Supernormal: Ein Gegenentwurf zur individualisierten Gesellschaft

Supernormal : Ein Gegenentwurf zur individualisierten Gesellschaft

Individualität und Selbstverwirklichung spielen in unserer Gesellschaft heute eine wichtige Rolle. Die Normalität ist bei all den Superlativen fast schon zur Seltenheit geworden und stellt somit beinahe selbst etwas Besonderes und Außergewöhnliches dar.

Das „Normale“, „Alltägliche“ strahlt dabei Ruhe und Kontinuität aus. Eigenschaften, die in hektischen Zeiten durchaus gefragt sind. Was steckt hinter dem Konzept des Supernormalen?


Was ist heute (noch) normal? Der Begriff der „gesellschaftlichen Normalität“ ist schwer zu fassen. Was ist eigentlich normal in einer Gesellschaft, die sich im ständigen Wandel befindet? Die durch Multikulturalität, Toleranz und Offenheit geprägt ist? In der alles möglich scheint und in der jeder sich selbst immer wieder neu erfinden kann?

Greifbarer wird das Konzept der Normalität beim Blick auf den Durchschnitt. Das Statistische Bundesamt hat in seinem Jahrbuch 2018 aktuelle Daten zum Durchschnittsdeutschen zusammen gestellt.

Normal sind demnach 1,6 Kinder. Bei der Geburt des ersten Kindes ist die Mutter beinahe 30 Jahre alt. Um seine Unkosten zu decken, geht der Durchschnittsdeutsche täglich rund sieben Stunden arbeiten. Zweieinhalb Stunden verbringt er zur Entspannung vor dem Fernseher. Zum Lesen gönnt er sich eine gute Stunde. Mit Essen verbringt er gewöhnlich eine Stunde und 40 Minuten.

All das ist Normalität in Deutschland.

Lange Zeit galt es als nicht sonderlich erstrebenswert, normal zu sein. Bloß nicht werden wie die eigenen Eltern, nicht spießig und langweilig sein. "Normalität" klang nach drögem Alltag und piefiger Kleinstadt, nach Otto-Normalverbraucher und fehlender Individualität.

Wachsende Komplexität

Wir leben heute in einer globalisierten, pluralistischen Welt, in der die Digitalisierung immer mehr Einzug hält. Das verbreitert die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Es bedeutet aber auch die Verantwortung, gute Entscheidungen zu treffen. Schließlich ist es - zumindest in der westlichen Welt - kaum noch möglich, einengenden gesellschaftlichen Konventionen oder den Eltern die Schuld zu geben, wenn es mit dem Lebensglück nicht klappt.

Die sozialen Medien machen es Menschen leicht, sich zu inszenieren und gleichzeitig immer wieder neu zu erfinden.

Eigentlich heißt Individualität: Jeder Mensch kann sein, wie er möchte. Er kann sich frei entfalten, vorausgesetzt, er schränkt die Freiheit und Rechte anderer dabei nicht ein. Aber mit genau dieser Vielfalt an Freiheiten zur persönlichen Lebensgestaltung fühlen sich insbesondere junge Menschen überfordert.

· Freie Berufswahl: Fester Arbeitsplatz, Home-Office oder Geld verdienen als digitaler Nomade? Heutzutage geht alles, wenn die Bildung stimmt. Dabei konkurrieren Schulabgänger allerdings nicht mehr nur mit anderen deutschen Jugendlichen um einen Studienplatz oder begehrte Jobs. Ihre Konkurrenz sind mehrsprachige, exzellent ausgebildete junge Frauen und Männer aus Polen, China oder Indien. Ein Studium innerhalb der Regelstudienzeit zu absolvieren reicht für eine erfolgreiche Karriere kaum noch aus. Mindestens ein Auslandsaufenthalt und Praktika gelten als Muss für einen schnellen Berufseinstieg und eine erfolgreiche Karriere.

· Freie Wahl des Wohnorts: Das sogenannte Freizügigkeitsgesetz macht es möglich, überall in der EU zu wohnen und zu arbeiten. Auswandern? Nichts leichter als das: Eine spezielle Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis ist dazu nicht notwendig. Niemand muss in seinem 300-Seelen-Dorf im Allgäu bleiben, wenn er sich nach dem pulsierenden Leben in London, Stockholm oder Paris sehnt.

