fotoshooting für ein Modemagazin oder doch nur für einen unbedeutenden Fashionblog hineinspaziert.

„Tokio absorbiert viel Energie”, sagt Schwentker. Wäre die Stadt ein Staat, hätte die Metropole ein größeres Bruttoinlandsprodukt als Thailand oder Österreich. Es gibt natürlich auch kein einzelnes Zentrum, sondern zig Subzentren. Der Blick auf den U-Bahn-Plan sieht aus, als habe ein Kleinkind mit bunten Stiften achtlos Kreise gemalt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Angestellter in Tokio zwei bis drei Stunden pendelt, um zur Arbeit zu kommen. Wer es sich leisten kann, wohnt deshalb in der Nähe eines großen Bahnhofs.

Wer von den Dimensionen der gigantischen Stadt einen Eindruck bekommen will, fährt am besten wieder nach Shinjuku. Dort residiert die Verwaltung Tokios in zwei gewaltigen Türmen aus Stahl und Glas, die der Stararchitekt Kenzo Tange entworfen hat. In einem der Wolkenkratzer befindet sich im 45. Stock eine Aussichtsplattform. Schaut man aus dem Fenster, sieht man in jeder Richtung nichts als Häuser, die sich im Dunst des Horizonts verlieren. Wer „Star Wars” gesehen hat, denkt unweigerlich an den Planeten Coruscant, der aus einer einzigen Stadt besteht. Von 243 Metern Höhe aus betrachtet sieht Tokio aus wie Science-Fiction. An klaren Tagen ist in der Ferne der heilige Berg Fuji zu erkennen.

Kyoto dagegen ist von Bergen umgeben und kann nicht weiter wachsen. Die Stadt fasert in die Natur aus. Deutlich wird das, wenn man am Abend hinaufsteigt zum Kiyomizu-dera, einem bei Touristen besonders beliebten Tempel im Osten. Die erste Halle des Komplexes wurde 789 errichtet, das heutige Gebäude im Jahr 1633. Für den Bau wurde kein einziger Nagel verwendet. Es gibt eine große Veranda. Man schaut über Kyoto, und auf der anderen Seite sieht man schon wieder Berghänge. Die Aussicht hat nichts Futuristisches. Es ist mehr wie der Blick über ein großes Freilichtmuseum.

(dpa)