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Luskentyre/Tarbert: Äußere Hebriden in Schottland: Raue Felsen und sattgrüne Weiden

Luskentyre/Tarbert : Äußere Hebriden in Schottland: Raue Felsen und sattgrüne Weiden

Die Landschaft ist von karger Schönheit, stets weht der Wind, und die Wolken verheißen selten Gutes: Dennoch lohnt sich die langwierige Anreise zu den Äußeren Hebriden vor der schottischen Westküste. Auch, weil aus Harris und Lewis der feinste Tweed der Welt kommt.

Die Maschine schießt die Fadenspulen unablässig hin und her. Ein dunkles Grün wird diese Stoffrolle dominieren, eingewebt sind goldene, rote und blaue Fäden, die ein dezentes Karo ergeben.

 Karge Schönheit: Die Äußeren Hebriden liegen ganz im Nordwesten von Schottland.
Karge Schönheit: Die Äußeren Hebriden liegen ganz im Nordwesten von Schottland. Foto: Scottish Viewpoint

Donald John McKay sitzt auf einem Vorsprung an der Wand seiner Arbeitsscheune und tritt abwechselnd auf die beiden Pedale des Webstuhls - dabei verfolgen seine grünen Augen hochkonzentriert den Lauf der Fäden. McKay ist einer der bekanntesten Tweed-Hersteller auf der schottischen Insel Harris. Für seine Verdienste um den kernigen Wollstoff wurde der 61-Jährige von der britischen Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben.

Einsame Strände: Auf den Äußeren Hebriden wohnen nur sehr wenige Menschen.
Einsame Strände: Auf den Äußeren Hebriden wohnen nur sehr wenige Menschen. Foto: Verena Wolff

Wie so viele Menschen auf dieser Inselgruppe der Äußeren Hebriden, die westlich vor Schottland liegt, ist McKay eher wortkarg. Er macht halt, was er macht. Und das macht er schon seit 43 Jahren. Gelernt hat er das Weben von seinem Vater. Nichts Besonderes sei der Tweed, sagt er. „Früher gab es ja nichts auf den Inseln als Schafe. Und die Menschen mussten etwas anziehen.”

Also haben sie die Schafe geschoren, die Wolle gefärbt und daraus einen festen Stoff gewebt. „Der wärmt, er hält zu einem gewissen Grad den Regen ab und ist sehr strapazierfähig.” All diese Attribute brauchen Kleider, die man auf den Hebriden trägt: Es ist auch im Sommer nur selten warm, der Wind treibt die Wolken in schneller Folge am Himmel entlang - Regentropfen können jederzeit fallen.

Der Stoff von der Insel Harris ist für seine hervorragende Qualität bekannt: Modeschöpfer kaufen hier ein, Schneider und Kilt-Hersteller aus den großen schottischen Städten. Dabei waren die Tweedweber schon mehrfach kurz vor dem Aussterben. „Eine gewisse Lady Dunmore hat die Industrie im vorletzten Jahrhundert so richtig in Schwung gebracht”, erzählt McKay. Ihrem Mann gehörten die Inseln, die Lady lebte dort und kümmerte sich sehr um die Bewohner. Bei Reisen trug sie Tweed - und machte den Stoff in der britischen Oberschicht bekannt. Die Weber in Harris hatten Arbeit.

Auch in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sah es schlecht aus für den Stoff, den heute nicht nur Jagdgesellschaften und englische Lords zu schätzen wissen. „Tweed war aus der Mode geraten”, sagt McKay. Inzwischen ist die Nachfrage wieder groß - nun allerdings fehlt der Nachwuchs: „Wir könnten gut junge Weber brauchen, aber von ihnen gibt es nur sehr wenige auf der Insel.”

Der Tweed wird traditionell in Heimarbeit hergestellt - und manchmal kommen die Kunden sogar von ganz weit her. „Vor zehn Jahren bekam ich eine E-Mail aus Oregon”, sagt Weber McKay. Nike wollte Retro-Turnschuhe mit Tweedeinsatz auflegen - und brauchte 950 Meter in acht Wochen. Unmöglich für das Ein-Mann-Unternehmen. Doch: Die Weber kennen sich, auch wenn viele allein arbeiten. „Ich habe also um Hilfe gebeten, und in zwei Monaten war der Stoff fertig.”

McKay stellt das rohe Gewebe her - für die weiteren Verarbeitungsschritte hat er keinen Platz in seinem Arbeitshäuschen. „Ich kaufe das Garn fertig eingefärbt und verarbeite es.” Nach dem Weben gibt er den Stoff, der dann ein Yard, gut 90 Zentimeter, breit ist, an eine der Mills auf der Insel. „Dort wird der Stoff gewaschen, dabei wird er leicht verfilzt und weicher”, sagt er. Die meisten Stoffe stellt er für seine verschiedenen Auftraggeber her, einige verkauft er direkt in Luskentyre, an der westlichen Küste von Harris.

