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Aachen: Onkel Doktor ist noch nicht der Lotse

Aachen : Onkel Doktor ist noch nicht der Lotse

Hört sich eigentlich ziemlich normal an: Wenn mir was wehtut, gehe ich erst einmal zum Hausarzt. Der kennt mich und weiß, wann er mich zu welchem Facharzt überweisen muss.

Da das aber für viele Patienten doch nicht so normal ist und sie lieber gleich den Facharzt konsultieren, will die Bundesregierung den „Hausarzt als Lotsen” im Gesundheitssystem durchsetzen. Der kommt aber noch nicht so gut an, ergaben jetzt gleich zwei Studien. Das kann aber auch an diesen Studien und an bestimmten Interessen liegen.

Patienten in Hausarztmodellen fühlen sich von ihren Ärzten nicht besser versorgt als Patienten, die nicht daran teilnehmen, also in der Regelversorgung bleiben. Auch sei die Anzahl der Facharztbesuche und damit die Zahl unnötiger Doppeluntersuchungen nicht verringert worden. Damit seien die Hausarzt-Programme bislang weitgehend wirkungslos geblieben. Das ist, kurz gesagt, das Ergebnis einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung.

Zum vergleichbaren Resultat kommt eine Studie des Aqua-Instituts für angewandte Qualitätsforschung im Gesundheitswesen. Mit statistischer Genauigkeit ermittelte das Institut, dass es bislang - untersucht wurden aber nur die Jahre 2005 und 2006 - eher geringfügige Unterschiede zwischen der Regelversorgung und den Hausarzt-Modellen gibt und diese zudem teilweise noch nicht wirtschaftlich seien.

Kostensenkung durch Vermeidung unnötiger Doppeluntersuchungen und Krankenhauseinweisungen ist aber mit der Qualitätsverbesserung das zweite wesentliche Ziel der „hausarztzentrierten Versorgung”.

Hört man sich bei Ärzten in der Region um, kommt man zu eher positiven Einschätzungen. „Ich habe nicht den Eindruck, dass das Hausarztmodell wirkungslos ist. Die Behandlungen können wesentlich besser koordiniert werden”, sagt die Herzogenrather Ärztin Dr. Irmgard Gollwitzer.

„Viel besser als früher”

„Dass wir jetzt auf jeden Fall Untersuchungsberichte von den Fachärzten bekommen, ist viel besser als früher. Vorher wusste oft keiner was vom anderen. Und ich kann meine Patienten nun auch fragen: Was wollen Sie denn beim Radiologen?”, so der Aachener Allgemeinmediziner Michael Weigand von der Gemeinschaftspraxis Trierer Straße. Dort sind 60 Prozent der Patienten in einem der verschiedenen Hausarzt-Modelle eingeschrieben. „Die Lotsenfunktion ist aber noch so erreicht, wie man sich das vorgestellt hat.”

Dass es je nach Krankenkasse verschiedene Modelle gibt, macht die Angelegenheit zumindest für die Arztpraxen nicht leichter. Im Kern unterscheiden sich die von den Kassen angebotenen Modelle aber nicht. Dafür, dass sie sich zur (freiwilligen) Teilnahme verpflichten und damit - für jeweils ein Jahr - auf das Recht der freien Arztwahl verzichten, wird den Patienten die Praxisgebühr ganz oder zum größten Teil erlassen. Das ist übrigens vermutlich der wichtigste Grund für viele Patienten, gerade bei Familien, überhaupt mitzumachen.

Keine Sanktionen

Viele nehmen - ob notwendig oder nicht - weiterhin den Facharzt in Anspruch, müssen aber zuvor die Überweisung holen (Ausnahme: Augen- und Frauenärzte). Das mag, je nachdem wie es in den Hausarztpraxen gehandhabt wird, nicht unbedingt zum „Gefühl” einer insgesamt besseren Versorgung führen. „Das Ganze braucht ein generelles Umdenken beim Patienten”, sagt Leonhard Hansen dazu, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Hansen, selbst Hausarzt in Alsdorf, hält die Ergebnisse beider Studien für „nicht besonders relevant”, aber anscheinend auch nicht allzu viel von den dazu untersuchten Hausarztmodellen. „Ein wirklicher Unterschied zur Regelversorgung mit echten Qualitätssteigerungen wurde bisher nicht unbedingt geschaffen.” So sei auch keine Kasse willens, „eigenmächtigen” Facharztbesuch von Patienten zu sanktionieren. Hansens Argwohn: Die Aqua-Studie könne den Kassen, auch Anlass bieten, wieder auszusteigen.

Völlig falsch liegt er damit vielleicht nicht. Die Aqua-Studie wurde von fünf Ersatzkassen in Auftrag gegeben, darunter die Techniker Krankenkasse (TK) und die DAK. Die TK bietet ihr Hausarztmodell bislang in drei Regionen an. TK-Sprecher Michael Schmitz: „Bislang ist noch nicht geplant, das nach der Testphase auszuweiten.

Die Kosten, die wir durch Mindereinnahmen bei den Patienten und Mehrvergütungen bei den Hausärzten haben, müssen durch Effizienzgewinne wieder hereinkommen. Das ist aber noch nicht nachgewiesen. Und bei der Evaluierung durch Aqua ist auch noch nicht herausgekommen, dass die Qualität der Versorgung verbessert wurde.”

„Das läuft noch nicht”

Der Sprecher der DAK, Jörg Bogdanowitz, sagt: „Das läuft noch nicht so, wie wir uns das vorstellen. Die Hausärzte müssen das auch erst einmal umsetzen, das muss auch zur Kostensenkung führen. Wir warten ab, welches Modell am erfolgreichsten ist.”

Das wird nun die Praxis in den Praxen zeigen. Während nämlich die untersuchten Programme freiwillig waren, muss seit April 2007 per Gesetz jede Krankenkasse ein Hausarztmodell anbieten. Erst in einigen Jahren wird man also wissen, wie normal der erste Gang zum Hausarzt ist.

Was Hausärztinnen der Region meinen

Dr. Irmgard Gollwitzer, Herzogenrath: „Ich habe ich nicht den Eindruck, dass das Hausarztmodell weitgehend wirkungslos ist. Dadurch, dass die Fachärzte den Hausärzten gegenüber Berichtspflicht haben, werden auch alle Informationen über den Gesundheitszustand eines Patienten an zentraler Stelle gesammelt. Das ermöglicht einen viel besseren Überblick als vorher. Es mag sein, dass nicht weniger Termine bei Fachärzten vereinbart werden, aber die Behandlungen können wesentlich besser gesteuert werden.”

Dr. Mechthild Neuefeind, Aachen: „Man sollte nicht vergessen, dass es mehrere Modelle gibt. Ich kann nicht unbedingt nachvollziehen, dass die Studie der Bertelsmann-Stiftung so richtig ist. Die Zahl der Überweisungen an den Facharzt ist ja vor allen Dingen deswegen gestiegen, weil viele jetzt erst, wo sie zunächst zum Hausarzt müssen, in die Statistik auftauchen.”