Dahab: „Bei uns ist es doch sicher”: Dahab auf dem Sinai trotzt dem Terror

Dahab : „Bei uns ist es doch sicher”: Dahab auf dem Sinai trotzt dem Terror

Direkt vor den Tischen am Wasser steigen zwei russische Taucher in die azurblaue Bucht. Auf den Liegestühlen des Strandrestaurants räkeln sich junge Ägypter. Tiefbraune Haut, Sonnenbrillen, Zigaretten. Die Sonne brennt am Nachmittag nicht mehr ganz so heiß. Eigentlich müsste sich die Corniche jetzt mit Scharen von Urlaubern aus Europa füllen, die den Badeort Dahab auf der Sinai-Halbinsel für seine Gemütlichkeit schätzen. Doch die Stadt ist weitgehend menschenleer.

Im Touristenort Taba hatte sich Mitte Februar ein Attentäter in einem Reisebus in die Luft gesprengt und dabei drei südkoreanische Urlauber sowie den ägyptischen Busfahrer getötet. Das Auswärtige Amt warnte erst nur vor Reisen nach Taba und zur israelischen Grenze. Dann verschärfte es die Warnung: Allen deutschen Urlaubern wurde dringend geraten, den Sinai zu meiden - ausdrücklich auch die Badeorte.

Für die Ägypter in Dahab, die fast ausschließlich vom Tourismus leben, war das eine Hiobsbotschaft. Umso vehementer betonen sie, dass die Gegend absolut sicher sei. Dahab war 2006 selbst Schauplatz eines Bombenanschlags mit vielen Toten. „Die Medien machen aus jedem kleinen Problem ein großes Problem”, sagt einer der Straßenhändler. Israel, Türkei, Katar, die USA - alle hätten sie Interessen auf dem Sinai. Abenteuerliche Verschwörungstheorien machen die Runde.

Von Terrorgefahr und einer angespannten Sicherheitslage wollen die Einheimischen nichts wissen. Der 16-jährige Taxifahrer gibt plötzlich vor, kein Englisch zu sprechen, als man ihn auf die neue Situation anspricht. Dabei hat er sich gerade noch einwandfrei mit seinem Fahrgast unterhalten. Der Kellner in der „Yalla Bar” am Meer erklärt die ausgesprochene Ruhe so: „Der Februar ist immer ein schlechter Monat.” Und der Herr von der lokalen Reiseleitung spricht nur von „dem Unfall”, als er in betont beiläufigem Tonfall den Anschlag in Taba erwähnt.

Wolfgang Riedlinger ist weniger diplomatisch. „Großer Mist ist das”, sagt der 68-jährige Österreicher. Am nächsten Morgen muss er seinen Urlaub abbrechen und zurück in die kalte Heimat fliegen. Sein Veranstalter hat ihm keine Wahl gelassen. „Das ist so, als ob sie dir eine Pistole auf die Brust setzen”, empört sich der Pensionär. Riedlinger ist einer der vielen Rentner, die in einem annehmlichen Hotel in Dahab überwintern, weil ihnen Scharm el Scheich zu groß und zu laut ist - zu viel Party, zu viel Suff.

Dabei war Dahab bis vor wenigen Jahren noch vorwiegend eine Anlaufstation für Alt-Hippies und Individualtouristen. Heute gibt es entlang der Küstenlinie viele große Hotelkomplexe. Die Strandpromenade an der langgezogenen Bucht im Stadtteil Masbat sieht auf den ersten Blick aus wie jede austauschbare Urlauber-Flaniermeile: Restaurants, Bars und Souvenirverkäufer reihen sich aneinander. Doch die Musik aus den Boxen versprüht noch den Vibe einer entspannteren Zeit. Viele T-Shirts in den Shops tragen das Konterfei Bob Marleys.

Am Blue Hole, dem weltberühmten Tauchspot nördlich der Stadt, fläzen sich die Schnorchler, Taucher und Nichtstuer in den Strandimbissen auf bunte Kissen. Auf einem Stuhl kann man sein Mittagessen hier fast nirgendwo einnehmen. Es gibt keine Anbindung ans Strom- und Wassernetz, Kanister und Kartons werden jeden Morgen aus der Stadt herüber gefahren. Vorbei geht es dann immer an einem der Militär-Checkpoints, die überall auf den Ein- und Ausfahrtstraßen der Städte eingerichtet wurden. Die Soldaten tragen Maschinengewehre.

Auch am Blue Hole schlummert der Tourismus nicht erst seit dem Anschlag in Taba - sondern seit mittlerweile drei Jahren. „Vor der Revolution hatte ein Restaurant wie dieses jeden Tag 100 bis 140 Gäste”, erzählt Saddam Rafat. „Jetzt sind es maximal 30 bis 40. Und manche Lokale haben gar keine Kunden.” Der 28-Jährige kommt aus Kairo, arbeitet seit vier Jahren in Dahab und hat eigentlich soziale Arbeit studiert. Er schaut mit einem gewissen Zweckoptimismus in die Zukunft. „Ich hoffe und ich denke auch, dass es besser wird”, sagt er. „Wir werden eine gute Zukunft haben, es geht Schritt für Schritt, sehr langsam.”

Wahrscheinlicher ist erst einmal ein neuer Abwärtstrend. „Die Gäste können jetzt ausbleiben”, sagt Antauriel Fuchs und zieht an einer Wasserpfeife. Der 40-jährige Deutsche arbeitet jeden Winter mehrere Monate in einer Tauchschule in Dahab. Er hat sich mit verschiedenen esoterischen Strömungen beschäftigt und sieht zehn Jahre jünger aus, als es sein Alter verrät. Zu Taba sagt er nur: „Das ist schon blöd in einer Zeit, in der es sowieso schon schwierig ist.” Beim Thema Tauchen kommt er dagegen ins Erzählen. Das Blue Hole sei aufregend, mystisch. „Wenn ich hineinschaue, ist das Blau wie ein Magnet, es zieht mich nach unten.” Abreisen wird er natürlich nicht.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Urlauber schnell wieder Vertrauen fassen, wenn die Lage erst einmal eine Weile ruhig geblieben ist. Im Hotel stellen weitere Gäste ihre Koffer vor die Rezeption, weil sie nach Hause müssen. Den Warnungen des Auswärtigen Amtes haben sich schnell andere europäische Außenämter angeschlossen. Im Foyer sitzen Österreicher, Niederländer und Schweizer.

Die meisten sind nicht glücklich darüber, ihren Urlaub abbrechen zu müssen oder nach Hurghada gebracht zu werden. Manche haben Verständnis. Resolute Russen am Nebentisch erklären, natürlich hierzubleiben und just soeben für das kommende Jahr gebucht zu haben. Wolfgang Riedlinger setzt sich abends an die Hotelbar. Er will sich „einen Hut aufsetzen”, wie er sagt. Das heißt so viel wie: ordentlich einen trinken. Zum Abschied. Nächsten Winter wird er wohl wiederkommen.

(dpa)
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