· Freie Wahl des Stylings: Influencer dominieren die sozialen Medien. Sie zeigen, was heutzutage an Make-up und Mode weltweit angesagt ist. Sie sind Vorbilder ganzer Generationen. Punk, Hipster, Hippie? Möglich ist alles.

· Freie Wahl der Partnerschaft: Dank Online Dating haben sich die Möglichkeiten, einen passenden Partner zu finden, vermillionenfacht. War die Partnersuche früher auf das direkte Umfeld eines Dorfes, einer Stadt oder Region begrenzt, stehen heutzutage prinzipiell Menschen aus der gesamten Welt für eine Beziehung zur Verfügung. Angesichts der Vielfalt fällt es immer mehr Singles schwer, sich dauerhaft auf einen Menschen einzulassen. Denn vielleicht lässt sich doch noch jemand finden, der noch idealer, besser, schöner, interessanter und aufregender ist.

· Freie Wahl des Wohnstils: Leben wie in Japan? Kein Problem: Möbel und Dekorationen können weltweit verschickt werden.

· Freie Wahl des Glaubens: Über 500 religiöse Gemeinschaften, Agnostizismus und Atheismus stehen zur Verfügung. Jeder kann sich dafür entscheiden, was gefällt oder den (derzeitigen) Interessen und Überzeugungen am nächsten kommt.

· Freie Wahl der Ernährung: Paleo, vegetarisch, vegan, Low Carb? Die Frage, wie gesunde Ernährung aussehen sollte, ist heutzutage beinahe selbst zur Religion geworden.

Außergewöhnliches wird zur Normalität

All das führt zu einem hektischen Lebensstil, bei dem sich jeder Einzelne abrackert, um tagtäglich top?gestylt, schlank, fit und durchtrainiert zu sein (und das mit Fotos in Social Media minutiös zu dokumentieren), auf der Karriereleiter in Rekordzeit nach oben zu kommen, die Freizeit mit möglichst Instagram-tauglichen, coolen Aktivitäten zu füllen und sich so einen Platz in der internetaffinen Peergroup zu erkämpfen. Und sei es auch nur durch den Kauf des neuesten technischen Schnickschnacks oder durch die Hinwendung zur aktuellsten Trend-Diät.

Gerade junge Menschen suchen nach Orientierung bei Trendsettern und Influencern. Dadurch verwandeln sie sich wieder in ein Herdentier und traben brav mit der Masse mit. Von ihren Eltern, Großeltern und Nachbarn mögen sie sich in Sachen Outfit und Freizeitgestaltung unterscheiden. Aber nicht in der Gruppe der Gleichaltrigen. Im Großen und Ganzen werden sie einfach Teil einer neuen Gemeinschaft. Damit wird der Zwang zum Außergewöhnlich-Sein ihre neue Normalität und Lebensrealität.

Ein paar Beispiele:

· Das Hipster-Phänomen wurde von einer Randerscheinung zum Mainstream. Auf einmal sahen alle gleich aus: dicke Brillen, Hipster-Bärte, Tattoos.

· Tätowierungen: Früher waren sie Zeichen für Häftlinge oder Matrosen. Heute ist es kaum noch möglich, Menschen zu begegnen, die nicht tätowiert sind.

· Schönheitsoperationen und Botoxbehandlungen? Zählen heute ebenfalls zum Alltag.

· Die Begeisterung für mediale Fankulturen galt bis in die frühen 1990er Jahre hinein als selten und seltsam. Star Trek Fans mit angeklebten Spock-Ohren und "Schlafanzug"-Uniformen waren eine belächelte Skurrilität. Inzwischen zählt das Verkleiden als Film- und TV-Stars zum Mainstream. Cosplayer (Costume Player) tummeln sich auf jeder Buchmesse oder Science Fiction & Fantasy Convention.

Das einst Verrückte, Außergewöhnliche und Bemerkenswerte ist längst zum belanglosen Alltag geworden. Subkulturen prägen in vielen Großstädten das Stadtbild. Wer tatsächlich auffallen und "anders" sein möchte, muss sich heutzutage wirklich etwas einfallen lassen. Sich immer wieder selbst übertrumpfen.

