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Münster: Tränen und Lachen: Stimmungsschwankungen bei Schwangeren

Münster : Tränen und Lachen: Stimmungsschwankungen bei Schwangeren

Im einen Moment zu Tode betrübt und im nächsten schon wieder himmelhoch jauchzend: Bei schwangeren Frauen schwanken die Gefühle häufig unkontrolliert von einem Extrem ins Andere.

„Stimmungsveränderungen sind während der Schwangerschaft nicht selten”, sagt die Psychiaterin Anette Kersting von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster. „Das liegt zum einen an den hormonellen Veränderungen, zum anderen aber auch an der aktuellen, sich durch die Geburt stark verändernden Lebenssituation.” Studien zufolge zeigten sogar bis zu 70 Prozent der Schwangeren zumindest zeitweise depressive Symptome.

Der Frauenarzt Christian Albring aus Hannover kennt diese seelischen Veränderungen aus seiner langjährigen Erfahrung mit Schwangeren sehr gut. „Es gibt natürlich keine allgemeingültige Aussage, wonach jede Frau so und so viel Wochen unter bestimmten Symptomen leidet”, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Während die eine Schwangere während der gesamten neun Monate kaum größere Stimmungsschwankungen hat, leidet eine andere möglicherweise wochenlang unter dem emotionalen Auf und Ab.

Die Hormone spielen dabei eine wichtige Rolle. „Gerade in den ersten Schwangerschaftswochen müssen daher besonders viele Frauen Stimmungsschwankungen ertragen”, erklärt Albring. Ursache ist, dass sich die Hormonproduktion im Körper umstellt. „Normalerweise produzieren die Eierstöcke Hormone wie Östrogen und Progesteron, doch mit einer Schwangerschaft übernimmt der Mutterkuchen nach und nach diese Funktion, bis er in dieser Hinsicht von etwa dem fünften Monat an die Eierstöcke ersetzt.”

Das bedeutet für den Körper, dass er in den ersten rund vier Schwangerschaftsmonaten plötzlich zwei Organe hat, die Hormone produzieren - und das nicht so fein abgestimmt, wie die Eierstöcke es bisher allein taten. „Abhängig von der Veranlagung jeder einzelnen Frau können dann schon kleinste Hormonschwankungen zu unerwarteten Gefühlsausbrüchen führen”, sagt Albring. Daher kann dieser veränderte Hormonhaushalt so unterschiedliche Gefühle wie Gereiztheit, Glück, Antriebslosigkeit und Aufgedrehtheit zur Folge haben.

Hinzu kommt laut Psychiaterin Kersting, dass der gesellschaftliche Druck sehr groß sei, wonach sich Schwangere stets auf ihr Kind freuen und überbordende Liebe empfinden müssten. „Es gibt aber auch werdende Mütter, die nicht nur strahlen können”, sagt Kersting, die auch das Referat für geschlechtsspezifische Fragen von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin leitet. „Dann aber erhöhen diese Erwartungen an sie ihr Unwohlsein nur noch und verstärken Stimmungsschwankungen möglicherweise.”

Während die wechselhaften Gefühle in den meisten Fällen nach einigen Wochen wieder abklingen und sich durch Gespräche mit Freunden oder der Familie lindern lassen, sind die Stimmungsschwankungen manchmal auch Anzeichen für schwerwiegende Krankheiten.

„Die Intensität und Dauer der wechselhaften Gefühle entscheidet, ob vielleicht eine Depression oder Psychose vorliegt”, sagt Kersting. Das kennt auch Frauenarzt Albring. „In einigen Fällen kann je nach Schweregrad eine Behandlung bei einem Psychologen oder Psychiater erforderlich werden.”

Auch die sogenannte Schwangerschaftsamnesie sollte von einem Facharzt behandelt werden. Darunter versteht man Gedächtnislücken von schwangeren Frauen, die sich gar nicht an ihre Schwangerschaft oder zumindest nur an Teile davon erinnern können. „Diese Amnesien sind Verdrängungsmechanismen, um traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit wie der Kindheit zu vergessen”, erklärt die Fachreferentin der Techniker Krankenkasse in Hamburg, Nicole Knaack.

Sie zählen also nicht, wie häufig von Laien angenommen, zu den seelischen Folgen der Schwangerschaft und werden auch nicht durch Hormonschwankungen ausgelöst. „Stattdessen führen diese Ausblendungen dazu, dass eine Situation aus der Vergangenheit - wie beispielsweise sexueller Missbrauch - die Frau nicht mehr belastet, weil sie sich nicht an sie erinnert.” So schützt die Schwangere laut Knaack nicht nur sich, sondern auch ihr Ungeborenes, indem sie sich nicht zu großem emotionalen Stress aussetzt.

Auch ein Wunschkind schützt nicht vor Zweifel

Die Stimmungsschwankungen bei Schwangeren können auch psychosoziale Ursachen haben, sagt Anette Kersting von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster. „Schwanger sein heißt ja, dass man bald ein Kind bekommt und das verändert das eigene Leben und die eigene Identität erheblich, inklusive der Partnerschaft und der Situation an der Arbeitsstelle.” Folglich machen sich Schwangere Gedanken, wie die Geburt verlaufen wird, wie sie mit dem Neugeborenen zurechtkommen und welche Folgen das für die Partnerschaft hat. „Zweifel können immer kommen, man kann auch mal mit einem Wunschkind im Bauch unsicher sein”, so Kersting.