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Münster: „Niemand bringt sich gerne um”: Krisenhilfe Münster bietet Hilfe

Münster : „Niemand bringt sich gerne um”: Krisenhilfe Münster bietet Hilfe

Das Telefon klingelt. Beim zweiten Mal hebt ein Mitarbeiter der Krisenhilfe Münster ab. „Mir geht es gar nicht gut”, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Es ist alles zu viel. Ich habe keine Ahnung, wie es weiter gehen soll.” Solche Aussagen kommen häufig von Menschen, die gefährdet sind, sich selbst das Leben zu nehmen. Die Mitarbeiter haben ein offenes Ohr und bieten innerhalb von 24 Stunden einen persönlichen Gesprächstermin an.

Rund 1800 Menschen begehen jedes Jahr in Nordrhein-Westfalen Suizid, Bundesweit sind es gut 10 000 - das sind mehr Tote als etwa durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten oder illegale Drogen. Auf ihr Schicksal will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem Welttag der Suizidprävention an diesem Samstag (10.9.) aufmerksam machen.

„Ein Termin bei uns kann wie ein Anker wirken, der dem Betroffenen über den Drang, sich das Leben nehmen zu wollen, hinweg hilft”, berichtet Willi Riemer von der Krisenhilfe Münster. „Es überkommt die Menschen in Wellen. Eine Phase dauert etwa drei oder vier Stunden, dann lässt der Drang, sich umbringen zu wollen, erstmal wieder nach.” Ein Gespräch könne deshalb gegen den akuten Suiziddrang helfen.

Etwa 600 Menschen nehmen jährlich das Angebot der Krisenhilfe Münster an, darunter sind auch viele Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben. „Nicht selten benötigen auch sie Unterstützung”, erzählt Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Neben den Suizidtoten gebe es in Deutschland jährlich deutlich mehr als 100 000 Menschen, die einen Suizidversuch unternehmen.

Seit 28 Jahren unterstützt die Krisenhilfe Münster Betroffene und Angehörige. Bis heute gibt es nur wenige vergleichbare Anlaufstellen zum Thema Suizid in NRW, bei denen es persönliche Hilfe gebe, sagt auch Barbara Schneider, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention in Köln. Die meisten anderen Anlaufstellen bieten ausschließlich telefonische Beratung an. Um zu den Trauerseminaren für Angehörige kommen zu können, nähmen Teilnehmer deshalb teilweise zwei Stunden Anfahrt auf sich, sagt Riemer.

Dabei müsse mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, um der hohen Anzahl von Suiziden entgegenzuwirken, sagt Schneider. „Das Thema darf nicht tabuisiert werden, damit Betroffene angesprochen werden können. Es bedarf eines Bewusstseins in der Bevölkerung für das Thema.”

Auch Riemer hat die Erfahrung gemacht, dass es den Betroffenen schon hilft, offen aussprechen zu können, dass sie sich das Leben nehmen wollen. „Ich antworte dann: okay, aufgrund deiner Geschichte kann ich das gut verstehen.” Dann schaut er gemeinsam mit den Betroffen, wie es weitergehen kann. Denn nicht mehr leben zu wollen, hieße eigentlich, nicht mehr so leben zu wollen wie bisher. „Die Grundregel, auf der wir unser Handeln aufbauen, lautet: Niemand bringt sich gerne um”, sagt der 67-jährige mit tiefer, ruhiger Stimme. „Deshalb kann man mit den Leuten reden und auch verhandeln.” Der wichtigste Punkt sei, den Menschen zu vermitteln, dass sie nicht alleine gelassen werden.

Was dazu führt, dass Menschen nicht mehr weiterleben wollen, ist auch für Experten nicht ganz leicht zu sagen. Depressionen sind nur ein Auslöser. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dazu Forschungsergebnisse zusammen gefasst, denen zufolge Suizidgefährdung abhängt von gelingenden Beziehungen, dem Zustand der Gesellschaft und dem, was der Mensch als Individuum mitbringt. Letzteres können laut WHO genetische Veranlagung sein sowie chronische Schmerzen, aber auch finanzielle Schwierigkeiten oder Arbeitslosigkeit.

Auch Fiedler ist der Meinung: „Wer an einer psychiatrischen Erkrankung leidet, ist nicht notwendig suizidgefährdet. Und wer suizidgefährdet ist, ist nicht notwendig psychisch erkrankt.” Dafür spricht auch, dass in Deutschland das Suizidrisiko mit dem Alter steigt. Die Anzahl der Suizide ist in den Altersgruppen zwischen 45 und 75 am höchsten.

„Menschen verlieren den Lebensmut, wenn sie keine Perspektive mehr sehen”, berichtet Riemer. Deshalb sei es so wichtig, die Dinge zu sortieren, die sich den Menschen als großes Chaos darstellten. Genau dafür brauche es Einrichtungen wie die Krisenhilfe.

(dpa)