Dublin: Am Bloomsday feiern Literaturfans James Joyce

Dublin: Am Bloomsday feiern Literaturfans James Joyce

Fahrradklingeln schellen durch Dublin. Die Radfahrer sind gekleidet, wie es vor hundert Jahren modern war - genauer gesagt, im Jahr 1904. Es ist das Jahr, in dem der Roman „Ulysses” von James Joyce (1882-1941) spielt und noch Fahrräder das Straßenbild prägten.

Die Fans des irischen Schriftstellers feiern alljährlich am 16. Juni den „Bloomsday”: Ein Feiertag, benannt nach den Romanhelden Leopold Bloom, der in Ulysses auf tausend Seiten einen einzigen Tag erlebt, den 16. Juni 1904.

„Der Bloomsday ist wohl der einzige Feiertag weltweit, der einem Roman gewidmet ist”, sagt Marc Gallagher, Professor für irische Kultur am Dubliner Institute of Technology. Und das zu Recht, denn Ulysses, veröffentlicht 1922, sei eines der besten fiktiven Bücher in englischer Sprache. Anders hat es zuvor bereits der Literaturnobelpreisträger Thomas Stearns Eliot formuliert: „Es ist das Buch, dem wir alle verpflichtet sind und dem sich keiner von uns entziehen kann.”

Gallagher gibt allerdings zu bedenken, dass sich die meisten Iren wohl doch dem dicken Wälzer entziehen: „Ich kenne vielleicht fünf, die Ulysses tatsächlich komplett gelesen haben.” Das Buch zu lesen sei, als schwimme man in einem See voller gewichtiger Wörter und komplexer Ideen - „was über 1000 Seiten sehr anstrengt”.

Joyce gibt in dem Roman Eindrücke, Halbgedanken und Assoziationen wieder und hat mit dieser Technik der Darstellung des „Bewusstseinsstroms” großen Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts.

Die Dubliner Literaturstudentin Mary OBrien hat kein Problem mit dem sperrigen Meisterwerk: „Ich habe alle Bücher von Joyce gelesen und ich mag seinen Schreibstil sehr. Ulysses ist mein Lieblingsbuch.” Joyce schreibe spannend und witzig. Natürlich gebe es im Ulysses viele veraltete Worte, da sich Poesie mit der irischen Schrift- und Umgangssprache von vor hundert Jahren mische. Doch für englische Muttersprachler sei das Buch nicht besonders schwer zu verstehen, meint OBrien.

Zum einen ist der Roman die Beschreibung eines einzigen Tags, den Leopold Bloom in Dublin erlebt - angelehnt an die Odyssee von Homer.

Jedes der 18 Kapitel entspricht einem Handlungsabschnitt der Odyssee. Der Leser kriegt einen tiefen Einblick in das Innenleben Blooms und auch in die Dubliner Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zum anderen darf das Buch aber auch als philosophisches Werk über das Leben verstanden werden.

Auf den Spuren des Leopold Bloom gibt es für die radelnden Joycianer am Bloomsday beispielsweise ein Sandwich mit Gorgonzola und dazu ein Glas Burgunder im Pub von Davy Byrne in der Duke Street. Wonach es zur irischen Nationalbibliothek gehen mag, um in einer alten Zeitungsausgabe eine Anzeige nachzuschlagen. In den Pubs wird eifrig mit anderen Literaturfans über die Philosophie des Buchs diskutiert. „Von Pub zu Pub geht es da”, erzählt die Irin Camilla Elan.

Nur fünf Jahre nach Veröffentlichung des Meisterwerkes, 1927, begaben sich die ersten Fans auf literarische Pilgerreise nach Dublin. Viele Touristen kommen seither jährlich angereist. Die Iren sind stolz auf diesen literarischen Welterfolg - obwohl Joyce im Alter von 22 Jahren seine Heimat für immer verlassen und den Roman im Exil verfasst hatte.

„Ich werde den Dingen nicht dienen, an die ich nicht glauben kann. Ob sie sich als meine Heimat, mein Vaterland oder als meine Kirche bezeichnen”, schrieb Joyce über seine Abreise. Er wollte in seiner Kunst und Lebensart frei sein, wandte sich insbesondere von der katholischen Kirche ab. Trotzdem konnte er sein geliebtes Dublin nie vergessen und verewigte es im Ulysses. Zumal er kurz vor seiner Abreise aus Irland am 14. Juni 1904 zum ersten Mal seine spätere Frau in der Nassaustreet in Dublin traf: Nora Barnacle.

Joyce bat sie um ein Treffen am 15. Juni. Nora sagte zu, erschien aber nicht. Eine erneute Verabredung gelang am 16. Juni. Es ist wahrscheinlich der Tag ihres ersten Kusses.

Noras Charakter spiegelt sich klar in der literarischen Figur der Molly Bloom, Leopold Blooms Frau. Und dies sind nicht die einzigen biografischen Züge Joyce in seinem Hauptwerk: Wie Bloom brachte auch Joyce seine Familie mehr schlecht als recht über die Runden, unter anderem als Englischlehrer.

Das Faszinierendste des Buches sei für ihn die Stelle, in der es ausschließlich um die wunderbar wortgewaltige Beschreibung von Wasser gehe, sagt Gallagher. Diese habe sogar einmal seinen Unterricht gerettet, erzählt der Professor: „Als ich eine aufgeblasene Führungskraft in Englisch unterrichtete, behauptete der Mann, er brauche meine Unterweisung nicht. Sein Englisch sei gut genug. Da kopierte ich ihm die Wasser-Seite und der Mann revidierte seine Äußerung.”

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