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Sankt Vith: Auf der Spur von Kohle und Stahl: Grenzenlos Radeln auf der Vennbahn

Sankt Vith : Auf der Spur von Kohle und Stahl: Grenzenlos Radeln auf der Vennbahn

Michael Josef Merten war ein weitsichtiger Mann: 1885 baut er am Bahnhof des kleinen Örtchens Lammersdorf seinen „Gasthof zur Eisenbahn” mit heizbaren Zimmern für Fremde. Und Gäste kamen tatsächlich zu Merten in das Eifeldorf, lobten die gute Luft und die schöne Landschaft. Die Dampfzüge der Vennbahn brachten sie von Aachen hinauf zu den Eifelhöhen, mehr als 500 Meter hoch.

Schon bald ratterten auch Züge mit Steinkohle aus dem Aachener Revier über den Gleisstrang. Sie fuhren weiter in Richtung Troisvierges in Luxemburg. Bis dato abgelegene kleine Städte in Ostbelgien - etwa Sankt Vith, Weywertz und Waimes - entwickelten sich zu wichtigen Eisenbahnstationen. Das ist Vergangenheit: Zwei Weltkriege und der wirtschaftliche Niedergang von Kohle und Stahl bedeuteten 1989 das endgültige Aus für die Bahntrasse.

Die 285 Meter lange Brücke ist das Wahrzeichen von Born. Schon mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 hatte das Bauwerk ausgedient.
Die 285 Meter lange Brücke ist das Wahrzeichen von Born. Schon mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 hatte das Bauwerk ausgedient. Foto: Bernd F. Meier

Heute kommen Reisende mit dem Fahrrad nach Lammersdorf, wenn sie auf der Route der alten Vennbahn unterwegs sind. Sie führt durch drei Länder und abwechslungsreiche Landschaften - von den Eifelhöhen über das einsame Hohe Venn bis zu grünen Flusstälern im Südosten Belgiens. Seit dem Frühjahr 2013 ist die Verbindung zwischen Aachen und Troisvierges durchgehend befahrbar. Die überwiegend asphaltierte Radwanderstrecke ist 125 Kilometer lang.

An dem blauen Pfeil erkennen Radfahrer die Vennbahn-Route.
An dem blauen Pfeil erkennen Radfahrer die Vennbahn-Route. Foto: Bernd F. Meier

„Es gibt ein Leben nach der Eisenbahn”, sagt Gilbert Perrin, 75, aus Brüssel und freut sich. Der pensionierte Fernsehproduzent gilt als einer der Väter der Radroute. Er begann ab dem Jahr 2000 mit der Planung der Strecke und überzeugte Lokal- und Landespolitiker von dem Projekt. Abschnitt für Abschnitt entstand die autofreie Verbindung. Perrin erinnert sich: „Es war wie ein Puzzle, das zusammengefügt wurde und heute die Vennbahn-Route durch drei Länder ergibt.”

Grün und saftig sind die Niederungen im Osten Belgiens - ein kleiner Traum für Radtouristen.
Grün und saftig sind die Niederungen im Osten Belgiens - ein kleiner Traum für Radtouristen. Foto: Bernd F. Meier

Der Kurzfilm „Vennbahn — A path of transmission“ („Vennbahn — ein Weg der Generationen“) von eastbelgium.com fasst die Seele der Strecke zu einem emotionsgeladenen Epos zusammen.

Sind wir noch in Deutschland oder bereits in Belgien? Gleich elfmal wechselt der Radweg auf nur 35 Kilometern bei Raeren, Roetgen und Konzen zwischen den beiden Ländern - Radeln ohne Grenzen hinauf in die Eifel. Zwei Prozent beträgt die durchschnittliche Steigung der Route. Der stetige Anstieg wird besonders bequem per E-Bike überwunden. 19 Verleihstationen gibt es an der Strecke.

Er gilt als Vater der Vennbahnroute: Gilbert Perrin aus Brüssel.
Er gilt als Vater der Vennbahnroute: Gilbert Perrin aus Brüssel. Foto: Bernd F. Meier

In drei Tagesetappen zwischen 49 und 32 Kilometern sind die meisten Radwanderer auf der Vennbahntrasse unterwegs: Aachen-Monschau, Monschau-Sankt Vith und Sankt Vith-Troisvierges. „Doch wer mehr von der Landschaft und den Orten erfahren möchte, der sollte eine Woche einplanen”, rät Dany Heck, Vennbahn-Projektleiter bei der Tourismusagentur Ostbelgien.

Ob nun der Abstecher in das idyllische Monschau oder ab Reichenstein zum imposanten Kreuz im Venn auf dem Richelsley-Felsen - links und rechts der Route gibt es viel zu entdecken. Info-Tafeln entlang der Strecke erzählen von der Geschichte der Region. Etwa von Mützenich, dem „sündigen Dorf” an der deutsch-belgischen Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte hier der Schmuggel: An die 1000 Tonnen Kaffee sollen am Zoll vorbei nach Deutschland gebracht worden sein.

Die Ruhe an der Rur genießen Radwanderer zwischen Kalterherberg und Sourbrodt, im Frühjahr blühen die seltenen Wildnarzissen in den Flussauen. Etwa 8000 Jahre alt ist die karge Moorlandschaft des Hohen Venn, eines der größten Hochmoore in Europa. In dem Naturreservat haben sich Sonnentau und Siebenstern, Beinbrech und Glockenheide angesiedelt. Waldschnepfen, Nachtschwalben und das gefährdete Braunkehlchen brüten entlang der Bahnstrecke.

Zeugen der Vergangenheit finden sich überall an der Route: Alte Stellwerke, die in Sourbrodt vor sich hinrosten. Drehscheiben, auf denen keine Lokomotive mehr gewendet wird. Das Brückenbauwerk von Born, 285 Meter lang und 18 Meter hoch, das schon 1945 ausgedient hatte - ein düsteres Relikt zweier Weltkriege, in denen die Eisenbahn Soldaten an die Front fuhr.

Von Burg-Reuland aus lohnt der Abstecher durch das stille, grüne Ourtal zum Europadenkmal in Ouren. Dort treffen Belgien, Deutschland und Luxemburg aufeinander - in einem mittlerweile friedlichen Europa.

(dpa)