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Roanoke/Rodanthe: Abheben und abtauchen: North Carolinas Outer Banks

Roanoke/Rodanthe : Abheben und abtauchen: North Carolinas Outer Banks

Darrell Collins ist noch immer fasziniert von dem, was die zwei Brüder aus Dayton in Ohio vor mehr als 100 Jahren in der unwirtlichen Landschaft vor der Küste North Carolinas geschafft haben.

„Die Wright-Brüder hatten eine Idee - und sie haben nicht locker gelassen, bis sie sie verwirklicht haben”, sagt der Mann in der grün-beigefarbenen Uniform eines Park Rangers.

Ein Museum steht heute an der Stelle, an der Orville und Wilbur 1903 zum ersten Mal zu einem Flug abhoben, der länger dauerte als ein paar Sekunden und mit der Hilfe eines Motors zustande kam. „Das war damals eine Sensation”, sagt der Historiker Collins, der sich bereits seit Jahrzehnten mit den fliegenden Brüdern beschäftigt und als Ranger sein Wissen an die jährlich 500.000 Besucher weitergibt, die das Wright Memorial in Kill Devil Hills auf den Outer Banks besuchen.

Lange hatten die beiden Fahrrad-Ingenieure nach einem Ort gesucht, an dem es weite Sandstrände gab, Wind und Ebenen. Der Wetterdienst erstellte ihnen eine Liste, nach der Chicago der am besten geeignete Platz für ihre Experimente war - des Windes am Michigansee wegen. Doch Chicago war schon stark bevölkert, also kein geeigneter Ort für Testflüge. Die Brüder sichteten also ihre Liste genauer und entschieden sich, auf die Outer Banks zu reisen, die schmale Atlantik-Inselkette vor der Ostküste der USA, die erst seit ein paar Jahrzehnten richtig erschlossen ist und vor North Carolina liegt wie Sylt vor Nordfriesland. Dort fanden die Tüftler genau, was sie suchten.

Sie bauten sich ein kleine Bude aus Holz, in der sie sich - geschützt vor Sonne, Mücken und dem für sie so wichtigen Wind - einrichteten. Zu sehen ist ein Nachbau heute auf dem Areal des Museums, wo Orville am 17. Dezember 1903 erstmals flog. Wie genau die Wrights ihre Flugmaschine konstruierten, darüber gibt es Auskunft an zwei Orten: dem Museum in Kill Devil Hills und dem weltbekannten „Air und Space Museum” in der US-Hauptstadt Washington.

Die langen und breiten Sandstrände ziehen auch Touristen aus aller Welt zum Badeurlaub an. Denn auf den Outer Banks gibt es alles, was zu einem Strandurlaub gehört: Sonne, Meer, kilometerlange weiße Strände, schmucke Orte, Geschichte, Geschichten, ein bisschen Kultur und allerlei Möglichkeiten, sich auszutoben - Surfen und Segeln, Kajakfahren, Reiten und Radeln, Schwimmen und Fliegen zum Beispiel.

Besonders beliebt ist „Hanggliding” - der Flug mit einem Drachen von einer Sanddüne. „First in Flight” steht auf den Autoschildern des Staates North Carolina. „Jeder Besucher, der auf den Pfaden der Wright-Brüder wandelt, fühlt sich als Pionier am Himmel”, sagt Fluglehrer John, der seinen Schülern den Traum vom Fliegen erfüllt. „Die meisten heben nur wenige Sekunden ab und landen dann wieder im weichen, warmen Sand.”

Genügend Platz für die ersten Flugversuche ist jedenfalls vorhanden: Von Nord nach Süd erstrecken sich die Outer Banks auf etwa 80 Meilen, also mehr als 128 Kilometer. Auf der Ostseite liegt der Atlantik, auf der Westseite der schmalen „Barrier Islands” erstrecken sich die Sounds. Die Region gehört zu den ältesten von Europäern besiedelten Amerikas. Currituck County, der nördliche Kreis der Banks, wurde etwa schon 1668 erwähnt - keine 50 Jahre zuvor hatten die Pilgerväter im heutigen Neuengland eine neue Heimat gefunden.

Eine britische Kolonie hatte es schon Jahrzehnte früher gegeben. Was aus den mehr als 100 Briten geworden ist, die bereits Ende des 16. Jahrhunderts den Atlantik querten, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Über diese sogenannte verlorene Kolonie hat der einheimische Autor Paul Green sogar ein preisgekröntes Musical geschrieben: „The Lost Colony” wird jeden Sommer unter freiem Himmel in Roanoke aufgeführt.

Der italienische Entdecker Giovanni di Verrazzano war bereits 1524 am Pamlico Sound gelandet - hielt die heutigen Outer Banks aber fälschlicherweise für eine Landenge, die Atlantik und Pazifik teilt. Rund 60 Jahre später schickte Sir Walter Raleigh ein Schiff, das tatsächlich in Roanoke landete. Weitere 40 englische Schiffe gingen in den folgenden Jahren vor Anker, im Jahr 1587 gründeten die Siedler ihre kleine Kolonie. Als deren Gouverneur John White nach England zurückkehrte, um Proviant und weitere Siedler zu holen, verschwanden die Kolonie-Bewohner.

