Von Höchstleistungen und Pulsoximetern

Leistungssport : Von Höchstleistungen und Pulsoximetern

„Pulsoxymetrie“ - was sich beim ersten Lesen hochkompliziert, wenn nicht gar irgendwie gefährlich anhört, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als etwas sehr Einleuchtendes: Es geht schlichtweg um die Messung des Blutsauerstoffgehaltes. Bei bestimmten Leistungssportlern und Medizinern gehört die Pulsoxymetrie in den Bereich absoluter Alltagsroutine. Aber können auch Freizeitsportler damit etwas Sinnvolles anfangen?

Der Freizeitsport ist ein Terrain voller Ambivalenzen. Einerseits dient er vielen zur Entspannung und Ablenkung vom entfremdeten Arbeitsalltag, soll gar Spaß bereiten und soziale Kontakte ermöglichen; andererseits kann er jedoch selbst arbeitsförmig werden - so, wenn Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler etwa anfangen, mit ihrem Sport Sinndefizite zu kompensieren, die für viele die immer noch stark fremdbestimmte Arbeitsroutine notwendig mit sich bringt. Ist Zweiteres der Fall, geht es nicht mehr um Spaß, sondern um pure Leistung, und damit auch um Leistungssteigerung.

Gadgets immer wichtiger für private Leistungsoptimierung

Die Leistungssteigerung im freizeitsportlichen Bereich ist vor allem in solchen Sportarten wie Marathonlaufen, Triathlon oder im Radsport hoch virulent. „Besser werden“ ist dabei die Maxime vieler Trainierenden - und zwar in jedweder Hinsicht; manch einer möchte durch seinen Sport gar zu einem besseren Menschen avancieren; »also sprach Zarathustra« möchte man da fast - zugegebenermaßen nicht ohne ein Augenzwinkern - entgegnen. Jedenfalls ist es nur logisch, dass Leistungsoptimierung nicht ohne ein rigides System der Selbstüberwachung möglich ist. Mehr noch: Wohlwollend stellen die Sportlerinnen und Sportler ihre Diszipliniertheit heute zur Schau, indem sie Smartwatches, Fitnesstracker und andere Accessoires nicht nur bei der sportlichen Aktivität, sondern auch im Alltag sichtlich stolz an sich tragen. Nachdem Generationen zuvor noch versucht haben, á la Jack Kerouac und Konsorten sich selbst zu verwirklichen sowie im Modus der Dauerreflexion und begleitet von hedonistischen Ritualen nach dem Sinn des Lebens zu tasten, scheint die Selbstdisziplin wieder salonfähig zu werden - oder es gar bereits geworden zu sein. Nach Jahren der Sinnsuche verschieben sich die Schwerpunkte sukzessive zugunsten von Körperfettmessungen, „brutal strenght and power workouts“, Chiasamen und Protein-Shakes sowie last but not least: auch zugunsten der Pulsoxymetrie.

Pulsoxymetrie im Freizeitsport?

Die Pulsoxymetire bezeichnet ein Verfahren zur Messung der Sauerstoffsättigung im Blut. In der Medizin ist die Pulsoxymetrie als nicht invasives Verfahren schon seit Längerem routiniert. Genauer gesagt, seit den 1980er Jahren. Zuvor konnte der Blutsauerstoffgehalt nur mittels Blutentnahme festgestellt werden - oft viel zu spät, um den Patienten noch helfen zu können. Das Problem: Einen Sauerstoffmangel sieht man Menschen erst an, wenn es bereits fast zu spät ist, sprich, wenn eine sogenannte „Zyanose“ eintritt. Dabei färben sich Haut und Schleimhäute blau. Mit einem Pulsoximeter, den man mittlerweile im Handel frei erwerben kann, lässt sich eine zu geringe Sauerstoffsättigung (in der Regel unter 93 %) dagegen viel eher registrieren. Diese Geräte sind klein und handlich und werden zur Messung für gewöhnlich einfach an den Finger geklippt.

Wie es schließlich ja auch bei der Puls-, Gewichts- und Körperfettmessung der Fall war, ist die Pulsoxymetrie nun aus dem medizinischen Bereich in den freizeitsportlichen gleichsam übergeschwappt. Der Markt wächst, wie der Fachmann so schön zu sagen pflegt. Allein, so fragt es sich, wie sinnvoll ist ihr Einsatz im Freizeitsport?

Klar ist, dass Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen, die ihre Atmung beeinflussen können oder Patienten mit anderweitigen Atembeschwerden und Lungenproblemen definitiv Pulsoximeter beim Sport einsetzen sollten, um nicht in den Sauerstoffmangel hineinzurutschen. Aber auch Sportlerinnen und Sportler, die sich in alpinen Welten bewegen und in größeren Höhen (ca. ab 2.000 m) trainieren, dürften mit Pulsoximetern etwas Sinnvolles anfangen können, da sie so ihren Trainingszustand kontrollieren und während des Trainings zudem der Gefahr eines unbemerkten Sauerstoffmangels vorbeugen könnten. Insofern setzen auch Sportflieger die Pulsoxymetrie regelmäßig ein. Für Freizeitsportler wie etwa Läuferinnen und Läufer könnten Pulsoximeter indes vor allem zur Kontrolle des Pulses sinnvoll sein; in die Gefahr eines Sauerstoffmangels kommen sie dagegen in der Regel nicht - es sei denn, wie gesagt, sie trainieren im Gebirge oder haben etwaige Vorerkrankungen. Die Frage ist deshalb, ob es sich dann für solche Sportler überhaupt wirklich lohnt, sich einen Pulsoximeter zuzulegen, wenn doch zur reinen Pulsmessung es alternative Spezialgeräte gibt.

(vo)
Mehr von Aachener Nachrichten