Total normal

Supernormal als Gestaltungsprinzip

In nahezu allen Lebensbereichen lässt sich die Hinwendung zum Einfachen und Funktionalen beobachten. Auch der Online Versandhändler Amazon hat die Zeichen der Zeit erkannt: Mit seiner Produktlinie Amazon Basics holt er die Verbraucher ab, die nichts Anderes suchen als alltägliche Gegenstände wie Kabel, Bettwäsche oder Staubsauger, die tun, was sie sollen. Ohne Extras. Ohne Überflüssiges.

In den USA beschreibt "The new normality" eine moderne Ästhetik, die Funktionalität und Bezahlbarkeit vereint. Im Vordergrund steht praktische Schlichtheit statt Extravaganz.

Auch in Europa fasst das Konzept immer mehr Fuß. So lobt etwa Stararchitekt und Designer Matteo Thun das Normale und setzt bei der Kreation seiner Holzhäuser (City of Wood) vor allem auf Finanzierbarkeit. Low Tech statt High Tech ist seine Devise. Er entwirft Häuser aus einem umweltfreundlichen Rohstoff: Holz. Wichtiger als Extravaganz sind für ihn Nachhaltigkeit und Energieeffizienz.

Erfolg des Supernormalen

Es handelt sich bei dem Trend zur Normalität also nicht etwa um ein deutsches Phänomen. Weltweit ist die Hinwendung zum Einfachen, Normalen, Alltäglichen zu beobachten.

Normal als Marketingkonzept

Deutsche Städte versuchen, durch Slogans die Besonderheit ihrer Stadt in den Mittelpunkt zu rücken. Was dabei herauskommt, ist häufig ein Mix aus nichtssagenden Phrasen. Claims wie "München mag dich" oder "Bochum macht jung" sagen letztendlich überhaupt nichts dazu, was die beiden Städte von anderen unterscheidet.

Eine andere beliebte Strategie besteht darin, das Image der Stadt mit Lobliedern auf den Fortschritt aufzuwerten. Dazu zählen:

· "Sei Stadt, sei Wandel, sei Berlin",

· "Bielefeld bewegt" oder auch

· "Chemnitz - Stadt der Moderne".

Die rund 50.000 Einwohner zählende Stadt Elmshorn wählt bewusst einen anderen Weg. Statt mit anderen Städten zu wetteifern, rückt der neue Slogan das Normale in den Vordergrund: "Elmshorn. Supernormal." Die schleswig-holsteinische Stadt ist damit die einzige, die ihre Alltäglichkeit betont und damit das Gewöhnliche zur Marke macht.

Die Elmshorner selbst zeigen sich zwiegespalten. Nicht alle sind davon überzeugt, dass das Konzept aufgeht. Elmshorns Wirtschaftsförderer Thomas Becken plant für 2019 einen Kongress zum Thema "Normalität", um das Positive stärker in den Vordergrund zu holen und den noch skeptischen Elmshornern das immense Potenzial ihres neuen Slogans bewusst zu machen.

Denn das Normale ist inzwischen zu etwas Besonderem und Erstrebenswertem geworden. Normal bedeutet Entschleunigung, Entspannung, Ruhe, Sicherheit, Gemütlichkeit. Kurz: ein gutes Leben.

Modetrend Normcore

Mode hat immer auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Die Kleidung spiegelt das eigene Denken wider. Dementsprechend findet die Sehnsucht nach Normalität und Einfachheit ihren Niederschlag in der Bekleidung. "Normcore" heißt der neue Look. Die Wortneuschöpfung der New Yorker Trendagentur K-Hole setzt sich aus den beiden englischen Wörtern "normal" und "hardcore" zusammen.

Anhänger dieser Bewegung tragen Kleidung, die bewusst ohne knallige, auffällige Farben und körperbetonte, moderne Schnitte auskommt. Stattdessen ist unauffällige, lässig sitzende Kleidung angesagt. Die meisten Normcore-Fans tragen No-Name-Produkte: ausgewaschene Jeans mit Löchern, Hoodies, Basecap, Turnschuhe. Hauptsache funktional. Die Kleidung ist einfach, unisex und unaufgeregt. Typisch weibliche und männliche Accessoires oder geschlechtsspezifische Kleidungsstücke wie Blusen oder Krawatten gehören nicht dazu.