Richtig besiedelt sind die Outer Banks erst seit rund 30 Jahren. Nur wenige tausend Menschen leben das ganze Jahr über in der Region, deren nördliches Ende noch immer nicht komplett erschlossen ist. Doch so wollen es die Einwohner. Denn nördlich des Städtchens Corolla gibt es eine ganz besondere Attraktion: Eine riesige Herde wilder Pferde, die in den Dünen leben und sich Abenteuerlustigen zeigen, die sich mit einem Allrad-Auto in den Sand vorwagen. „Man muss schon genau wissen, wo man hinfährt”, sagt James Easily, der verschiedenen Touren in diese Wildnis leitet.

Noch Jahrhunderte nach der ersten Besiedlung ist die Küste vor North Carolina für viele ein mysteriöser Ort. Vor allem Schiffskapitäne fürchteten lange Zeit den Weg dorthin. „Wegen der Winde und der Sandbänke ist die Küste gefährlich”, erklärt James Charlet, ein kleiner Mann mit Kugelbauch und wirrem Bart, der die historische Station der Küstenwache mit dem schwierigen Namen Chicamacomico leitet. Entlang der Outer Banks liegen mehr als 1000 Schiffswracks auf dem Meeresgrund. „Es gibt Touristen, die nur zum Wracktauchen nach North Carolina kommen.”

Der Atlantik ist flach, und die Strömungen und Winde tun ein Übriges, um den Sand unter Wasser ständig in Bewegung zu halten. Läuft ein Schiff während eines Sturms auf Grund, zerschellt es leicht in den dann riesigen Wellen. „Weil das Wasser vor Cape Hatteras so gefährlich war, ist von hier aus der Life Guard Service entstanden, der so manchen verunglückten Seemann rettete”, erzählt Charlet. Heute ist die frühere Rettungsstation ein Museum, in dem das schwierige Leben der ersten Lifeguards nachgestellt wird.

Doch der kleine Ort Rodanthe war nicht nur Schauplatz zahlreicher Rettungsaktionen, sondern auch Drehort der Hollywood-Romanze „Nights in Rodanthe”. James Charlet war wie die meisten Einwohner Statist - und froh, als der Trubel vorbei war. „Das Team aus Hollywood fiel hier ein - und dann sah man alle immer warten”, erinnert er sich. Hauptdarsteller Richard Gere wartete, Hauptdarstellerin Diane Lane wartete - auf die richtige Einstellung, auf das Licht, auf Anweisungen. „Ich fand das spannend”, sagt Charlet - aber öfter als einmal brauche er diese Erfahrung nicht.

Die Menschen auf den Outer Banks sind geerdet, viele von ihnen seit Generationen Fischer. Das sagt auch Renee Cahoon, Bürgermeisterin der Gemeinde Nags Head. Universitätsabschlüsse zählten hier lange nicht so viel wie an anderen Orten Amerikas - sehr wohl aber Moral und Werte. North Carolina ist eben ein Südstaat, und da wird auf Herzlichkeit, Höflichkeit und die Pflege alter Traditionen geachtet. Auch das Geschichtenerzählen gehört dazu, was auf den Outer Banks jeder kann: echte und gesponnene, spannende und mysteriöse.

Outer Banks

Reiseziel: Die Outer Banks in North Carolina sind über die Wright Memorial Bridge (U.S. Route 158) zu erreichen oder per Fähre vom Süden aus. Nördlich von Corolla gibt es keine Straßen, zu den Häusern in den Dünen kommt man dort nur mit einem Allrad-Fahrzeug über den Strand. Hatteras Island und Ocracoke im Süden sind durch Fährverbindungen erschlossen.

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften fliegen von den großen deutschen Flughäfen aus nach Washington. Von dort gelangt man mit dem Auto in fünf Stunden auf die Outer Banks oder nimmt zunächst noch einen Anschlussflug zu einem Flughafen in Virginia oder North Carolina.

Klima und Reiseziel: Die Outer Banks liegen etwa auf dem Breitengrad Marokkos: Im Sommer ist es sehr warm, im Winter fällt die Temperatur selten unter den Gefrierpunkt. Die Küste North Carolinas gehört zu den von Hurrikans bedrohten Gebieten, im Winter wüten mitunter zerstörerische Nordoststürme (NorEasters). Die schönsten Reisezeiten sind das Frühjahr und der Herbst, wenn die Strände noch nicht zu voll sind und die Luft nicht zu schwül.

Unterkunft und Währung: Hotels findet man auf den Outer Banks weniger als eine Handvoll. Inns sowie idyllisch gelegene Bed & Breakfasts geben den Ton an, weit verbreitet sind zudem Ferienwohnungen und luxuriös ausgestattete Häuser, die es wochenweise zu mieten gibt. Für einen Euro gibt es 1,35 Dollar (Stand: April 2010).