Sourbrodt: Die urwüchsige Schönheit des Venns im Herbst entdecken

Sourbrodt : Die urwüchsige Schönheit des Venns im Herbst entdecken

Steil windet sich der Pfad von der „Ferme Libert” am Bach Trôs Marets entlang. Durch die enge Schlucht steigen die Wanderer oberhalb von Malmedy Meter für Meter hinauf. An manchen Stellen ist der Weg durch Stahlseile gesichert. Mehr als 200 Höhenmeter muss die kleine Wandergruppe zwischen den Felsen hinaufsteigen, bis sie das bucklige Plateau des Hohen Venns erreicht.

Nach einer guten Stunde ist Zeit zum Rasten, eine Schutzhütte am Rand der einsamen Wald- und Moorlandschaft kommt wie gerufen. Still ist es hier oben, auf mehr als 500 Höhenmetern.

Die neun Kilometer lange Rundstrecke vom Gasthof „Ferme Liberté” aus ist nur einer von vielen Wanderwegen im Hohen Venn. Die urwüchsige Landschaft breitet sich auf einer Fläche von 45 Quadratkilometern zwischen den belgischen Städten Eupen und Malmedy und dem deutschen Monschau aus.

„Gar schaurig ists durchs Moor zu gehen”, befand die westfälische Dichterin Annette von Droste-Hülshoff im 19. Jahrhundert. Derselbe Eindruck beschleicht auch heute noch den Wanderer im Hohen Venn. Das Wetter kann in dem Hochmoor plötzlich umschlagen. Wo vor wenigen Stunden noch die Sonne schien, wabern plötzlich Nebel und Wolkenschleier und schaffen eine geheimnisvolle Stimmung.

Die „Baraque Michel” aus dem 19. Jahrhundert ist Startpunkt für viele Touren. Von dem Landgasthof an der schnurgeraden Nationalstraße N676 zwischen Eupen und dem Dörfchen Sourbrodt führen unterschiedlich lange Routen ins karge Land. Das Naturgebiet ist seit 1975 in mehrere Schutzzonen aufgeteilt. Einige Bereiche des Hochmoores sind als „Schutzzone D” auf großen Warntafeln gekennzeichnet. Hier ist das Moorland für Menschen tabu.

Eine abwechslungsreiche Rundstrecke führt über 16 Kilometer sowohl ins Wallonische Venn als auch ins Polleur-Venn. Die Wanderer gehen vier bis fünf Stunden lang über schmale Holzstege durch feuchtes Grünland am Polleurbach. Dabei bekommen sie die einzigartige Welt der Venn-Pflanzen zu sehen: Fleischfressender Sonnentau, Siebenstern, Knabenkraut, Beinbrech und Glockenheide haben sich in der 8000 Jahre alten, nacheiszeitlichen Landschaft angesiedelt. Dazu kommt die charakteristische Vogelwelt: Waldschnepfen, Sumpfohreulen und Wiesenpieper sind in der am höchsten gelegenen Region Belgiens zu Hause. Wildhüter wollen in der Vergangenheit auch einige Paare des seltenen Birkhuhns beobachtet haben.

Von März bis in den Oktober hinein ist Wandersaison im Hohen Venn. „Feste und wasserdichte Wanderschuhe, wetterfeste Kleidung, Trinkwasser und Proviant sind für Touren ins Hohe Venn unerlässlich”, rät Eric Thomas. Der Wanderexperte aus Malmedy weiß um die Herausforderungen der Landschaft: „Wanderungen im Venn sind kein Sonntagsspaziergang.” Im frühen Herbst entfaltet die Natur mit dem leuchtenden rostorangen Pfeifengras sowie der Blüte des geschützten Lungenenzians und des violetten Heidekrauts eine besondere Pracht.

Von schaurigen Schicksalen aus vergangenen Zeiten zeugen die Totenkreuze im Venn: Das „Kreuz der Verlobten” am Rande des Großen Venns erinnert für immer an das Liebespaar Maria Solheid und François Reiff. Die Beiden hatten sich trotz aller Warnungen im Januar 1871 von Jalhay aus auf den Weg gemacht, um im Rathaus von Xhoffraix die Hochzeitspapiere abzuholen. Dort kamen sie nie an. Im Schneesturm verloren sie die Orientierung und erfroren jämmerlich.

Heute werden bis zu 500.000 Gäste pro Jahr im Venn gezählt. An den beiden Naturschutzzentren Ternell und Signal de Botrange - mit 694 Metern der höchste Punkt Belgiens - starten an den Wochenenden regelmäßig Touren mit Wanderführern ins Venn. Bei diesen Touren bis in die ansonsten nicht zugängliche „Schutzzone C” lernen auch Wander-Neulinge die außergewöhnliche Natur näher kennen.

Neben dem Rundweg durchs Hohe Venn hat das Büro Wallonien-Tourismus sieben weitere Strecken in einer deutschsprachigen Broschüre zusammengefasst. Die Trails in den drei wallonischen Provinzen Lüttich, Luxemburg und Namur sind zwischen 7 und 16 Kilometer lang. „Die wilde Ourthe” heißt eine der Routen. Sie führt nahe des Dorfes Nadrin über schmale, steinige Pfade an Biberbauten vorbei bis zu den Überresten einer Festung aus der Keltenzeit.

Im Jahr 2011 sollen acht weitere Rundstrecken hinzukommen, sagt Eva Claushues von Belgien-Tourismus Wallonie-Brüssel in Köln. Diese Routen haben allerdings keine eigene Wegemarkierung, sondern folgen bereits gekennzeichneten Strecken. Aktuelles Kartenmaterial der jeweiligen Region gehört daher zur Orientierung in den Wanderrucksack.

Wer ein komplettes Wander-Wochenende im Hohen Venn plant, sollte sich zuvor um eine entsprechende Unterkunft in den kleinen, blitzsauberen Dörfern am Rand des Moor- und Heidegebietes bemühen. In kleinen Landhotels und urigen Bed-and-Breakfast-Pensionen schöpfen Wanderer Kraft für den nächsten Aufstieg.

Informationen: Belgien-Tourismus Wallonie-Brüssel, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln, Tel.: 0221/27 75 90, info@belgien-tourismus.de