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Bad Homburg: Neue Hüfte, neues Herz: Alter schreckt Chirurgen nicht

Bad Homburg : Neue Hüfte, neues Herz: Alter schreckt Chirurgen nicht

Wenn jeder Schritt in der Hüfte schmerzt, werden Spaziergänge zur Qual. Und wer ein schwaches Herz hat, greift nicht mehr zur Gartenschere. Menschen, die ständig Angst oder Schmerzen haben, schränken sich selbst ein und können das Leben weniger genießen. Dabei ließen sich zumindest einige Beschwerden lindern - durch eine Operation.

Doch viele wagen diesen Schritt nicht, weil sie glauben, zu alt zu sein. Dabei operieren Chirurgen heute selbst 100-Jährige. „Alter allein sagt nichts darüber aus, ob ein Mensch operiert werden kann”, erklärt Prof. Knut Böttcher, Chefarzt an den Hochtaunus-Kliniken Bad Homburg. Noch vor einigen Jahren zögerten die Chirurgen eher. Da sei bei jedem Patienten über 80 Jahren lange über eine Operation diskutiert worden, erzählt Professor Friedhelm Beyersdorf, Herzchirurg an der Universitätsklinik Freiburg.

„Heute sind 15 Prozent aller Patienten über 80, und wir operieren auch 90-Jährige.”

Voraussetzung ist, dass die Patienten keine anderen schweren Krankheiten haben. Denn die Ärzte müssen vor jeder Operation das Risiko abwägen. Bei einem entzündeten Blinddarm beispielsweise hat der Arzt keine Wahl: „Er muss operieren, sonst stirbt der Patient”, sagt Hans-Erich Napp von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in Berlin. „Wenn einer nur mäßige Schmerzen durch eine Arthrose hat, ist das nicht der Fall.”

Leidet ein solcher Patient an einer schweren Herzerkrankung und Diabetes oder hatte er bereits einen Schlaganfall, werden die Ärzte genau prüfen, welche Operation sie ihm noch zutrauen können, sagt Prof. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin. Schließlich sei keinem geholfen, wenn ein bis dahin mobiler Mensch nach der Operation pflegebedürftig ist.

Neben den Erkrankungen spielt der Gesamteindruck eine Rolle. Tritt ein älterer Patient energisch und lebensfroh auf, hat er bessere Chancen nach einer Operation als einer, der „so schon kaum aus dem Bett kommt”, sagt Beyersdorf. Und bei einem Menschen, der geistig verwirrt ist und bei dem dadurch die Kooperationsfähigkeit fehlt, müsse ein Eingriff ebenfalls gut überlegt werden, ergänzt Bauer.

Lehnen die Ärzte eine Operation ab, hilft kein Schimpfen und Betteln. „Sie können sich natürlich an eine andere Klinik wenden und dort nachfragen”, sagt Napp. Einen Anspruch auf eine Operation habe der Patient aber nicht. Schließlich trage der Arzt die Verantwortung und müsse sich - wenn etwas schiefgeht - rechtfertigen.

Doch häufig zögern nicht die Ärzte, sondern die Patienten, sagen die Experten. Sie fürchten, zu alt für eine Operation zu sein. Auch Hausärzte und Angehörige raten laut Prof. Beyersdorf immer wieder von einem chirurgischen Eingriff ab - aus Sorge, es könnte etwas passieren. Dabei seien viele Ältere belastbarer, als sie selbst denken. „Wer noch zwei Stockwerke die Treppe hochgehen kann, ohne ständig anhalten und Luft holen zu müssen, der übersteht in der Regel auch eine Operation”, sagt Prof. Hartwig Bauer.

Durch modernere Techniken und verbesserte Narkoseformen sind viele Operationen heutzutage weniger belastend. „Die minimalinvasive Chirurgie kommt Älteren sehr zugute”, sagt Knut Böttcher. Das gesamte Operationsmanagement habe sich verbessert. Und die Anästhesie sei heute besser in der Lage, auch Komplikationen in den Griff zu bekommen, sagt Napp.

Zudem wüssten Ärzte mehr über alte Patienten. „Es kommt zum Beispiel immer wieder zu Verwirrtheitszuständen nach dem Aufwachen. Aber das weiß man heute, und daher beobachtet man die Leute länger”, erklärt Napp. Schließlich ist dank einer besseren Schmerztherapie gerade bei Älteren eine raschere Mobilisierung möglich: „Dadurch können Folgeerkrankungen wie Lungenentzündungen oder Thrombosen eher verhindert werden”, ergänzt Prof. Bauer.

Wie gut er eine Operation verkraftet, kann jeder einzelne beeinflussen. „Wer vor einer Operation fit ist, der erholt sich hinterher auch schneller”, sagt Prof. Böttcher. Da sich viele Operationen - etwa ein künstliches Hüftgelenk oder ein Bypass - planen lassen, sollten sich die Patienten vorher möglichst in Form bringen. Atemtraining vor der Operation beispielsweise minimiert nach Prof. Beyersdorfs Worten das Risiko einer Lungenentzündung.

Untergewichtige Patienten sollten vor der Operation zu Kräften kommen. Wer eher zu viele Kilos auf den Rippen hat, ist dagegen gut beraten, abzunehmen. „Dann muss ich nach der Operation, wenn ich zum Beispiel an Krücken gehe, nicht so viel Gewicht mit mir herumschleppen”, sagt Napp. Vor einer Knie- oder Hüftoperation lohne es sich, das Gehen mit Hilfen zu üben. „Wenn nach dem Eingriff eh alles wehtut, fällt das schwerer.” Er rät Patienten auch, schon vor und nicht erst nach einer Operation zur Krankengymnastik zu gehen.

Hat ein älterer Patient Beschwerden, ist aber ansonsten gut beieinander, braucht er nach Ansicht der Ärzte eine Operation nicht zu scheuen. „Wegen eines Herzfehlers muss heute niemand mehr mit Luftnot und Bewegungseinschränkungen leben”, sagt Prof. Beyersdorf. „Viele quälen sich lange bis zu einer Operation - oder warten bis es fast zu spät ist und ein Notfalleingriff die letzte Rettung ist.”