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Kramsach: Friedhof ohne Tote: Beim Grabkreuz-Sammler in Kramsach

Kramsach : Friedhof ohne Tote: Beim Grabkreuz-Sammler in Kramsach

„Des glaub i jetzt net”, entfährt es einem Gast aus Tirol auf dem Museumsfriedhof von Hans Guggenberger. Gerade hat der Besucher sich mit seiner jungen Begleiterin auf den Rundweg entlang der alten Grabkreuze gemacht, da erblickt er folgenden Spruch: „Er maß sieben Schuh, Gott gib ihm die ewige Ruh, ein unglücklicher Ochsenstoß öffnete ihm das Himmelsschloß.”

Mehr als 60 teils kuriose Inschriften hat Guggenberger seit 1965 auf seinem Friedhof ohne Tote aufgestellt. „Andere sammeln Briefmarken, wir haben uns alten Grabkreuzen und ihren Inschriften verschrieben”, erklärt der Kunstschlosser und Steinmetzmeister.

Steinerne und eiserne Grabkreuze fertigen die Guggenbergers auch heute noch. Da habe es nahegelegen, sich mit der Tradition der Kreuze zu beschäftigen. Wenn Familiengräber aufgelöst würden, landeten die geschmiedeten Kunstwerke oft im Altmetall oder verstaubten in Scheunen, sagt Guggenberger, der Seniorchef des 1899 gegründeten Sagzahnschmiede- und Steinmetzbetriebes. „Auf dem Museumsfriedhof bleibt ein Stück Begräbniskultur des Alpenraumes erhalten.”

Museumsfriedhofsdirektor Guggenberger mischt sich manchmal unerkannt unter die Besucher, die von nah und fern zur Kollektion der Kreuze anreisen. Daher kann der 65-Jährige auch die Inschriften benennen, die so manches Mal für Gelächter sorgen. Kurz und knapp heißt es über einen Musikers: „Hier ruht Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug.” Noch kürzer ist dieser Spruch: „Aufigschtiegn, obagfalln, hingwösn.” Aufgestiegen, gefallen, verstorben - ein ganzes Leben in drei Worten. Bei so viel Lakonie stockt manchem Besucher das Lachen.

Aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aus Österreich und Bayern stammen die Inschriften auf dem Schaufriedhof. Sie sind zum einen die mitunter merkwürdig anmutende Würdigung von Verstorbenen. Zum anderen legen sie ein Zeugnis davon ab, wie hart das Leben in den Bergdörfern früher war. Aus dem Tiroler Pitztal gelangte dieses Marterl auf den Schaufriedhof: „Hier liegen begraben vom Dunder erschlagen: Drei Schaf a Kalb und a Bua. Herr gib ihnen die ewige Ruah.”

Mit zum Teil drastischen Worten, in Reimform und manchmal wenig pietätvoll wurden die Inschriften verfasst. Nichts Übles mochte man diesem Verstorbenen nachsagen: „Hier ruht Franz Schiestl. Er war in seinem Leben ein guter Schwanz, betet für ihn einen Rosenkranz.”

Aha, recht interessant! Der Gedanke kommt Besuchern zum Beispiel auch bei dieser Inschrift, die recht unverblümt der Nachwelt mitteilt: „Hier liegt die Jungfer Rosalind, geboren als unerwünschtes Kind. Ihr unbekannter Vater war Kapuziner-Pater.”

Auch das scheinbar so harmonische Zusammenleben von Ehepaaren stellte sich nach deren Tod mitunter anders dar. So sorgten sich die Lebenden um diesen Verstorbenen: „In diesem Grab liegt Anich Peter. Die Frau begrub man hier erst später. Man hat sie neben ihm begraben. Wird er die ewige Ruh nun haben?”

Neben dem Museumsfriedhof bestaunen die Besucher im 2013 eröffneten Arkadenhof weitere historische Kreuze aus dem Alpenraum. „Hier steht auch das älteste Grabkreuz Tirols aus dem Jahr 1682”, sagt Hans Guggenberger beim Rundgang. Mit etwa 850 Grabkreuzen aus fünf Jahrhunderten ist die Sammlung nach Guggenbergers Worten die größte ihrer Art in Europa. Davon kann der Direktor allerdings nur einen Teil ständig zeigen. Abgeriegelt hinter dicken Toren lagern im Depot noch zahlreiche unrestaurierte Grabkreuze. Sammler Hans sagt: „Das ist unsere Schatzkammer.”

(dpa)