Früher färbten die Weber ihre Wolle selbst, mit Farben, die sie aus Pflanzen gewannen. „So machte es auch meine Mutter noch bis vor ein paar Jahren”, sagt Catherine Campbell. Sie verkauft heute in Tarbert und in einem kleinen Örtchen ein paar Meilen entfernt alles, was aus Tweed hergestellt wird: von Sakkos und Blazern über Mützen, Kappen, Handtaschen bis zum Geldbeutel oder Hüllen für sämtliche moderne Büroelektronik.

Und sie hat ein kleines Museum eingerichtet, in dem sie unter anderem den alten Webstuhl ausstellt, an dem ihre Mutter einst den Tweed machte. Fotos, Filme und Dokumente zeugen vom harten Leben der Menschen auf Harris und von dem langen Prozess, in dem sie Schafswolle zur Meterware verarbeitet haben.

Das Autofahren in Lewis und Harris ist ein echtes Erlebnis - nicht nur, weil die Straßen gerade so breit sind, dass genau ein Auto darauf passt. Es geht unablässig bergauf und bergab, immer wieder kreuzen Schafe oder schauen die haarigen Hochland-Rinder interessiert Richtung Autofahrer.

Die Aussicht rechts und links des Weges ist von karger Schönheit: Die Felsen sind von Wind und Wetter zerklüftet und teils regelrecht poliert. Die Steinlandschaften wechseln sich mit Seen und sattgrünen Weiden ab, die die Schafe immer sehr gepflegt aussehen lassen. Im Sommer kommt eine Vielfalt an Wildblumen hinzu, die in allen Farben strahlen, wenn die Sonne durch die Wolken blitzt. Möglich macht das der spezielle Boden, Machair nennen ihn die Schotten.

„Ich liebe die Pflanzen, die darauf wachsen, vor allem das lila Heidekraut”, sagt Linda Sutherland. Sie kennt sich aus mit den Düften der Insel, denn sie stellt in Breasclete auf der Insel Lewis Seifen nach traditionellen Rezepten her. Machair in einem satten Pink, Hebridean Mint oder Velvet Antlers - sehr natürlich riechen die Produkte, die die ehemalige Computerspezialistin in ihrem traditionellen Inselhaus produziert und die einige der Hotels auf den Inseln in den Bädern liegen haben.

„Seit ich das erste Mal hier war, wollte ich auf den Hebriden leben”, sagt die große Frau mit den krausen Haaren. „Hier kann ich mit meinem Hund stundenlang am Strand spazieren gehen und treffe keinen einzigen Menschen.”

Allerdings: „Man muss mit dem Inselleben klarkommen”, sagt Bill Lawson, ein pensionierter Professor aus England, der das Seallam, ein Informationszentrum in Northton leitet. „Im Winter ist es nur ein paar Stunden hell, dafür wird es im Sommer nicht dunkel. Es regnet häufig, und es gibt deutlich mehr Schafe als Menschen.” Und Wind. In allen Stärken und zu jeder Jahreszeit: „Mancher Zugezogene beschwert sich über die vielen Stürme. Da sagen wir nur: Wenn man sich nicht dagegen lehnen muss, ist es auch kein Wind.” Doch es wird nur selten richtig kalt auf den Hebrideninseln.

„Wir sind umgeben vom Golfstrom, und der sorgt für recht milde Temperaturen.” Und dafür, dass es sowohl an der Ost- als auch an der Westküste von Harris und Lewis breite Strände gibt, wie sie in der Karibik nicht schöner sind. „Das Wasser hat alle Schattierungen von Blau und Grün - je nach Wetter, je nach Tageszeit ändert sich das.”

Ein Problem allerdings haben die Insulaner: Sie werden immer weniger und immer älter. „Die Jungen können hier nicht wohnen, denn sie finden keine Arbeit”, sagt Lawson. Inzwischen wohnen auf ganz Harris nur noch etwa 1600 Menschen. Und sogar die Schafe sind deutlich weniger als noch vor ein paar Jahrzehnten. „Die Leute können sich nicht mehr um große Herden kümmern und durch die neuen EU-Subventionen lohnt es sich auch nicht mehr.”

Ein paar Zuwanderer vom Schlage Linda Sutherlands kommen - und sie bleiben. Denn ihnen gefällt das Inselleben, das nicht nach der Uhr funktioniert, sondern in erster Linie vom Wetter bestimmt wird. Doch nicht nur über Klima und Einsamkeit sollte sich ein jeder klar sein, der länger auf den Äußeren Hebriden bleiben will. Sondern auch darüber, dass Englisch hier für viele nur Amtssprache ist. Untereinander spricht man Gälisch.

(dpa)