Ironischerweise werden Träger des Normcore-Looks damit selbst zu Trendsettern. Und die Normalität zum neuen Statussymbol. Berühmte Vorreiter gibt es ebenfalls. Der charismatische Apple-Gründer Steve Jobs war bekannt für seinen zurückhaltenden Look: Pulli, Jeans, Turnschuhe. Er überließ das Rampenlicht einzig und allein seinen Produkten. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zeigt sich in Jeans, Rollkragenpulli und Sneakers.

Normcore-Mode gibt es inzwischen sogar von internationalen Mainstream-Herstellern. Dazu gehört laut dem Modejournalisten Jeroen van Rooijen unter anderem das Label Jack & Jones. Was früher absolute No-Gos waren, etwa das Tragen von Jogging-Kleidung während der Arbeit, ist längst im Alltag angekommen. Latzhosen galten früher als typische Arbeitskleidung. Heute sind auch sie Teil des lässigen Freizeitlooks. Selbst die Arbeitswelt hat der neue Trend ein Stück weit bereits erobert: Immer häufiger werden gemütliche Sneakers zu Anzügen kombiniert. Die Beispiele zeigen, wie sich hier die Grenzen des "Normalen" verschieben. Der Modetrend Normcore geht dabei noch einen Schritt weiter und erhebt das Bescheiden-Durchschnittliche zum angesagten Look.

Normal - nicht minimalistisch

Zwar wenden sich sowohl die Anhänger des Normalen als auch die Anhänger des Minimalismus bewusst vom Mainstream ab. Dennoch sind die Bewegungen vollkommen unterschiedlich:

Minimalismus versteht sich als Gegenentwurf zum Leben im Überfluss. Ein minimalistisches Leben zeichnet sich durch bewussten Konsumverzicht aus, frei nach dem Motto "Weniger ist mehr". Erlebnisse und Erfahrungen zählen mehr als materieller Besitz. Die Anhänger wollen Ressourcen schonen, die Umwelt nicht unnötig belasten und nachhaltig leben. Für sie steht das Leben und Erleben im Mittelpunkt. Daran lassen sie die Öffentlichkeit gern teilhaben. Sie stehen als Botschafter ihrer Überzeugung im Rampenlicht und informieren als Influencer über die vegane Ernährung oder geben Yoga-Kurse.

An dieser Stelle wird deutlich, warum Normcore nicht mit Minimalismus verwechselt werden darf: Anhänger des Normalen treten aus dem Rampenlicht, nicht in das Rampenlicht. Ihnen geht es darum, eben nicht die Scheinwerfer auf sich gerichtet zu wissen. Sie wollen kein Vorbild, kein Vorreiter und kein Influencer sein.

Wunsch nach Normalität

An dieser Stelle folgt ein kleiner Ausflug in die Welt der Werbung:

"Du Horst, ich kenn da ein Mädchen aus meiner Klasse, und der Vater von der hat sein eigenes Haus, wo jeder sein eigenes Zimmer hat!"

"Sind doch Spießer!"

Dieser kurze Austausch zwischen einem obdachlosen Punk-Papa und seiner kleinen Tochter machte den LBS-Werbespot berühmt. Das einzige Ziel des Mädchens: Auch ein Spießer werden und ein Dach über dem Kopf haben. Normal sein eben. So wie die anderen Kinder in ihrer Klasse. Für ihren Vater mag der Ausstieg und das unsichere Leben in der Punk Community das Richtige sein. Sie hat andere Träume.

Das Normale als das Vertraute

Dauernd Kontra geben, gesellschaftlich anecken, sich ständig verändern, entwickeln und über sich hinauswachsen kostet Kraft und erfordert Mut. Nicht jeder schafft es, seine Komfortzone zu überschreiten, neue Wege zu gehen und dabei auch noch Erfolg zu haben.

Die Frage ist: Muss das denn überhaupt sein? Schließlich geht es doch vor allem darum, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Was ist mit den stillen, introvertierten, schüchternen Menschen, die es sich vielleicht nicht zutrauen, im Ausland zu studieren oder ein eigenes Business zu eröffnen? Mit denen, die ein Bedürfnis nach Sicherheit haben? Die sich einfach nur einen lieben Partner wünschen, der nicht aussehen muss wie ein durchtrainierter Filmstar. Die nicht mit Rucksack und Kamera um die Welt reisen müssen, sondern am liebsten im Harz wandern gehen. Die gute alte Hausmannskost mögen und nicht auf den neuesten Superfood-Trend aufspringen.