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Kiel/Wedel: Selfness und Mindness sollen die Psyche stärken

Kiel/Wedel : Selfness und Mindness sollen die Psyche stärken

Gehirnjogging, Sudoku, positives Denken: Die aktuellen Trends auf dem Wellnessmarkt sind eher geistiger Natur. Nach der Sport- und Fitnesswelle besinnen sich viele Menschen wieder mehr auf innere Werte. Mit neuartigen Begriffen wie „Selfness” und „Mindness” wirbt die Branche um Kundschaft.

Doch im Grunde geht es um Altbekanntes: Den Geist und die Seele auf Vordermann bringen und so das Leben wieder in die richtigen Bahnen lenken.

Der Trend, sich neben einem schönen Körper auch um eine gesunde Seele und Psyche zu bemühen, kommt wie andere Wellness-Trends auch aus den USA nach Deutschland. Die Menschen stellten fest, dass bloße Konzentration auf den Körper auf Dauer zu kurz greift, erklärt die Psychologin Julia Scharnhorst aus Wedel bei Hamburg. „Körperorientierte Wellness macht nur kurzfristig glücklich. Die Menschen wollen sich zunehmend nicht mehr nur fit und entspannt fühlen, sondern auch den Sinn im Leben entdecken.” Dabei begreifen sie, dass für ein glückliches Leben auch eine gewisse geistige Fitness nötig sei. Dies zeige sich im großen Erfolg zahlreicher Gehirnjogging-Spiele und dem Aufsehen um das Zahlenrätsel Sudoku.

Die neuen Begriffe allerdings, mit denen dieser Trend belegt werde, seien bloße Umbenennungen schon lange etablierter Konzepte. „Früher hießen die hinter Begriffen wie "Selfness" und "Mindness" stehenden Ideen "positives Denken" oder auch "Work-Life-Balance". Die neuen Namen sollen lediglich interessant machen, letztendlich stecken ökonomische Interessen hinter dieser Umbenennung”, erläutert Scharnhorst.

Der Trendforscher Matthias Horx aus Wien beschrieb bereits im Jahr 2003 den an Geist und Seele orientierten Trend auf dem Wellnessmarkt mit dem Begriff „Selfness”. „Bei Selfness geht es um Selbstkompetenz: die Fähigkeit, sich selbst zu betrachten, zu beurteilen und zu verändern”, sagt Horx heute. Diese Fähigkeit sei in der Zukunft die entscheidende Lebensqualifikation: In der Wissensgesellschaft komme es nicht mehr darauf an, Kommandos zu befolgen oder immer nur diszipliniert zu sein. Es gehe um die Fähigkeit, das eigene Leben in seinen vielen Wandlungen zu gestalten und in den Griff zu bekommen.

Im Gegensatz zu Wellness, bei der man sich hauptsächlich körperlich verwöhnen lässt, gehe es bei Selfness eher um eine langfristige Veränderung der Selbstwahrnehmung und Lebenseinstellung. „Wellness basiert auf "Entspannungskultur" - man wollte es sich eben einmal "well" gehen lassen.” Ein Selfness-Urlaub hingegen zeige dem Gast auch etwas über sich selbst und lasse ihn verändert zurückkehren. „Selfness beginnt dort, wo man das eigene Leben gestalterisch in die Hand nimmt”, sagt Horx.

Mindness sei nur ein Unterbegriff von Selfness. Er bezeichne die Bewusstseins-Aspekte des Konzepts. „Man kann das auch als "Mentale Achtsamkeit" übersetzen”, erläutert der Trendforscher. Um Selfness und Mindness entstehe derzeit ein riesiges Feld an Coachings, Therapien, Trainingsangeboten und Ratgebern.

„Die Menschen, die ich in meinen Life-Coachings berate, sind mit bestimmten Bereichen in ihrem Leben nicht zufrieden. Viele stellen sich auch die Frage nach dem Sinn ihres Lebens”, erklärt Volker Warnke, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in Kiel. In seinem Institut bietet er Life-Coachings an, die auch nach den Ideen von Selfness arbeiten. So unterstütze er seine Klienten bei der Suche nach persönlichen Lebenszielen und helfe ihnen, diese zu erreichen.

„In meinen Coachings macht man sich eigene negative, blockierende Glaubenssätze bewusst. Man erkennt oft nicht, wie man sich selbst manipuliert. Dazu braucht es meist ein aufmerksames Gegenüber”, sagt er. Im Sinne von Selfness überwinde der Klient durch das Coaching seine Blockaden und könne so persönliche Ziele erreichen.

Geistige und seelische Weiterentwicklung ist in jedem Alter und Lebensabschnitt möglich. Gerade wenn Menschen sich an wichtigen Wendepunkten befinden, sei die Nachfrage nach Unterstützung zur Veränderung besonders groß, erklärt die Psychologin Julia Scharnhorst. „Es gibt bestimmte Zeiten, in denen man sich fragt, wie das Leben weitergehen soll. Dabei kann es sich etwa um den Eintritt in die Rente oder auch um eine berufliche Krise handeln. Gerade dann macht eine Selfness-Beratung Sinn.”

Volker Warnke sieht das Bedürfnis nach Lebensberatung besonders bei Personen, die beruflich verantwortungsvolle Positionen einnehmen. „Die Herausforderungen an diese Menschen sind so komplex, dass sie allein kaum noch zu bewältigen sind”, sagt der Psychotherapeut.

Sich in einem Wellnessurlaub körperlich zu entspannen und gleichzeitig sein seelisches Gleichgewicht zu finden - das ist laut Julia Scharnhorst durchaus gleichzeitig möglich. „In einem Wellnessurlaub besteht ein gewisser Abstand zum Alltag. Da hat man Zeit für innere Einkehr und die Beschäftigung mit Sinnfragen”, sagt sie. Auf dem Wellnessmarkt gebe es sogar schon einige Angebote, die sowohl die körperliche als auch die seelische Ebene ansprechen.

Bei Angeboten zu Selfness und Mindness sollten Interessenten besonders auf die Qualifikation der beratenden Personen im Wellness-Hotel achten. In diesem Segment seien oft auch Quereinsteiger ohne die nötige Ausbildung tätig, warnt die Psychologin Julia Scharnhorst aus Wedel bei Hamburg. Da es bei diesen Coachings um die zentralen Fragen des Lebens gehe, sei es aber sehr wichtig, dass eine ausgebildete Fachkraft die Beratung leitet. „So eine Beratung kann auch schiefgehen. Der Klient kann nachher etwa in eine Depression verfallen, wenn er sein ganzes bisheriges Leben infrage stellt.”