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Regensburg: Verstecken hilft nicht: Stottern in den Griff bekommen

Regensburg : Verstecken hilft nicht: Stottern in den Griff bekommen

Ein Telefonat mit einer fremden Person zu führen, das war für Albert Hendlmeier jahrelang undenkbar. „Da hätte mein Herz zu stark gepumpert. Ich hätte einfach nicht abgehoben”, erinnert er sich an die Aufregung. Albert Hendlmeier war gerade einmal sechs Jahre alt, als er zu stottern begann.

Über Nacht war sein Redefluss gehemmt. „Die Ärzte haben gemeint, das vergeht schon wieder. Aber es ist mir halt leider geblieben”, erinnert sich der heute 72-Jährige.

Der Regensburger ist nicht allein. Auch Rowan Atkinson, besser bekannt als Mister Bean, und Bruce Willis haben in früheren Jahren gestottert. Insgesamt sind laut Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. rund ein Prozent der Weltbevölkerung Stotterer. In Deutschland sind circa 800 000 Menschen davon betroffen. Am Weltstottertag am 22. Oktober machen Organisationen darauf aufmerksam, mit welchen Schwierigkeiten diese Menschen zu kämpfen haben.

Sprechen ist eine komplexe Angelegenheit. Binnen Sekundenbruchteilen müssen Atmung, Stimmgebung und Artikulation koordiniert werden. „Bei Stotterern ist das Zusammenspiel einzelner Vorgänge im Gehirn während des Sprechens gestört”, erklärt Ulrike Genglawski von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe. Was genau den Sprechfluss stört, ist noch nicht endgültig erforscht.

Wissenschaftler gehen aber von einer erblichen Disposition als Ursache aus. „Nicht jeder, der diese Disposition in sich trägt, ist zwingend Stotterer. Bei dem einen bricht es aus, bei dem anderen nicht”, sagt Genglawski.

Wie Albert Hendlmeier hat die Mehrheit der Stotterer seit ihrer Kindheit Probleme mit dem Sprachfluss. Bei mehr als 80 Prozent verschwindet das Phänomen laut Genglawski während der Pubertät wieder. Fachärzte sind ratlos, welche Gegebenheiten dazu führen, dass manche ihr Leben lang davon betroffen sind.

Viele Jahre seines Lebens stand Albert Hendlmeier sein gehemmter Redefluss im Weg. Er litt unter Sprechangst, wollte mit allen Mitteln vermeiden, ins Stottern zu geraten. Für den gelernten Schlosser war der einfachste Weg, ungewohnte Sprechsituation zu vermeiden: „Damit ja niemand merkt, dass ich stottere.” Schließlich konnte sein Gegenüber häufig nicht damit umgehen. Laut Genglawski von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe ist die Sprachvermeidung ein häufig auftretendes Phänomen bei erwachsenen Stotterern. Im schlimmsten Fall kann es zum Rückzug in die eigenen vier Wände und zur Vereinsamung kommen.

Die meisten Betroffenen schaffen es wie Albert Hendlmeier, ihr Stottern weitgehend in den Griff zu bekommen. Vielen hilft eine Therapie. Eine von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe anerkannte Methode ist das „Fluency Shaping”. Dabei werden spezielle Sprechtechniken gelehrt, die dabei helfen, das Auftreten von unflüssigem Sprechen zu verhindern. Stotterer lernen, am Anfang eines Wortes die Stimme weich einzusetzen, Vokale zu dehnen und ihre Atmung zu kontrollieren.

Anja Fuhrmann hat im Jahr 2010 diese Therapie am Institut der Kasseler Stottertherapie absolviert. Mit Erfolg: Heute spricht sie nahezu stotterfrei, arbeitet als Marketingspezialistin am Institut und gibt selbst Therapiestunden. „Mich hat der Austausch mit anderen Betroffenen enorm gestärkt und mein Selbstbewusstsein aufgebaut”, sagt sie rückblickend.

Die Therapie ist sehr zeitaufwendig, gibt Fuhrmann zu bedenken. Nach einer zehntägigen Intensivtherapie, bei der der Klient täglich drei bis sechs Stunden in Einzeltherapiesitzungen mit dem weichen Stimmeinsatz vertraut gemacht wird, folgen über zehn Monate verteilt Einzel- und Gruppensitzungen. Um mehr Stotterer zu erreichen, bietet das Kasseler Institut auch eine Teletherapie aus der Ferne an. „Je nach Disziplin und Einsatz der Patienten können die meisten nach rund einem Jahr nahezu stotterfrei sprechen”, erklärt Anja Fuhrmann.

Bei Albert Hendlmeier hat eine Therapie Anfang der 90er Jahre nicht gefruchtet. Erst durch den Austausch mit anderen Stotterern in einer Selbsthilfegruppe hat er neues Selbstbewusstsein geschöpft und das Sprechen in den Griff bekommen. Heute weiß er: „Verstecken hilft nichts. Je mehr ich spreche, desto besser werde ich.”

Von ihrem Umfeld erwarten Stotterer vor allem eines: Verständnis. Auf keinen Fall sollte man Stotterern ins Wort fallen, mit gut gemeinten Ratschlägen wie „Tief durchatmen” nur noch mehr Druck aufbauen oder gar den Blickkontakt meiden. „Für das Gespräch mit Stotterern gelten die gleichen Regeln wie für jedes andere höfliche Gespräch”, so Genglawski. Alles andere verunsichert die Betroffenen nur noch mehr.

(dpa)