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Erfurt: Die Alte Synagoge von Erfurt birgt mehr als einen Schatz

Erfurt : Die Alte Synagoge von Erfurt birgt mehr als einen Schatz

Die Alte Synagoge in Erfurt ist nicht unbedingt ein Postkartenmotiv. Von der Straße aus ist das unscheinbare Gebäude gar nicht zu erkennen. Lange Zeit wusste niemand, dass es sie überhaupt noch gibt. Inzwischen ist sie zu einer Besucherattraktion geworden - zu Recht. Nicht nur, weil sie zu den ältesten Synagogen Europas zählt, sondern auch, weil sich an ihrem Beispiel so viel über die Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt erzählen lässt. Und weil in ihren Kellerräumen ein Schatz zu sehen ist, der nicht nur die überraschten Finder in Staunen versetzt hat.

Ihren Platz hat die Alte Synagoge mitten in der thüringischen Landeshauptstadt, in der Waagegasse, keine fünf Minuten von der belebten Krämerbrücke entfernt. Aber ihre Geschichte war in Vergessenheit geraten - so als hätte es sie nie gegeben. „Die Erfurter wussten nicht mehr, dass das Haus mal eine Synagoge war”, sagt Ines Beese, die Leiterin des heutigen Museums.

Erst Ende 1980er Jahre kam die Geschichte des Hauses wieder ans Licht. Das lag auch daran, dass es schon seit dem Hochmittelalter mehrfach umgebaut und für ganz andere Zwecke genutzt wurde, ab dem 19. Jahrhundert als Gastwirtschaft, 1878 kam im oberen Stockwerk ein Tanzsaal hinzu. „Noch in den 1990er Jahren gab es einen Schankraum mit Tischen, Stühlen und Garderobenständer”, erzählt Beese.

Heute werden alle Stockwerke für Ausstellungen genutzt. Die ungewöhnlichste ist im Keller und widmet sich dem Schatz, der 1998 im ehemaligen jüdischen Viertel entdeckt wurde: „Er ist weltweit einzigartig und ein Besuchermagnet”, erklärt Beese. Schon die Geschichte seiner Entdeckung hat fast etwas Märchenhaftes: Auf einer Baustelle stieß einer der Arbeiter zufällig auf eine Silberschale.

Der Archäologe, der daraufhin gerufen wurde, sicherte die weiteren Funde in zwei großen Eimern: „Der Schatz wiegt rund 28 Kilogramm”, sagt Beese. Er besteht aus 14 silberne Barren sowie Gürtelteilen und Gewandschmuck und 3141 französische Silbermünzen, die ebenfalls in der Alten Synagoge gezeigt werden.

Der Eigentümer des Grundstücks, auf dem der Schatz vergraben wurde, war ein jüdischer Kaufmann. Vermutlich wollte er seine wertvollen Besitztümer aus Angst vor dem mordenden Mob im Pogromjahr 1349 verstecken. Dass raffgierige Christen nach dem Pogrom nach solchen vergrabenen Besitztümern suchten, ist belegt. Doch in diesem Fall waren sie erfolglos.

Ines Beese ist immer noch jedes Mal begeistert, wenn sie den Schmuck ansieht: „Wie farbenfroh die Broschen sind”, sagt sie. Und dann die Ringe: „Der ein oder andere könnte auch heute beim Juwelier liegen.” Ein ganz ungewöhnlicher ist der jüdische Hochzeitsring aus 23 Gramm purem Gold. Er stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert. „Die Braut bekam ihn bei der Hochzeitszeremonie auf den Zeigefinger gesteckt”, erklärt die Museumsleiterin. Der Hochzeitsring greift Formen mittelalterlicher Architektur auf - gotische Spitzbögen etwa. „Er ist ein ganz besonderer.”

Die Synagoge selbst ist deutlich älter als der Schatz, der in ihren Kellerräumen ausgestellt ist: Eine jüdische Gemeinde gab es in der Stadt seit dem späten 11. Jahrhundert. Ihrer Geschichte widmet sich das Erdgeschoss. Ines Beese steht dort vor einer Vitrine mit Modellen, die zeigen, wie sich die Synagoge im Lauf der Jahrhunderte verändert hat.

Sie gehört zu den ältesten Gebäuden Erfurts und ist eine der wenigen erhaltenen Synagogen aus dem Mittelalter in ganz Europa. Der erste Bauphase geht auf das späte 11. Jahrhundert zurück. „So ein 900 Jahre altes Haus ist ein steinernes Geschichtsbuch”, sagt Beese. „Das ist auch das Spannende daran.” Die Stadt Erfurt will sich mit den Relikten jüdischer Geschichte aus dem Mittelalter um die Aufnahme in die Weltkulturerbeliste bewerben.

Der erste Betraum war klein, mit nur acht mal acht Meter Grundfläche. „Um 1270 hat das Haus eine zwölf Meter hohe gotische Schaufassade bekommen.” Am 21. März 1349 zogen dann mordende Christen durch das jüdische Viertel. Den Juden wurde vorgeworfen, Brunnenvergifter zu sein und damit für die Pest verantwortlich. „Die Rädelsführer, darunter ein Ratsmitglied, hatten aber auch wirtschaftliche Interessen”, erläutert Beese. „Zwischen 900 und 1000 Juden wurden umgebracht oder haben sich selbst getötet. Viele ihrer Grundstücke eignete sich der Rat an und verkaufte sie.” Auch die Alte Synagoge kam in die Hände christlicher Eigentümer und wurde zum Lagerhaus.

Fünf Jahre nach dem Pogrom gründete sich zum zweiten Mal eine jüdische Gemeinde und ließ bald eine neue Synagoge bauen. Aber das Verhältnis zwischen Juden und Christen hatte immer wieder Phasen bedrohlicher Eskalationen: Ab Mitte des 15. Jahrhunderts verließen Erfurts Juden die Stadt, mehr als 300 Jahre lang gab es danach keine Gemeinde mehr.

Ines Beese geht in den obersten Stock vor, in dem noch die Emporen erhalten sind, die zu dem Tanzsaal aus dem 19. Jahrhundert stammten. Die Ausstellung dort oben widmet sich vor allem den mittelalterlichen Handschriften der jüdischen Gemeinde in Erfurt. Gezeigt werden zwar nicht die Originale, aber Faksimiles, also Kopien, die dem Original gleichen. Zu sehen sind zum Beispiel eine Reihe von Thorarollen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, die zeigen, dass die Erfurter Gemeinde auch im Hinblick auf das religiöse Leben bedeutend war.

Die größte bekannte hebräische Bibelhandschrift überhaupt stammt aus Erfurt. Sie wiegt um 50 Kilogramm und entstand 1342. Für das Pergament, auf dem sie geschrieben wurde, hat man die Haut von rund 1100 Tieren genutzt. Die Thorarollen glänzen nicht so offensichtlich wie die Silberbecher, die französischen Münzen oder der wunderschöne Hochzeitsring - ein Schatz sind sie aber auch.

Informationen: Alte Synagoge, Waagegasse 8, 99084 Erfurt (Tel.: 0361/655 15 20). Tourist Information Thüringen, Willy-Brandt-Platz 1,

99084 Erfurt (Tel.: 0361/37 420, service@thueringen-tourismus.de) .

(dpa)