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Istanbul: Bratwürste am Bosporus - Istanbul wird Global City

Istanbul : Bratwürste am Bosporus - Istanbul wird Global City

Aus den Designerlautsprechern säuselt anschmiegsamer Bar-Jazz, nur ab und zu stört ein Blackberry-Klingeln die loungige Atmosphäre. In den Retro-Holzstühlen des Mavra Cafés lümmeln auffällig unauffällig gestylte Gäste und schlürfen Latte Macchiato. Solch ironisch-lässige Hipster-Ästhetik prägt seit langem den Alltag in Berlin-Mitte oder im New Yorker Stadtteil Williamsburg.

Inzwischen ist der Lifestyle dieser postmodernen Bohème auch in Istanbul angekommen - genauer gesagt in Galata, dem ehemaligen Genuesenviertel über dem Goldenen Horn und in Cihangir, dem Stadtteil nahe dem Verkehrsknotenpunkt Taksim.

„Die internationale Elite zieht es immer mehr nach Istanbul, besonders in die Altstadtviertel im europäischen Zentrum”, erklärt der Soziologieprofessor Kenan Cayir von der Bilgi Universität in Istanbul. „Galata und Cihangir sind zu einem reichen kulturellen Anziehungspunkt geworden, denn Istanbul wird zusehends zu einer globalen Stadt.”

Mittlerweile in der Top-Gruppe

Rankings geben ihm Recht: Laut einer Studie des Netzwerkes Globalization and World Cities Research gehörte Istanbul im Jahr 2010 zur Topgruppe sogenannter Alpha World Cities, noch sechs Jahre zuvor wurde es lediglich als Beta World City eingestuft. Mit der Rangliste werden Städte nach ihrer wirtschaftlichen Attraktivität, ihrer politischen Bedeutung und den sozialen wie kulturellen Aktivitäten bewertet.

Auch im Global Cities Index 2010 ist Istanbul vertreten: Die Studie hat 65 ausgewählte Millionenstädte auf ihre Bedeutung für den Weltmarkt, die globale Kulturproduktion und auf ihr Innovationspotenzial hin analysiert. Istanbul belegt Platz 41. Mit Potenzial nach oben: „Istanbul wird enorm bedeutend werden”, ist sich Saskia Sassen, Stadtsoziologin an der Columbia University, sicher.

So kommt es, dass statt Dönerbuden inzwischen Patisserien in Galata eröffnen, dass auf der Speisekarte des Hipster-Cafés türkische Köfte neben deutscher Bratwurst angeboten werden. Hackfleisch ist manchmal nicht nur Hackfleisch, sondern wird zum Heimatversprechen: Konsumbedürfnisse und Lebensstil wollen bedient werden.

„Mein Restaurant ist für Leute, die global fühlen. Wenn du rausgehst, bist du in Istanbul. Aber hier drinnen, hier bist du an einem internationalen Ort”, fasst Geschäftsführer Dinc Togrol das Gastronomiekonzept von Cuppa, einem Restaurant in Cihangir, zusammen. Die Hälfte seiner Gäste seien Ausländer.

So wie die 21-jährige Katharina, die mit ihrem Freund oft ins Cuppa kommt. Sie verbringt ein Austauschsemester in Istanbul, Cihangir ist ihr Lieblingsviertel. Warum? „Hier ist es hip und modern. Und es ist ruhiger als in anderen Stadtteilen.” Ein bisschen wie daheim eben.

Ein eigener Wohnungsmarkt

Inzwischen hat sich in Cihangir und Galata sogar ein eigener Wohnungsmarkt entwickelt, perfekt eingestellt auf die internationale Elite. „Rund 20 Prozent der Wohnungen hier in der Gegend werden komplett möbliert an internationale Unternehmen vermietet, deren Beschäftigte hier nur eine begrenzte Zeit verbringen”, sagt Dinc Togrol.

Cihangir und Galata waren nicht immer die internationalen „Eliteghettos” der Stadt, im Gegenteil: Vor 10 Jahren haben dort noch Transvestiten und Drogendealer gelebt. „Dann wurden die Gebäude restauriert und die Bewohnerstruktur hat sich verändert. Die türkische Mittelklasse ist gekommen, und inzwischen eben die internationale Oberschicht”, so Professor Cayir.

Die Viertel sind also Paradebeispiele für die sogenannte Gentrifizierung, die Aufwertung eines Armenviertels zum Luxustummelplatz. Der Soziologieprofessor sieht diese Veränderung aber gar nicht negativ: „Istanbul wird attraktiver für den globalen Handel, für internationale Kulturschaffende. Die Veränderung des historischen Zentrums ist da nur logisch.”